Geruch der Mutterschaft

von Jeanna

Es fängt damit an, dass dein Frühstückskaffee plötzlich nach gebranntem Gummi riecht. Milch hilft nicht, andere Kaffeesorten zu kaufen auch nicht. Herzlichen Glückwunsch, Muttersein fängt an! Es ist nun so. Trink den Tee!

(CC) Ken Nickerson

(CC) © Ken Nickerson

Leider gehörst Du nicht zu den glücklichen, die eine leichte Morgenübelkeit nur 3-4 Wochen lang haben. Um alle Ecken deiner Stadt zu hassen anzufangen, brauchst du etwas länger. Monatelang weißt du sogar hinter einer geschlossener Tür, wo Raucher_innen wohnen, was, wie oft und wie intensiv sie rauchen, wie viele es sind, in welcher Hand sie die Zigarette halten und ob ihre Urgroßeltern auch mal geraucht haben. Rauch ist überall. Er vermischt sich mit den giftig aufdringlichen Abgasen einer Großstadt zu einem Benzin-Schweiß-Staub-Farbe-Gulli-Ichhassediemenschheit Cocktail. Es endet nie. Und dann irgendwann im 6. Monat rollst du in eine Bäckerei herein und verstehst, dass du ihn wieder erkennst, den alten guten Kaffeegeruch. Mädchen, du darfst es tun. Achte nicht auf die verwunderte Brötchenverkäuferin, wein, wein vor Glück!

Und wenn du wieder du bist, wenn du entdeckt hast, dass Blut nach frischem Fisch riecht, wenn dein Bauch endlich den Namen hat und eigentlich kein Bauch mehr ist, kurz gesagt, nach der Geburt, kommen die neuen Gerüche. Angenehm und gewöhnungsbedürftig, eindeutig süchtig machend und manchmal ekelig. Sie machen jetzt deine Mutteralltagslandschaft aus.

Babyöl riecht nach Kalendula, Stilltee riecht nach Kümmel, T-Shirts riechen nach Milch, Milch riecht nach Banane mit einem Tröpfchen Zitrone, hypoallergene Ersatzmilch dagegen nach etwas unausgesprochen Abstoßendem, wie zerquetschte Schnecken. Der neue Kinderwagen riecht nach Autoreifen, Kleidung nach einem Waschmittel mit Zusatz im Titel “Sensitiv”. Dein Leben riecht nach verbrannt, verpasst und nicht ausgeschlafen. Manchmal nach Tränen. Manchmal nach Streit und “Entschuldigung, ich habe überreagiert!”. Deine Mutter riecht nach Wind der Reise zum Enkel, deine deutsche, sonst dich nicht besonders mögende Schwiegermutter riecht nach List und polnischen Pirogen deiner Mutter. Und etwas Kognak. Das darf man sich doch erlauben, oder?

Die Pampers riechen leicht nach Plastik. Außer sie riechen nach voll. Voll”, übrigens, riecht nach Quark. Entschuldigung.

Frühling riecht nach Blumen im Park, Winter nach Schnee und Zimt, Sommer nach Meersalz auf der Haut. Nach allen schönen Banalitäten, für die du früher nicht die Zeit genommen hast und jetzt automatisch zusammen mit deinem Entdecker neu bewundern lernst.

Und dann kommen die Gerüche von Salben, Hustensäften und Schokolade. Druckfarbengeruch der ersten und Bibliothekenstaubgeruch der nächsten Bücher. Vanille der Geburtstagskuchen, die dir jedes Jahr immer besser gelingen, bis er irgendwann lieber Bier als Süßigkeiten den Freunden anbietet.

Ohrfeige riecht nach Beruhigungstropfen und seiner erster Zigarette. Dann riecht es nach Papas Rasierwasser “Old Spice” und Tulpen für die Kleine im frechen Mini-Rock. Oder für die Kleinen … oder den Kleinen. Beruhigungstropfen riechen, übrigens, gar nicht so schlimm, wie am Anfang.

Und irgendwann riecht sein Kissen nach einem Haargel Brise, und sein zufällig im Bad vergessenes nicht mehr von dir gekauftes Shirt riecht nach seinem erwachsenen Sportschweiß und nach einem Deo, von dem du keine Ahnung hast, wie es heißt und was es kostet.

Und immer weißt du, wie sein Köpfchen gerochen hat. Nach einer starken Droge. Da bist du dir ganz sicher, selbst wenn du nicht weißt, wie die eigentlichen Drogen aussehen und riechen. Den Geruch kann man noch schlechter als Milchgeruch beschreiben. Da hilft auch nicht die aus künstlerischer Verzweiflung ausgedachter Vergleich mit Banane. Der ist noch “schlimmer”. Macht süchtig vom ersten Schnuppern. Überlege Dir gut, ob du wirklich so eine Junkie werden möchtest.

Na, wie war heute dein Frühstückskaffe? Tief atmen! Alles ok bei dir?

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5 Kommentare

  1. Wunderbar! Und so wahr!

    Danke.

  2. cashews kopf roch ja so frisch ausm bauch einfach „fleischig“…gewöhnungsbedürftig 🙂

  3. frausiebensachen

    oh ja. *hach*
    wunderbar geschrieben.

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