Schreimutter

von Martina

 „Schreimutter“ von Jutta Bauer, Verlag Beltz und Gelberg, erste Auflage 1998, als MinimaX-Ausgabe ISBN 978-3-407-76118-7
Schreimutter

Schreimutter | Beltz & Gelberg

„Schreimutter“ von Jutta Bauer vermittelt in einem Bilderbuch für ganz Kleine zwei aufeinander bezogene Botschaften:
1. Wenn Mama schreit, ist das traumatisierend.
2. Aber Mama ist eine gute Mama und macht alles wieder heil.
Das ist eine verzwickte Botschaft, die meisten Rezensent_innen haben sich auf den zweiten Teil konzentriert: nach dem Motto „Ende gut, alles gut“.  Ich liebe Happy Ends; aber mit dem Buch bin ich nicht happy, auch das Happy End kommt mir schräg vor.
Dazu fange ich dann doch mal vorne an: Jutta Bauer beschreibt in kräftigen Farben und ganz kurzen Sätzen schlaglichtartig, wie ein kleines Pinguinkind im wahrsten Sinne des Wortes kaputt geht, dass es auseinanderfällt vor Schreck, als es von der „Schreimutter“ – ja – angeschrien wurde.  Und, dass es wieder heil wird und in Verbundenheit mit der Schreimutter ist. Happy end!
Auf den ersten Blick ein sehr ansprechendes, packendes Buch für Leute so ab 2 Jahren: dynamische Bilder, Kind und Mutter  ohne typische Geschlechtsmerkmale.
Auf den zweiten Blick ein aufwühlendes Buch auch in anderer Hinsicht.
Die Erfahrung, dass es sich „kaputt“ anfühlt, wenn es eine schlimme emotionale Erschütterung gibt, dass es sprachlos macht und sich fragmentiert anfühlt, ist eindrücklich veranschaulicht: Pinguinkind fliegt auseinander. Der Kopf hier hin, der Schnabel dorthin, die Flügel wieder woanders, die Füße … und vor lauter Aufregung laufen die weit und immer weiter.
Eine gute Schilderung, was in intensiven, bedrohlichen Situationen passiert: ein Gefühl der Gefühllosigkeit, des Kontrollverlusts, des Wie-betäubt-Seins, des Neben-sich-Stehens  – das machen die Bilder auf annehmbare Weise klar, und der so bebilderte Schockzustand ist dadurch gemildert, dass es konkrete Bilder für einen Seelenzustand gibt. Das wirkt eindrücklich und schräg zugleich, es macht nicht Angst, es zeigt aber Angst.
Schreimutter | Jutta Bauer

(c) Jutta Bauer

Aus unerfindlichen Gründen kriegt dieses Erleben nun überflüssigerweise durch den Titel „Schreimutter“ aber nun noch eine Botschaft, über die ich mich ärgere: Mutter = Schreimutter. Ist jeder Schrei traumsatisierend und böse, böse, böse? Schreien Mütter „immer“? Schreien nur Mütter? Wozu diese platten unterschwelligen Botschaften?
Nun, es gibt ja noch das Happy End.
Wie wird die Einheit aber wieder erreicht?  „Schreimutter“ sammelt alle Teile ein und näht sie wieder zusammen und sagt „Entschuldigung“. Pinguinmutter und Pinguinkind stehen auf einem großen Schiff, Mutter hat die Flügel wie zur Umarmung um das Kind, sie gucken vergnügt. Klappe, aus und fertig: Happyness!
Schreimutter | Jutta Bauer

(c) Jutta Bauer

Autsch, das ist dann doch etwas daneben gegangen!
Es ist doch völlig unnötig, diesen Schrei der Schreimutter zuzuschreiben, finde ich. Sicherlich ist es sehr realistisch, dass eine Verstörung besonders intensiv ist, wenn eine Bedrohung oder Verunsicherung von sehr nahen Personen ausgeht, also wenn „Mutter“ oder „Vater“ schreien, aber Schreimutter wird hier geschildert als „Schrei- und plötzlich-zusammen-näh-Mutter“. Das macht diese Frau zu einer gänzlich unberechenbaren Person, mal ist die so explosiv drauf, dass alles auseinanderfliegt, mal macht die plötzlich (im Buch steht: „da kam ein großer Schatten“. Das war dann Schreimutter, die bis auf die Füße alle Teile zusammengenäht hatte) „alles ist gut“! Zusammennähen, entschuldigen – fertig.
So unvorhersehbar wie da Schreimutter „gut“ oder „böse“  handelt, wird das richtig gefährlich! Das verstärkt meiner Meinung eher Unsicherheit, Abhängigkeit und ambivalente Gefühle des Kindes zur erwachsenen Person. So entsteht beim Kind eine „gelernte Hilflosigkeit“. Ohne das Gefühl, dass das eigene Handeln und Fühlen einen Einfluss auf das Handeln einer wichtigen Person hat (also: was hat Pinguinkind getan, bevor Mutter schrie, was hat es getan, was Mutter dazu gebracht haben könnte, alles wieder gutmachen zu wollen?), ist Pinguinkind wie quasi der Willkür der Mutter ausgesetzt.
Eine Seite, die gezeigt hätte, Mutter hat verstanden, jetzt braucht Pinguinkind Hilfe und Nähe und Sicherheit, vermisse ich dringlich. Nein. Mit einem Schlag ist alles gut. Padauz. Mütter sind eben DOCH IMMER an allem Schuld …  Die Darstellung dessen, wie sich (auch) Kinder am Boden zerstört fühlen können, finde ich gelungen, weiter darauf aufbauende Botschaften sind misslungen.
Also selber weiterzeichnen und dazwischenkritzeln und den Titel weglassen? Das Buch hat den Jugendbuchpreis bekommen. Von mir bekommt es Fragezeichen.
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Ein Kommentar

  1. Ich finde das Buch FURCHTBAR!!! und bin immer wieder verwundert wenn es irgendwo auftaucht und gut gefunden wird.

    Das Pinguinkind zieht doch erstmal allein los und sammelt seine Teile wieder ein, dabei hat es keine Hilfe.
    Dann wird es zusammengenäht und hat Narben…jedes Kind das schonmal eine Spritze bekam wird das Happy End im miteinernadelzusammennähenwasvorherkapurrgebrüllt wurde wohl kaum sehen.
    Es ließ sich für mich auch kein Lächeln der Pinguinmutter oder irgendein anderes Anzeichen von Versöhnlichkeit erkennen.
    Der Schatten als die Mutter kommt…
    Ich find das Buch echt furchtbar misslungen in seiner, eigentlich guten, Absicht.

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