Expertinnenrat zu „Bitte melde dich!“

Vor zwei Wochen hat sich Eva hier Gedanken über Fern-Freund_innenschaften (zwischen Elternschaft und Kinderlosigkeit) gemacht und darüber, wie sie aufrecht gehalten werden können, auch wenn eins wenig Zeit hat. In den Kommentaren haben einige Leser_innen schon Tipps aus dem eigenen Alltag gegeben. Wir haben darüber hinaus Psychologin und (Frauen-)Coach Daniela Reiter um einen Expertinnenratschlag gebeten.

Kinder und Freundschaften – ein spannendes Thema. Als ich noch ohne Kind war, war es mir wichtig, den Freundinnen mit Kind(ern) zur Verfügung zu stehen, als Konstante, als Verbindung zum „Anderen“. Ich erinnere mich daran, wie ich war, als kinderlose Freundin. Ich wusste alles, hatte Verständnis, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. „He, wir haben alle manchmal viel zu tun!“ Mittlerweile treibt mir die Erinnerung daran teilweise die Schamesröte ins Gesicht. Aber dann kann ich wieder gut sein zu mir: Ich habe es halt nicht besser gewusst. Und die Freundinnen, haben die was gesagt damals? Wie wäre es gewesen, wenn die eine oder andere Tacheles geredet hätte mit mir? Zum Beispiel: „Ich glaube, Du verstehst das nicht ganz. Du bist mir wichtig, unsere Freundschaft ist mir wichtig, aber es gibt einfach nicht genug Zeit und Energie. Ich hoffe, dass das eine Phase ist (wie so vieles bei und mit Kindern). Dass ich bald wieder mehr Zeit und, ja, auch Lust habe. Aber jetzt geht es nicht. Ich freue mich über deine Anrufe, ich möchte dich gerne sehen, aber ich brauche deine Unterstützung dabei. Schau einfach, was du geben kannst und willst.“ Mmh … Ich weiß es nicht.

Mittlerweile habe ich die Gruppe gewechselt. Denke zwischendurch immer wieder mal, dass nur ich es nicht auf die Reihe kriege. Freue mich, wenn sich Freundinnen melden. Aber nicht immer, manchmal stresst es mich auch einfach.

Ich arbeite viel mit Frauen zusammen, die in einer ähnlichen Situation sind: Meistens eingespannt zwischen Kind, Beziehung, Arbeit, sonst noch was? Ihnen sage ich, was ich mir selber auch immer wieder vor Augen führen muss (schließlich sind wir alle Lernende): Die eigenen Grenzen zu erkennen, nämlich frühzeitig, ist der erste – und oft auch der schwierigste – Schritt. Dann muss ich sie aber akzeptieren (auch nicht ohne) und schließlich auch kommunizieren! Je einfacher und klarer, desto besser. Vielleicht kocht es sich auch zusammen auf: Du bist mir wichtig, aber ich kann jetzt nicht.

Andere Aspekte: Ich merke, dass sich durch das Kind vieles geschärft hat. Dass mein Blick klarer geworden ist, mein Urteil kritischer. Keine Zeit und keine Energie für unangebrachtes Harmoniebedürfnis, für Gefallen-wollen. Das Ausmisten fällt schön langsam leichter. Dazu gehören Dinge in der Arbeit genauso wie Beziehungen. Danke, mein Pflichtbewusstsein und das schlechte Gewissen konzentriere ich jetzt auf meine Familie.

Bei der Vorbereitung für diesen Text bin ich irgendwann zum Stillen gekommen als Metapher: Zwei Beteiligte, unterschiedliche Bedürfnisse, die Grundsatzentscheidung: nach Bedarf oder nach Plan. Wenn nach Bedarf, dann die Frage, wessen. Meist schwierig dabei, zumindest am Anfang: die eigenen Bedürfnisse mitdenken.

Auch bei Freundschaften geht es um das Stillen von Bedürfnissen, um Caring & Nurturing. Die Freundschaft an sich kann natürlich gepflegt werden, zum Selbstzweck quasi, um ihrer selbst willen. Aber wozu? Lautet die Antwort: „Weil es die Freundin halt erwartet“ oder „Weil es sich so gehört“, dann ist die Motivation wohl eher gering. Ist es hingegen: „Weil ich das brauche“ oder „Weil ich die Freundschaft für später erhalten will“, dann lässt sich auch eher die Lust dafür finden. Und um Lust geht es ja wohl!

Freundschaften durchlaufen sowieso immer Phasen. Auch andere Lebensereignisse und -umstände können zu mehr Distanz führen: Beginn einer romantischen Beziehung, Auslandsaufenthalte, intensive Phasen der Erwerbsarbeit, politisches oder ehrenamtliches Engagement, …

Mit Kindern ist aber mehr verbunden. Wenn wir uns zur Veranschaulichung das Fünf-Säulen-Modell der Identität anschauen, dann wackelt es da an allen Enden gewaltig: Beziehung zum Ich (ich persönlich habe das Mutterwerden als große Identitätskrise erlebt. Ich? Existiert das überhaupt noch? Hier vergaß Freud: Die Eltern sind es, die erst erkennen müssen, dass sie nicht eins sind mit dem Kind); Beziehung zum Körper (Schlafmangel, körperliche Nähe, vielleicht Geburt, vielleicht Stillen); Beziehung zu anderen (nicht nur die zu Freund_innen, auch alle anderen sind herausgefordert: die Beziehung zu Partner_innen, die zu den Eltern, die zu größeren Kindern, die zu allen Personen aus dem beruflichen Umfeld); Normen und Werte (so vieles, das ich vorher fix WUSSTE, ist jetzt in Real Life doch ganz anders) und nicht zuletzt der Status (es gibt bei uns nur wenig, das den Status ähnlich stark beeinflusst, wie Mutter* zu werden). Also: Alles fünf Säulen massiv herausgefordert (es heißt, dass das Wackeln von zwei Säulen als schwierig und das von dreien als Krise erlebt wird). Da bleibt nur mehr eines: Hilfe anfordern! Und Freund_innen können am einfachsten mit Verständnis helfen.

Um die eigenen Bedürfnisse geht es also. Ein bissl Weitblick schadet natürlich nicht und ich kann in Freundschaften investieren, indem ich mir vom raren Gut Zeit & Energie etwas abspare, um es längerfristig gut anzulegen. Hier hilft ein ehrlicher Blick: Ist es das, was ich in ein paar Jahren herausbekommen möchte?

Hier zeigt sich oft, was die Basis der jeweiligen Freundschaft ist: Sind’s nur die Lebensumstände, die bisher gleich/ähnlich waren, dann war’s das wohl. Ist es die gemeinsame Geschichte/Vergangenheit, dann bleibt das als Basis auch über längere Pausen hinweg bestehen. Sind’s gemeinsame Interessen, dann kommt es drauf an, ob mir die noch wichtig sind (zumindest theoretisch) – vielleicht ist die Freundin dann auch die Verbindung zu einem Teil von mir selbst, der gerade zu kurz kommt.

Das Beste, was wir für andere tun können, ist es, dass wir uns gut um uns selber kümmern. Noch einmal zurück zum Stillen (von Bedürfnissen). Eine gute Freundin hat mir dafür mit folgendem Bild geholfen: Im Flugzeug musst du bei Abfall des Kabinendrucks auch zuerst deine eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor du anderen helfen kannst. Vielleicht geht es jetzt aber auch gar nicht darum, der Freundin zu helfen.

Daniela Reiter ist freiberufliche Arbeitspsychologin, wobei sie „Arbeit“ definitiv nicht nur auf Erwerbsarbeit bezieht. Sie stärkt Frauen einzeln und in Gruppen, in Wien oder in Finnland bei ihrer jährlich stattfindenden Frauen-Coaching-Woche. Ihr gefällt, dass sie sich dabei selber immer wieder zuhören kann, weil die eigene Weisheit im Dialog halt leichter zugänglich ist.

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