Gertraud Klemm: Herzmilch

von Antonia

Klemm-Herzmilch

Die österreichische Autorin Getraud Klemm beschreibt in ihrem Romen „Herzmilch“ die Sozialisation ihrer Ich-Erzählerin über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren. Von der Kindheit und dem Aufwachsen, bis zum Erwachsenenleben anaylsiert sie dabei schonungslos, was es für Frauen und Mädchen bedeutet sich in einer patriarchalen Welt zu entwickeln und einen Platz zu finden.

Die Ich-Erzählerin wächst in einer Kleinstadt der 1970er Jahre auf, studiert später Biologie, es folgt ein nichtzufriedenstellendes Erwerbsarbeitsleben, verschiedene Beziehungen zu Männern, schließlich wird sie schwanger, bekommt ein Kind, ist alleinerziehend und dann nicht mehr.

Das interessante an dem Buch ist die Verknüpfung der Darstellung einer scheinbar durchschnittlichen weiblichen Biographie mit der Analyse der Einflüsse eines Gesellschaftssystems, das an Frauen sehr starre Rollenerwartungen heranträgt und sie in ihrer Entscheidungsfreiheit einschränkt. So beschreibt die Protagonistin bereits in der Schulzeit, wie sie dieses Anderssein empfindet.

Das beginnt schon jetzt, irgendwie scheinen wir Mädchen aus einem anderen Material, etwas Massives, Statisches, das gut in der zweiten Reihe platziert ist, in einer sitzenden Position, für das Beobachten aus der Ferne und für das Willkommenheißen daheim gebaut. […]
Aber eigentlich sind Mädchen gar nicht schön. Zumindest ich nicht. Es beginnt mit dem schlampig gefalteten Fleisch zwischen meinen Beinen, mit schiefen Zähnen, mit Asymmetrien und Rauheiten. Es beginnt von innen und geht nach außen. Immer ist etwas nicht so, wie es sein sollte. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin unkomplett geboren, und was helfen würde, wird nicht nachwachsen. Das zwischen meinen Beinen ist nicht nur hässlich und unpraktisch, es birgt vor allem eines: Gefahr. Jemand könnte kommen und mir da seinen Penis hineinstecken. Das nennt man Vergewaltigung, hat meine Cousine gesagt. Ich kann mir das schwer vorstellen: Wollen die Frauen das Ding jetzt reingesteckt kriegen oder wollen sie es nicht? Ist es jetzt angenehm oder schrecklich? Mein Bruder hat kein Loch. Um ihn muss man nicht so viel Angst haben. (44-45)

Klemm lässt ihre Erzählerin in einer kindlich anmutenden Sprache Zusammenhänge und Auswirkungen von Vergewaltigungskultur beschreiben und macht damit die politischen Dimensionen des Aufwachsens des Mädchens sichtbar, eingebettet in Alltagshandlungen und Umgebungen. Die Sprache der Ich-Erzählerin entwickelt sich dabei im Laufe des Texte wie die Figur selbst. Immer weniger kommt dieser kindliche Ton durch, wird ersetzt durch die Sprache der Erwachsenen. Was bleibt ist die messerscharfte Gesellschaftsanalyse.

Als Leitlinie des Textes würde ich das „Kinderbekommenkönnen“ von Frauen festmachen. Diese Möglichkeit des Mutterwerdens bzw. -seins bestimmt das Leben der Protagonistin schon sehr früh und schreibt ihre Optionen Entscheidungen treffen zu können fest.

Kaum eine von uns träumt. Beim Träumen ist Vorsicht angebracht. Träumen hat etwas mit Raketen zu tun oder mit Bill Gates oder Beamen. Träumen ist inkompatibel mit Kinderkriegen. Träumchen allerdings gehen. (95)

Das Muttersein und Kinderhaben strukturiert ihr Leben wesentlich, ihre Entscheidungen, ihre Sozialisation als Mädchen und als Frau. Für die Ich-Erzählerin in Herzmilch scheint es dabei wenige Auswege zu geben. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder eine wird eingeholt von der Konvention des Kinderkriegens oder nicht, von ihr bestimmt ist sie ohnehin.

Frauen, die sich nicht den vorgegebenen Erwartungen entsprechend entscheiden, scheinen seltene Exemplare, so selten dass sie in einem Herbarium gesammelt werden sollten.

Ich wünsche mir eine Art Herbarium voll mit den Leben von Frauen, die sich zwischen 25 und 35 nicht zwischen Karriere und Kindern entschieden haben und monogam leben und zu Ferragosto nach Italien auf Urlaub fahren. Solche, deren Lebensplanung nicht voller Etappenziele ist, die dicht an dicht stehen, wo Konventionen mit Kompromissen verknotet sind. (116-117)

Später als sie alleine lebt und sich mehr oder weniger intensiv ihrem Arbeitsleben widmet, gestaltet sich der Kontakt zu Freundinnen die Kinder bekommen haben besonders schwierig. Sie verwendet von nun an den Begriff Muttertier. Das Muttertier ist kein Mensch mehr, es ist eine völlig andere Gattung von Lebewesen.

Das aufrichtige Gespräch, das wir nicht führen, würde ja doch nur unweigerlich in einen Konflikt münden, der keiner sein darf. An einer kleinen Missstimmigkeit würde sich ein Stellvertreterkrieg entzünden: Muttertier gegen Karrieresau. Oder eher: Muttertier mit Karriereoption gegen Karrieresau mit Kinderwunsch. Es ist unsere Passion, einander gegenüberzustehen. Wir tragen schwere Fahnen, auf denen steht: Wir sind eh glücklich. Die schwenken wir immer, wenn wir uns fragen, wie es so weit kommen hat können. Daran, dass wir nicht beides, Würde und Kinder, haben können, ist immer die Frau gegenüber schuld. (163-164)

Und dann ist sie selbst schwanger und wird zum Muttertier und es wird deutlich, wie sie sich dadurch von der gesammten Gesellschaft in Besitz genommen, ja regelrecht entmündigt fühlt.

Ich gehöre der Schwangerschaft und die Schwangerschaft gehört der Gesellschaft. Jeder hat ein Anrecht auf eine Pension und auf Steuerzahler-Nachwuchs. Jeder und jede darf und muss eine Meinung haben und einen Ratschlag absondern. (192)

Bei alle der empfundenen Last und dargestellten Unterdrückung stellt sich die Frage, ob die Ich-Erzählerin, bzw. Getraud Klemm einen Ausweg, die Möglichkeit des Ausbrechens, des Veränderns sieht. Diese Hoffnung bleibt am Ende nur sehr vage. Der Roman schließt mit einem Epilog, in dem zumindest von der schlafenden Revolution die Rede ist.

Ich höre das leise Quieken einer Revolution. Die Revolution schläft zusammengerollt hinter den sanften Hügeln des Alpenvorlandes. Sie füllt die Täler des schattigen Speckgürtels mit ihrem muskulösen Leib, und ihre Schwanzspitze reicht schon in die großen Städte. Das Geheimnis ist, sie schlafend zu wissen. (237).

Gertraud Klemm ist es hervorragend geschafft ihre intelligente feministische Analyse in einen spannenden und sprachlich sehr gelungenen Roman zu verpacken. In einem Interview sagte sie, dass sie 2005 ihre Arbeit als Biologin hinter sich gelassen hat, um einen anspruchsvollen, humorvollen und feministischen Roman zu schreiben und diesen in einem guten Verlag zu veröffentlichen. Ich würde sagen, alle diese Vorhaben sind bestens gelungen! Aufklappen-unbedingt!

 

Termine und Links:

Die Autorin Getraud Klemm liest am Freitag den 27.6.2014 um 19:00 aus ihrem Roman Herzmilch in der Buchhandlung ChickLit, 1010 Wien

Gertraud Klemm ist nominiert für den BACHMANNPREIS 2014 – Tage der deutschsprachigen Literatur, Klagenfurt, 29.6. – 6.7.2014

 

 

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3 Kommentare

  1. Habs gelesen und regelrecht verschlungen. In den Schreibstil hab ich mich sofort verliebt und zwischenzeitlich wollte ich auf den Mars auswandern weil ich mich so oft wiedergefunden hab, dass es schon bedrückend war. Aber ich träume noch (ohne Goretex und Tupperware) 😉

  2. Pingback: Ein halbes Jahr ohne Konsum… | Krach Bumm

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