Hands up: Rotkäppchen, Dackel und der Wolf

von Sus

Filme zu besprechen, die nicht in jeder Videothek und bei der nächsten Buchhändlerin frei verfügbar sind, ist blöd, ich weiß, und ich machs trotzdem. Ich komme gerade vom 26. Dresdner Kurzfilmfestival, bin dort ohne große Umschweife von „Rotkäppchen, Dackel und der Wolf“ infiziert worden und stelle ihn hier gleich vor.

Der Film ist eine gute Viertelstunde lang, die Berliner Regisseurin Britt Dunse hat ihn gemacht und das besondere daran ist, dass er in Gebärdensprache gedreht wurde. Eine Sprecherin übersetzt die Gebärden ins Deutsche, und englische Untertitel gibt es auch noch. Solche Filme existierten bisher nicht und wurden durch kleine, eingeblendete Simultandolmetscher_innen ersetzt, die Filme für Hörende auch der lautlosen Welt zugänglich machen.

Dieser Film hier schlägt nicht nur eine kleine Bedarfsbrücke in Richtung Gehörlose, sondern er zeigt gehörlose oder gehörgeschädigte Schauspieler_innen – die Kinder, die Mutter und die Oma zum Beispiel kommen von der Ernst-Adolf-Eschke-Schule für Gehörlose – und ist mit seiner ganzen Semantik in der Gebärdensprache angelegt. So verknüpft er etwa die Gebärde für „Baum“, die aufgerichtete Hand mit offener Handfläche, mit dem Bild, in dem der Wald aus verkleideten Händen besteht. Die Leute in der Straßenbahn gebärden angeregt, und die Mutter warnt ihre Tochter vor dem Gang in den Wald eindringlich: Gebärde nicht mit jedem!

Dunse benutzt eine sehr reizvolle Collagetechnik zwischen Realfilm und Animation, um alle Bildebenen zu verbinden, und so sieht das Ganze aus:

(c) filmstills, Rotkäppchen, Dackel und der Wolf,  Britt Dunse (http://www.dgs-kinderfilm.de)

Die Oma wird als graugelockte Dame mit Lotsinnenmütze und Schifferinnenanzug gezeigt, die sich die Wartezeit bis zum Aufwachen des Wolfes damit vertreibt, dass sie mit den Kindern unterm Tisch liegt und Pralinen futtert. Die Erzählerin ist das Haus, dessen Arme im Vorgarten liegen, so dass alle darübersteigen müssen. (Dieses Detail hat mich beeindruckt! So ist mein Leben, ich muss auch ständig über alles mögliche hinübersteigen und halte das für vollkommen normal).

Das besonders Schöne an diesem Rotkäppchenfilm ist für mich, dass das Gebärden gerade nicht im Mittelpunkt steht. Es wird nicht vorgeführt, aber in all seiner poetischen Kraft genutzt. Es ist eine selbstverständliche, selbstbewusste Perspektive auf die Handlung und verbindet Kinder aller Ohren.

Mich würde interessieren, wie andere, besonders Kinder, den Film bzw. das ganze Projekt sehen.

Nächste Vorstellungen in Hamburg bei Mo und Friese: (Link hier)
Mi 4.6. | 16.30 Uhr | Zeise Kinos
Fr 6.6. | 10 Uhr | Zeise Kinos
So 8.6. | 11 Uhr | 3001 Kino

Link zum Film, zur Regisseurin und hier kann, wer will, einen Vorgeschmack bekommen:

Anschauungsfilm Märchenfilmprojekt Rotkäppchen from BRITT DUNSE on Vimeo.

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2 Kommentare

  1. pitz

    Oh, Vorsicht, es ist kein RoTTkäppchen – das Käppchen ist noch frisch 🙂

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