Mütter in Serie

von Cornelia

Statt Bücher gibt es dieses Mal Serien – Ein- und Ausschalten statt Auf- und Zuklappen. Spoiler-Warnungen sind deshalb vermutlich angebracht, aber trotzdem nicht wirklich notwendig, da jeweils „nur“ und nicht viel mehr als eine Schwangerschaft verraten wird. Dabei wiederum ist bereits eine mögliche Aufzählung der betroffenen Serien der ganze Spoiler, weshalb es bei einem „Seid gewarnt“ bleiben muss.

Skyler White, Meredith Grey, Charlotte Lindholm und Carrie Mathison teilen eine Fernseh-Schwangerschaft. Die Charaktere aus den Serien Breaking Bad, Grey’s Anatomy, Tatort und Homeland haben aber noch etwas gemeinsam: Sie dürfen schwanger werden und trotzdem auf etwas anderes als das Kind fokussiert sein. Es gibt nur eine Hand voll Protagonistinnen in Mainstream-Serien, bei denen das so ist. Schwangerschaft fungiert in Film und Fernsehen fast ausschließlich als wesentliches narratives oder handlungsvorantreibendes Element, genauso wie es Mutterschaft an sich tut.

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Carrie Mathison in „Homeland“ (c) Fox 21

Game of Thrones-Seher_innen kennen das: Catelyn Stark agiert nur das Wohl ihrer Kinder im Sinn – während Mann und Söhne um Ehre, Rache oder das Reich kämpfen, zettelt sie Schlachten zur Rettung ihrer Töchter an, Daenerys Targaryen erfährt ihre große Stärke aus dem Verlust ihres ungeborenen Kindes und nimmt die drei Drachen als ihre Kinder an. Die Darstellung Lysa Arryns (der Schwester von Catelyn Stark) als unberechenbare, ihr Reich isolierende Herrscherin wird über ihre Mutterrolle angegangen: der geschätzt sieben- bis zehnjährige Sohn pickt sprichwörtlich an ihrem Rockzipfel und wird noch gestillt – was angesichts der Reaktion der Anwesenden als nicht der Norm entsprechend dargestellt wird. Arryn weigert sich zudem, die Starks im Krieg gegen den Süden zu unterstützen, da ihre Soldaten stattdessen ihren kränklichen Sohn beschützen sollen. Die Priesterin Melisandre lässt wiederum das Böse nicht einfach durch einen Zauber walten – nein, sie gebärt es (nach einer Zeitraffer-Schwangerschaft).

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Lysa Arryn in „Game of Thrones“ (c) HBO

Indes plant Carrie Mathison ihre Karriere hochschwanger weiter. Die Agentin darf sogar schwanger rauchen, ohne explizit dafür „bestraft“ zu werden (in us-amerikanischen Produktionen, in denen die Bösen fast immer die Rauchenden sind, eine gewisse Leistung … oder kommt das erst noch in der nächsten Staffel?).

Freilich, Skyler White ist in Breaking Bad vor allem Mutter und Ehefrau – ihr ganzes Handeln liegt darin begründet. Aber: Sie hat ihr Baby wie beiläufig dabei, etwa bei „Recherchen“ (Zählung bei Autowaschanlage), und auch der berufliche Wiedereinstieg scheint durch die erneute Mutterschaft keineswegs gefährdet zu sein. Letzteres kann auch bekrittelt werden: Die Wegrationalisierung von Tatort-Kommissarin Lindholms Baby durch das Drehbuch, lässt alleinerziehende Elternteile vermutlich stoßseufzen. Auch wenn die (de facto) unproblematische Alltagsorganisation angenehm zu beobachten ist (im Unterschied zu dem Verzweifelt-Arm-Gestresst-Etikett, das Alleinerziehenden sonst im Mainstream regelmäßig aufgeklebt wird), wirkt die undifferenzierte Was-mache-ich-mit-dem-Kind-ach-ja-der-Mitbewohner-oder-die Mutter-kümmern-sich-Panik-gefolgt-von-Beruhigung manchmal etwas zwanghaft – und die tatsächlichen Vereinbarkeitsprobleme werden extra unsichtbar gemacht.

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Charlotte Lindholm in „Tatort“ (c) ARD

Anders im Fall der Mutterschaft Meredith Greys. Die Figur hat in ihrer kinderlosen Zeit regelmäßig serienlang mit ihrer Beziehung zur erfolgreichen und für sie abwesenden Mutter gehadert. Mit eigenen Kindern kämpft sie mit Karriereeinbußen und 50:50-Lösungen mit ihrem Mann. Dieses explizite Thematisieren hat mir gefallen – die Kinder sind nicht einfach im Kindergarten, es kommt zur Sprache, welches Elternteil sie bringt und holt. Und es kommt zur Sprache, dass Karrieresprünge des einen, auf Kosten der anderen gehen.

In Grey’s Anatomy ist übrigens auch Platz für die Abtreibung einer Hauptfigur (Cristina Yang), die nicht (Frauen-)Leben zerstörend ist – ebenso wie in Girls übrigens, wo Jessas Abtreibungstermin Raum sprich Sendezeit für die Thematisierung von Abtreibung schafft. Normalerweise ist das Narrativ, dass „gute“ Protagonistinnen nicht abtreiben – häufiger „Ausweg“: eine Fehlgeburt (oft steht diese nach einem Nachdenkprozess, der einen Kinderwunsch zu Tage fördert; die Gute erholt sich von dieser Fehlgeburt dann ironischerweise natürlich nicht, was wiederum Stoff für Konflikte gibt – so geschehen z.B. auch bei Cristina Yangs erster Entscheidung für eine Abtreibung). Entscheidet sich eine Protagonistin für eine Abtreibung (und hat diese auch), dann dient jene meist dazu, ihren Charakter in einen tief verletzten zu wandeln oder eine Überleitung zu einem schwierigen psychischen Zustand (der wiederum bestimmte Handlungen auslöst) zu schaffen.

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Cristina Yang und Meredith Grey in „Grey’s Anatomy“ (c) ABC

Interessante Überlegungen zu Mutterschaft in einer Serie bzw. deren Einsatz habe ich zu „The Walking Dead“ gefunden – einer Serie, die ich selber nicht gesehen habe, darum möchte ich besagte Stellen einfach zitieren: „Motherhood means life, so in some ways it is not surprising that a show where the dead rise and walk the earth, contains problematic treatment of motherhood. Despite all of the running, hiding and struggle to survive, motherhood has actually featured quite largely on The Walking Dead, the problem is that each instance in which motherhood has been an issue, it reveals not only the strong gender roles that The Walking Dead has enforced since the very first season, but an idealized form of motherhood.“ (In: www.womanist-musings.com) Und: „Lori, who subsequently gave birth to a baby daughter, was an interesting character in terms of how ‘bad mothers’ are framed. She was a deeply irritating character, which didn’t help, but it was noteworthy to see the criticism she received from viewers for imperfect supervision of her school-aged son when the child’s father was readily forgiven for the same parenting failures.“ (In: bluemilk.wordpress.com)

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Lori Grimes in „The Walking Dead“ (c) Circle of Confusion/Valhalla Motion Pictures

Insgesamt würde ich mir mehr Mütter-Vielfalt im Fernsehen wünschen. Frauen als handelnde Figuren, die eben auch Mutter sind – so wie Männer viel selbstverständlicher auch Vater sein können. In mühsamer Recherche bin ich auf ein paar Fälle gestoßen: Eine solche Serienmutter ist zum Beispiel Catherine Willows aus der Serie CSI. Sie ist im Ermittler_innenteam UND alleinerziehende Mutter – allerdings habe ich diese Serie nur sporadisch gesehen und wenig Erinnerung daran, wie die Rolle angelegt ist. Spannend finde ich auch, dass die Gerichtsmedizinerin Temperance Brennan aus Bones in der 7. Staffel ein Baby bekommt; aber auch in diesem Fall weiß ich nichts über die Umsetzung. Eine schön dargestellte Mutter, wie ich finde, gibt Angelika Schnell, die Kommissarin aus Schnell ermittelt: Job, Liebschaften, Teenager-Kinder, Freundschaft, Ex-Mann – ein bunter Mix, der ein stimmiges und differenziertes Alltagsbild ergibt.

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Catherine Willows in „CSI“ (c) CBS

Jene Mainstream-Serien, in denen Mütter-Mütter, also Mütter, die hauptsächlich in ihrer Mütter-Rolle agieren, gezeigt werden – wahlweise noch als Familien-Zusammenhalterinnen (und entsprechend in einer Nebenrolle), sind jedenfalls die Regel. Mit Gruseln denke ich dabei etwa an Jessica Brody aus Homeland und generell an all die Mütter in den verschiedensten (us-amerikanischen) Teenager-Serien. Eine bezaubernde Ausnahme ist Lorelai Gilmore von den Gilmore Girls. Nur vermeintlich zauberhaft geht es bei Charmed zu, Piper Halliwell, eine der Hexen-Schwester, wird in der 5. Staffel schwanger und erhält dadurch plötzlich besondere (Selbs-)Hheilungskräfte – eine gängige und Gänsehaut-machende Fantasy-Trope (siehe auch Daenerys Targaryen aus Game of Thrones).

Aber nicht nur tatsächliche Mütter sind mütterlich (im idealisierten Sinn). Oft werden derlei Charakterzüge und Handlungen weiblichen Protagonistinnen per se zugeschrieben: Gerade in Krimis sind es dann die weiblichen Kolleginnen, die für die „mütterlich“-emotionale Komponente während der Ermittlungsarbeit sorgen: Sie bringen dem Findlingkind einen Kakao, haben Bedenken gegenüber riskanten Aktionen oder leiden mimisch mit den Eltern des Mordopfers mit. 

„Die Mutter“ als filmischer Handlungstyp ärgert mich aus vielen feministischen Gründen, aber auch deshalb, weil dieser vorhersehbare Einsatz und die daraus resultierende Handlung schlichtweg langweilig ist.

(Bilder Screenshots)

 

 

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5 Kommentare

  1. Ich finde das Thema „Mütter in Serien“ sehr interessant, toller Artikel. Lorelai habe ich persönlich aber nicht als so positiv wahrgenommen; ich habe das Gefühl, dass bei ihrer Darstellung kein Fortschritt, sondern nur eine Verschiebung stattfand – in dem Versuch zu zeigen, dass Frauen Mütter sein können, ohne sich 100% über die Mutterrolle zu definieren, wurde eine Frau geschaffen, die „zum Beweis“ auch noch unglaublich erfolgreich im Job ist, und ganz nebenbei auch noch die beste Mutter der Welt ist, die mit ihrer Tochter ein absolut glückliches, belastbares, freundinnenhaftes, von Vertrauen geprägtes Verhältnis hat (was auch nicht sooo realistisch ist). Sie stellt ein ebenso unerreichbares (?) Frauenbild dar wie die Ideal-Hausfrauen aus den 50ern, die perfekt aussehen, den Haushalt perfekt im Griff haben und perfekt kochen, nur, dass Lorelai eben keine Hausfrau ist, sondern arbeiten geht, aber darin halt auch perfekt ist, genauso wie sie auch perfekt aussieht und eine perfekte Beziehung zu ihrer Tochter hat.
    Das kommt mir vor wie die Verschiebung vom Dicken- zum Dünnenhass à la „echte Frauen haben Kurven“, womit dann statt Akzeptanz aller nur die Ablehnung „der anderen“ gepredigt wird.

    Ich verstehe deine Haltung, dass es erfrischend ist, mal Mütter im Fernsehen zu sehen, die noch mehr sind als Mütter, sondern – Überraschung! – gleichzeitig eben auch ganz normale Menschen. Ich hätte nur einfach gern ganz generell mehr normale Frauen mit unterschiedlichen Schwächen und Stärken, nicht nur die Verschiebung von einem (veralteten) Idealbild zum nächsten. Wenn es mehr davon gäbe, müsste es eine*n auch nicht vor Jessica Brody gruseln (von persönlichen Vorlieben jetzt mal abgesehen), denn ihr Aufgehen in der Mutterrolle ist ja ihr gutes Recht, und wäre sie eine von vielen dargestellten Möglichkeiten, hätte wohl auch niemand ein Problem damit.

  2. Pingback: crowns of shit. oder was mir zu “game of thrones” einfällt | can i say no ... ?

  3. Pingback: Frohes neues 2015 | fuckermothers

  4. madameflamusse

    Ja interessantes Thema, unter diesem Aspekt habe ich nun nicht unbedingt hingeschaut, aber mir fällt anhand des Artikels wieder mal auf wieviel so unsichtbar bleibt von dem was Frauenleben auch aus macht – ich finde es z.B. komisch das menstruations oder andere „Beschwerden“ so gut wie nie thematisiert werden, die Frauen eben oft schon auch männlich dargestellt werden und natürlich alles auch genauso männlich, aggressiv und zielgerichtet machen ..in diesem Fall dann auch oft Gefühlskalt, hart..es scheint vorallem eben diese 2 Schubladen zu geben. Wobei ich auch finde in Greys Anatomy ist da viel Vielfalt, und das mag ich auch an der Serie, ich finde Sie ziemlich authentisch.
    GilmoreGirls finde ich auch gut, sehe das nicht wie Jenny, weil eben Lorelei grade nicht immer alles so hinkriegt , eben nicht pefekt ist, weil selbst bei diesem wunderbaren MutterTochterpaar die sich so nah sind und so gut verstehen es zu langen Streits kommt und einem nicht miteinander reden. Das Die Mutter trotz aller Toleranz dann doch wieder so manches mal Erziehungsautorität rauslässt. Auch Sokee als Mum find ich ziemlich witzig, Sie ist halt eher so die Vollblutmutter wie man das auch kennt, das Frauen sich auch sehr verändern können wenn Sie Kinder bekommen.
    CSI habe ich alle geschaut, und Willows Tochter kommt ja immer wieder mal vor, die Figur mochte ich sehr gern. Was mich dagegen immer etwas stört in solchen Krimiserien das es wirklich immer Menschen sind die nur für Ihren Beruf leben, meistens einsam sind und kein Privatleben haben, da ist nämlich die Figur Willow echt mal ne Ausnahme,
    Auch schön fand ich bei Call the Midwifes und Downtown Abbey wie sich die weiblichen Figuren (nicht alle aber viele) entwickeln und emanzipieren. Meistens finde ich das auch bei Serien die in der Vergangenheit spielen sehr zeitgemäß dargestellt.
    Und die nur Mütter gibt es eben auch. Das ist einfach auch eine Realität.
    Girls ist einfach eine ganz andere Generation als die anderen genannten Serien. In Men in Trees gibts durchaus auch Vielfalt was die Mutterrolle angeht in der Darstellung.

  5. madameflamusse

    Was mir immer wieder sehr ungut auffällt ist die Darstellung von Sexualität und Geburt.

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