Nein, Danke!

von anonym

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich anfällig für Esotherik-Kram und seltsame Ratschläge. Ich hätte nie gedacht, dass es mal soweit kommt. Schließlich bin ich schlau, stehe mit beiden Beinen im Leben, habe eine gute Ausbildung und ein vernünftiges Selbstbewusstsein.

Doch jetzt habe ich ein Baby mit Neurodermitis. Diese Krankheit ist fies, denn es juckt wie Hölle. Das Kind kratzt sich, es blutet und die Wunde wird zum Infektionsherd. Nicht gut. Was kann man also tun? Dem Kind Handschuhe anziehen und jede Woche beim Kinderarzt eine neue Salbe holen, die dann doch nicht hilft.

Besonders doof ist, dass der Ausschlag im Gesicht auftritt. Überall hat mein Kind babyzarte Haut, nur dort, wo alle es sehen können, ist es kaputt. Die Folge davon ist, dass jeder, der das Kind anschaut, also Omas, Tanten, Freundinnen, Bekannte und wildfremde Menschen auf der Straße, ungefähr folgenden Dialog Monolog mit mir starten:

„Ach, das Kind ist ja niedlich! Und soooo tolle blaue Augen! Was hat er denn im Gesicht, ist das ein Ausschlag? Ach, Neurodermitis. Das hatte meine Nichte/Tochter/Enkelin/Nachbarin auch. Der hat ja …. gaaanz toll geholfen.“

Die Tipps reichen von Johanniskrautöl über einen stressfreien Alltag (haha!) bis zu Borretschsamenölsalbe und Cortisoncreme. Haben wir alles ausprobiert. Nichts hilft. Und genau das ist das Problem bei Neurodermitis. Der Auslöser der Hauterkrankung ist eigentlich nicht zu finden.

Das wissen auch die Omas, Tanten, Freundinnen, Bekannte und wildfremde Menschen auf der Straße. Deshalb driftet das Gespräch ganz schnell auf eine sehr seltsame Ebene ab.

Eine Dame, bei der ich neulich zur Fußmassage war meinte, dass mein Kind für jemand anderen eine Last trägt und deshalb den Ausschlag hat. Eigentlich glaube ich, dass das Quatsch ist, dennoch grüble ich seitdem, ob ich meinem Kind unterbewusst irgendetwas aufbürde und fühle mich schuldig.

Der Osteopath meint, dass eventuell ein Nackenwirbel leicht blockiert ist. Aber um überhaupt festzustellen, ob seine Behandlung wirkt, müssten wir mindestens dreimal kommen (und jedes Mal 80 Euro bezahlen).

Die Damen bei meinem Stricktreff raten mir zu Kinesiologie, zu einer Therapie, bei der Mutter und Kind die Geburt noch einmal erleben, zu Familienaufstellung oder zu einem Besuch beim Schamanen, bzw. einer Konsultation der Erzengel.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass nichts davon dem Kind körperlich schaden würde. Doch genauso wenig glaube ich an den Erfolg solcher Methoden. Dennoch fühle ich mich, als müsste ich mich vor mir selbst und vor Omas, Tanten, Freundinnen, Bekannten und wildfremden Menschen auf der Straße rechtfertigen, dass ich all diese Methoden nicht ausprobiere.

Ich möchte nicht so viel Zeit und Geld verwenden um mit wundersamen Leuten über meine Beziehung zu meinem Kind, mein Geburtserlebnis, meinen Stuhlgang und was weiß ich noch alles zu diskutieren. Bin ich deshalb eine schlechte Mutter? Ich glaube nicht, denn ich habe eine wundervolle Beziehung zu meinem Sohn.

Mir fallen langsam keine freundlichen Formulierungen mehr ein, mit denen ich all die guten Ratschläge abblocken kann. Ich will sie nicht hören. Ich denke auch ohne all die gutgemeinten „Tipps“ Tag und Nacht darüber nach, wie ich meinem Kind helfen kann und ich bin mir sicher, dass ich den richtigen Weg für uns finden werde.

 

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7 Kommentare

  1. Berit

    Manchmal frage ich mich, warum die gute alte Sitte das man ungefragt keine Ratschläge erteilt, aus der Mode gekommen ist…

  2. Ach, was haben wir schon RatSCHLÄGE bekommen für alles mögliche.
    Dass die alle es doch nur gut meinen und Dir helfen wollen, hilft irgendwie auch nicht weiter.
    (aber ich denke auch gerade darüber nach, was ich hier noch schreiben könnte, was ich neulich gehört habe, was jemanden mit ND geholfen habe, vielleicht könnte das…)
    Ich wünsche Euch – und vor allem Deiner Kleinen – alles, alles Gute und hoffentlich findet Ihr bald die eine Behandlung, die ihr Erleichterung verschaffen kann.

  3. liz

    Uns gings ganz ähnlich- 2 Monate lang – und alle hatten ein Patentrezept. Sämtliche Krankenschwestern in der Umgebung wurden ungewollt von anderen befragt. Die Palette reicht von “nehmt das” bis zu “aber das nehmt ihr hoffentlich eh nicht.”
    Der Kinderarzt meinte nur, dass mensch das bei so kleinen Kindern noch gar nicht beurteilen kann, ob es wirklich Neurodermitis ist. Ausgesehen hats jedenfalls so. Dann war der Spuk plötzlich vorbei und das Kind hatte sich an die Fläschchen-Nahrung gewöhnt. Bis dahin haben wir geschmiert was das Zeug hält. Sollte dich interessieren was, frag einfach nach. Ansonsten wünsch ich dir, dass sich auch bald alles in Luft auflöst und nur ne Phase war bzw. dass ihr was findet, was für euch passt.

  4. Neeva

    Kann ja sein, dass der Esoterikkram körperlich nicht schadet, aber zu einem stressfreien Leben trägt es sicher nicht bei, von Therapeut zu Schamane zu hetzen. Es ist auch nicht jeder Esoterikkram harmlos:
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-familienaufstellung-nach-hellinger-wenn-ahnen-krank-machen-1.863677

  5. Sabine42

    Obwohl iich sonst für Ehrlichkeit bin, würde ich gerade bei wildfremden Menschen einfach behaupten: „Die Kinderärztin meint, dass verschwindet von selbst wieder. Ist nicht ansteckend.“ Da bist Du doch wirklich niemandem Rechenschaft schuldig. Bei Bekannten kurz für den Ratschlag bedanken, nicht weiter kommentieren und dann einfach das Thema wechseln. Und echten Freundinnen kann ich sagen, dass ich keine Ratschläge möchte. Oder von denen möchte ich dann gerade doch einen Rat haben. Alles Gute für Euch und liebe Grüße.

  6. waits

    Zum Glück sind meine Kinder nicht von schwereren Erkrankungen betroffen, ich kann also nicht wirklich nachvollziehen, wie das sein muß, Ratschläge ertragen zu müssen. Die Alltagsratschläge empfinde ich jedoch auch mitunter als belastend. Ich versuche es mit einer „mentalen Eselsbrücke“: Ich versuch mir zu sagen, dass die Welt ja noch nicht so schlecht sein kann, wenn viele Anteil an des Anderen Leben nehmen. 😉

  7. Stefanie

    Zum Trost: mein Sohn hatte als Baby/ Kleinkind auch Neurodermitis und Heuschnupfen. Mittlerweile – er ist 15 Jahre – hat es sich fast „ausgewachsen“ und er hat im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen, wie vom Hautarzt seinerzeit prognostiziert, keinerlei Probleme mit Pickeln.
    Das mit den guten Ratschlägen kenne ich von meiner Tochter: sie hat als Baby nur geschrien, fast immer. Da kamen auch reichlich gute Tipps von (wahrscheinlich genervten ) Mitmenschen.
    Das war mir oft peinlich bzw. ich kam mir unfähig vor mein Kind ruhig zu stellen – was natürlich Blödsinn ist im Nachhinein gesehen.
    Ich würde mich meiner Vorschreiberin anschließen: die Leute meinen es gut und wollen nur helfen.

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