mama, die superheldin

anonym

Inhaltswarnung: es wird indirekt (sexualisierte) gewalt an kindern thematisiert.

als ich mir vornahm diesen text zu schreiben, hatte ich gerade verschiedene diskussionen über mutterschaft und psychische erkrankung bzw. traumafolgen hinter mir. ich hab verschiedene sachen dazu gelesen. meist von betroffenen. und ich hab an meine mutter gedacht. eigentlich wollte ich für diesen text meine mutter interviewen, ich hab mich dann aber nicht getraut. vielleicht schaff‘ ich dass dann später mal. ich schreibe diesen text anonym, weil er nicht nur von mir handelt. und weil dass, was hier thema ist, immer noch nicht offen thematisiert wird in unserer gesellschaft. es folgt ein subjektiver text über meine errinerungen an ein leben mit meiner mama, auf deren abrechnung mal stand: post traumatische belastungs störung.

meine mama ist in (psycho-)therapie seit ich denken kann. das habe ich immer als etwas völlig selbstverständliches wahrgenommen, allerdings auch etwas, von dem mensch anderen nicht erzählt. warum meine mutter sich auf diese weise um sich kümmerte, wusste ich auch. sie kommt aus einem gewalttätigen elternhaus. meine mutter hat 10 geschwister. ihre eltern waren alkoholabhängig. ihr vater war sexuell übergriffig gegen ihre geschwister. mama hat ihr elternhaus verlassen als sie 17 jahre alt war.

für mich war es völlig selbstverständlich mit nur einem großelternpaar aufzuwachsen, die eltern meines vaters. ich wusste, dass der vater meiner mutter noch lebt. wir hatten keinen kontakt zu ihm, ich bin ihm einmal begegnet auf der hochzeit einer tante. ich hab nicht mit ihm gesprochen, meine mutter hatte mir gesagt, ich solle weglaufen, wenn er mich anspricht.

als ich in der grundschule war, erste oder zweiten klasse, muss es einen artikel über die kinderrechtskonvention gegeben haben, auf jeden fall erinnere ich mich daran, wie meine mutter uns mit der zeitung in der hand erzählt hat, dass es jetzt endlich verboten ist, kinder zu schlagen. (das gesetz, in dem kindern eine gewaltfreie erziehung zugestanden wird, wurde erst im jahr 2000 verabschiedet, 1992 stimmte der bundestag der kinderrechtkonvention der vereinten nationen zu).

als ich in die gesamtschule kam (also so mit 10 oder war es später?) meldete meine mutter mich für selbstverteidigungskurse an. wir hatten immer viele broschüren und bücher im haus, die die körperliche selbstbestimmung propagierten. mir war immer klar, das mich niemand anfassen darf, wenn ich das nicht will. mir war auch immer klar, dass kinderschlagen nicht in ordnung ist.

wenig später hat meine tante, zu der wir vorher keinen kontakt hatten, meinen großvater angezeigt. sie war oft zu besuch damals und hat zeitungsausschnitte mitgebracht, in denen von dem verfahren berichtet wurde. er wurde verurteilt. eine haftstrafe auf bewährung mit der auflage, eine therapie zu machen. was daraus wurde, weiß ich nicht. er wird sie wohl gemacht haben, wenn er ins gefängnis gegangen wäre, wüsste ich das vermutlich.

darüber zu sprechen ist extrem seltsam, ich bin ja nicht die betroffene, meine mutter, meine tanten und mein onkel sind es und doch ist es auch teil meiner geschichte.

als ich anfing mich für linke (feministische) politik zu interessieren, hatte ich das starke verlangen an das haus meines großvaters zu fahren und ihm ein „vergewaltiger wir kriegen euch“ plakat an die tür zu nageln. ich hab es nicht getan. manchmal wünsche ich mir das heute noch.

als jugendliche hatte ich eine starke abneigung gegen die familie meiner mutter. zu viele schwierige lebenswege, zu viel leid. erst jahre später konnte ich sehen, welche leistung jede_r einzelne von ihnen vollbracht hat. zumindest die, zu denen wir kontakt haben. sie haben es geschafft, aus der gewalttätigen erziehung auszusteigen, schlagen ihre kinder nicht und sorgen so gut es geht für sich.

als junge erwachsene hat meine mutter mich unglaublich genervt, wenn sie auf meine handlungen sagte, dass sind ängste oder auch wut, die ich für sie auslebe. wenn sie sagte „mit mir stimmt was nicht“, habe ich immer verstanden „mit dir stimmt was nicht“. ich konnte und wollte nicht sehen, wie weit sie gekommen war. ich wollte damit einfach nichts zu tun haben.

seit ich ein kind habe, verstehe ich besser, was sie meinte. meine tochter hat antennen für meine gefühle. wenn ich mich in situationen unwohl fühle, tut sie das meistens auch. wenn ich angst habe, merkt sie das sofort. so zu tun, als hätten meine gefühle keinen einfluss auf sie, wäre bestenfalls naiv. aber wenn ich heute strauchle und meine mutter sagt, dass es ihr leid tut, dass ich so viel von ihren ängsten übernommen habe, möchte ich sie schütteln und sagen „sieh doch mal hin“:

meine mutter hat mich und meinen bruder gewaltfrei erzogen. sie hat sich einen mann gesucht, mit dem das möglich war. sie hat mal erzählt, dass sie, als ich noch ganz klein und anstrengend war, gedacht hatte, ich wolle sie ärgern und würde sie hassen. dass sie sehr wütend auf mich war, und dass sie sich deswegen eine therapie/beratung gesucht hat. sie hat uns nicht geschlagen, sie hat uns nie daran zweifeln lassen, das wir großartig und liebenswert sind. sie hat für uns und mit uns viele ihrer ängste überwunden. sie hat uns erlaubt, da raus zu gehen und unser ding zu machen. sie hat, als wir konflikte hatten, hilfe für uns als familie gesucht und an sich gearbeitet, statt uns kinder zu maßregeln. und sie hat das alles getan, ohne ein vorbild in ihrer eigenen familie. ohne sich auf selbst erlebtes zu beziehen zu können, aus dem wunsch heraus ihre familiengeschichte nicht zu wiederholen. wenn ich heute mit anderen menschen über erzieheung rede, dann schaue ich auf eine positive, dem menschen zugewandte kindheit zurück. ich hab so unendlich viele ressourcen daraus mitgenommen. soviel hoffnung und vertrauen in andere menschen. und einen ort, an den ich immer wieder zurückkehren kann. bis heute. menschen, die ich fragen kann, wenn ich im leben mit meinem eigenen kind nicht weiter weiß. ich habe das wissen um die geschichte meiner mutter mitgenommen und kann dinge viel leichter reflektieren, ich weiß woher der mist kommt und wie mensch ihn mittelfristig abstellt. meine mutter hatte das alles nicht.

meine mama ist jetzt mitte fünfzig. und sie kämpft immer noch jeden tag darum, ihr leben selbstzubestimmen und sich nicht von der angst und all den scheiß botschaften leiten zu lassen, die ihre eltern ihr mitgegeben haben. und ich glaube es wird jeden tag leichter für sie. ich durfte ihr die letzten 29 jahre dabei zusehen, wie sie sich ihren raum in der welt erkämpft. und ihn sich nicht mehr nehmen lässt. ich bin so stolz auf sie.

meine mama ist eine superheldin.

 

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6 Kommentare

  1. Mir stehen echt Tränen in Augen… Mein Respekt an deine Mama!

  2. Berit

    Chapeau an die Frau Mama und alle weiteren betroffenen Familienmitglieder. Ihr könnt stolz auf euch sein 🙂

  3. …ich wünsch mir, dass meine Söhne auch mal so über mich denken wie Du über Deine Mutter…vielen Dank!

  4. Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Sie ist sehr bewegend – auch ich sitze hier mit Tränen in den Augen. Toll was deine Mutter geschafft hat! Sie ist sicher stolz auf dich!

    Viele Grüße, Katharina

  5. Dieser Text hat mich sehr berührt.
    Danke dafür!

  6. frausiebensachen

    danke für diese geschichte. und hochachtung für deinen mama.

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