Mein grantiges Kind

von Anna Lisa 

 

Meine Tochter lacht viel. Sie schreit auch viel und kann ganz gut tobend auf dem Boden liegen. Ich glaube, fast alle Zweijährigen können gut lachen und gut toben und das manchmal wechselnd im Minutentakt – ich würde also nicht sagen, dass an ihr irgendetwas besonders oder gar „abnormal“ wäre. 

© Anna Lisa

Begegnen wir aber fremden Menschen, sagt sie kein Wort und lächelt nicht. Es gab eine Phase, da hat sie zu jedem Spaziergang eine Decke mitgenommen und sich die über den Kopf geworfen, wenn jemand sie angeschaut hat. Eigentlich keine schlechte Idee…ich möchte das manchmal auch gern machen…
„Warum schaut sie denn so böse?“
„Ein skeptisches Kind!“
„Gugugugugu, jetzt lach‘ doch mal!“
Ertönt es von allen Seiten und mit einer Hartnäckigkeit, die mich immer wieder erstaunt. 

Wir wohnen in einem großen Haus und nachdem die Sandkiste in unmittelbarer Nähe der Haustüre steht, kennen wir so ziemlich alle Nachbar_innen zumindest vom Sehen. Manche grüßen freundlich, manche schauen starr geradeaus, nur um nicht Hallo sagen zu müssen und wieder andere kommen zum Plaudern etwas näher. Und die meisten wollen scheinbar ein Lächeln meiner Tochter. Sie machen Witze, grinsen wie die Honigkuchenpferde, beugen sich hinunter und halten wieder viel Abstand – doch nichts hilft. Mein Kind schaut ernst.
„Die schaut immer so grantig.“, sagt ein Nachbar beinahe täglich. Anfangs habe ich genickt und gelächelt, es ignoriert oder so dümmliche Sätze gesagt wie: „Sie kommt halt nach ihrem Papa.“ Dann meinte ich mal, dass sie nicht grantig, sondern eben einfach ernst, weil schüchtern, schaut. „Für mich macht das keinen Unterschied.“, erwiderte der Nachbar und ging. Der Satz brodelte weiter in meinem Inneren und machte mich langsam…richtig grantig. 

Vielleicht würde das „fehlende“ Lächeln meiner Tochter gar nicht so auffallen, wenn ihr kleiner Bruder nicht alles und jede_n mit einem breiten Grinsen begrüßen würde.
„Ein sonniges Kind!“
„Der Kleine, der lacht immer!“
Die Meute ist entzückt vom sonnigen Wonneproppen, der bei Mama im Tragetuch hockt und die Welt mit seinem Lächeln bereichert. Ich lade alle herzlich ein, ihn mal nachts oder im Kinderwagen sitzend zu erleben. Da sucht man es vergeblich. Das interessiert nur niemanden, weil das ja mein Problem ist. 

Und dann fiel folgender Satz, als wir vor unserem Haus saßen und mein Sohn seine große Schwester bewundernd ansah wie sie einen hübschen kleinen Sandkuchen buk: „Schau nicht zu der da drüben, sonst wirst du vielleicht auch noch so.“

.

.

.

Was. Soll. Das?! Der Nachbar grinste, winkte ab, schwang seinen Stock und ging davon. Und ich sagte gar nichts. Und wie mich das jetzt noch wurmt, dass ich geschwiegen habe. „Die da“ ist immerhin meine Tochter und sie ist ein liebes, fürsorgliches, umsichtiges, hilfsbereites, eigenwilliges Kind, das einfach eine Sache nicht tut: jede_n anlächeln. 

Das muss sie auch nicht und das werde ich nicht von ihr verlangen, weil ihr Lächeln weiterhin von Herzen kommen soll, weil sie es den Menschen schenken soll, denen sie es von sich aus schenken will, weil es meiner Meinung nach genug aufgesetzte, oberflächliche Freundlichkeit auf dieser Welt gibt. 

Seit dieser Satz fiel und ich in meiner mütterlichen Verteidigungskunst so versagt habe, nehme ich mir vor, es nicht mehr zuzulassen. Ich will nicht, dass alle Welt meiner Tochter sagt, sie schaue grantig. Sie ist zwei Jahre alt und bekommt ständig zu hören, sie guckt falsch und ihr Bruder guckt richtig. 

Mir stinkt’s. Sollen die Kinder doch drein schauen wie sie wollen. 

Nachdem ich mich entschlossen hatte, der nächstbesten Person, die einen ähnlichen Kommentar von sich gibt, meine im Geiste vorbereitete Rede für mehr Blickfreiheit bei Kleinkindern entgegenzuschmettern, kam plötzlich nichts mehr. Vielleicht riecht es die Meute…vielleicht aber schaue ich nach all den schlaflosen Nächten auch schon so grantig drein, dass sich niemand mehr etwas zu sagen traut 🙂

 

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7 Kommentare

  1. Damina

    Deine Tochter hat großes Glück, dass du sie so annimmst, wie sie ist! 🙂
    In meinem Bekanntenkreis gibt es ein kleines Mädchen, dass unglaublich schüchtern ist und sich vor jedem Fremden versteckt. Leider ist das den Eltern furchtbar unangenehm und sie schimpfen mit ihr, wenn sie sich an den Beinen der Eltern festklammert und jeden Blickkontakt vermeidet. Und sagen Dinge wie: “Deine kleine Schwester kann das doch auch.” :’-(

  2. rabenmutter1

    Liebe Anna Lisa
    Ganz toller Text!! Respekt gegenüber Kindern haben die wenigsten und das nervt extrem!
    Ich bin die rabenmutter.ch und blogge für wir eltern. Darf ich deinen Text bei uns verlinken? Das wäre cool!
    Danke für ein kurzes Feedback.
    Liebe Grüsse
    Nathalie
    Von meinem iPhone gesendet
    >

  3. Damina, es ist für Eltern gar nicht so leicht, wenn das Kind anders tut als das Umfeld das grad gern hätte und ich ertappe mich oft genug dabei, dass ich das verhalten meiner Tochter fast schon entschuldige oder zumindest erkläre. „Sie ist ein bisschen schüchtern“ etc., wobei ich das nur sage, wenn mein Gegenüber gar nicht locker lässt. Eigentlich ist das doch eh offensichtlich und ich will meinem Kind gar nicht dauernd vorsagen, es sei schüchtern oder dieses und jenes. Ein Kind soll doch auch mal einfach sein können, ohne das dauernd kommentiert zu bekommen, oder?

    Rabenmutter1, ja gern! Freut mich!

    Ich kann mich noch an dieses Gefühl der absoluten Scham erinnern, wenn mich als Kind fremde Erwachsene angestarrt haben und wenn sie dann sagten, ich sei aber schüchtern oder „gschamig“. Und dann kam meist ein breites Grinsen und ich kam mir vor als sei ich irgendwie blöd. Wenn ich merke, dass ein Kind nicht mit mir kommunizieren will, lass ich es doch einfach…

  4. pitz

    Anna Lisa, mein größeres Kind war auch so als Baby und Kleinkind. Bei Kommentaren habe ich immer gesagt, dass es so böse und konzentriert schaue, weil es gerade die Situation analysiere, und dann bekamen die, auf deren Kommentar ich verzichten konnte, Angst und gingen weg 🙂

  5. Eva

    Mir wurde als Kind auch öfter mal gesagt, ich solle doch nicht so ernst gucken, sondern lächeln wie mein großer Bruder. Ich hab dann in den Spiegel geschaut und erstaunt festgestellt, dass mein normal-entspannt-gucken anscheinend ohne Lächeln auskommt. Dafür kommt heutzutage bei Vorträgen und anderen offiziellen Veranstaltungen mein eher ausgeprägtes Lächeln anscheinend zu mädchenhaft rüber. Ich denk mir: Ihr könnt mich alle mal – frau kann’s einfach keinem recht machen.

  6. frausiebensachen

    @ annalisa, wie schön, daß du bei deiner tochter stehst. (daß der kleine bruder vermutlich noch garnicht beim fremdeln angekommen ist und die schwester völlig überwältigt von der großen welt, daran denkt keiner der aussenstehenden, was?)

    ich war auch so und meine mittlere ist auch so, auch mit neun noch.
    mädchen dürfen halt nicht so sein, wie sie sind, sie müssen lieb und nett sein. ernst oder kritisch geht nicht, wenn dann grantig oder grimmig…

    @pitz, „weil es die situation analysiere“ ist eine super antwort!

  7. Pingback: Frohes neues 2015 | fuckermothers

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