Expertinnenrat zu „Zeig her deine Gefühle“

Vor zwei Wochen hat sich Cornelia hier gefragt, wie viele oder wie wenige Gefühle, vor allem wenn es um negative geht, Kindern gegenüber gezeigt werden sollen.  An dieser Stelle folgt der Expertinnenrat der Kinder- und Jugendpsychologin Malu.

Nach einer „Best Practice“ im Umgang mit den eigenen (heftigen) Gefühlen gegenüber dem Kind wird gefragt — und dem gegenübergestellt die Frage, was sind die „Don’t do it“?

Für die „Best Practice“ nehme ich mal ganz wörtlich: practice – das hat was mit „üben“ zu tun.

Üben ist für Kinder die selbstverständlichste Sache der Welt. Greifen lernen, laufen lernen, reden lernen,…. Und alles das, was mit dem „Miteinander“ zu tun hat, das auch lernen. Das hat mit diesem Grundbedürfnis nach einer Bindung, nach einer sicherheit- und haltgebenden Zusammengehörigkeit zu tun. In dem Gefühl, irgendwie zusammen zu gehören, und dabei etwas Gemeinsames zu erleben (z.B.: „Wir lieben uns.“ „Wir helfen uns.“ „Uns gefällt ….“) kommt Kooperation und Zusammengehörigkeit auf. Sich zusammengehörig-fühlen setzt voraus, dass im Denken und Fühlen ein „Ich“ und ein „anderes Wesen“ unterschieden werden kann und dass es etwas gibt, das dieses ich und dieses Du verbindet oder sogar verpflichtet. Ganz intuitiv ahmen schon ganz kleine Kinder andere Menschen, vor allem deren Mimik, nach. Und ganz intuitiv ahmen wir Großen die Kleinen nach. Mit etwas Verlangsamung und einer Übertreibung und mit Blickkontakt zum Kind. Und im günstigsten Fall wird unser Tun auch noch sprachlich begleitet („Baby talk“).

Kinder üben andere kennen zu lernen, indem sie sich ganz wortwörtlich in sie einfühlen. Ihre Haltung einnehmen, ihre Gestik, Mimik nachahmen. Manchmal sind im Spiel der Kinder Originalzitate der eigenen Rede zu hören, und wir sind erstaunt, wie toll Kinder das können. (Aber wie selten hören wir das, wie wir gerne wahrgenommen werden möchten! Nicht das, was WIR für richtig und wichtig erachten, sondern das, was eben den Kindern so aufgefallen ist, kriegen wir zu hören.) Bis das zu einem eigentlichen Rollenspiel wird, braucht es viel Übung und viel „Wachsen“: „Ich“ und „Du“ muss dafür unterschieden werden können; und das Wissen, dass die eigenen Position relativ ist, etwa nach dem Motto: Ich sehe was, was Du anders siehst. Bevor Kinder soweit sind, ist für sie klar: Ihre Weltsicht ist die einzig mögliche. Sie haben z. B. eine riesige Freude sich zu verstecken, tun dies aber vor aller Augen. So zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr erfassen Kinder, dass sie nicht in allem Dreh- und Angelpunkt der Welt sind. Das führt manchmal zu heftigen Verzweiflungsanfällen, es gibt Trennungsängste, und es gibt Selbstbewusstsein und die Erfahrung einer Selbstwirksamkeit. (Aus Momenten, in denen das Kind erlebt: Das habe ich gemacht. Das habe ich alleine gemacht. Ich will aber,….. und wenn ich nicht eins bin mit meiner Umwelt, dann kann ich mich auch alleine und verlassen fühlen.)

Piaget beschreibt diese Zeit, bevor dieser relationale Standpunkt eingenommen werden kann, als egozentrisches Weltbild. — Naja, sooooo passend ist das nicht ganz, finde ich, denn die ganze Zeit achten Kinder ja auf ihre Umgebung, können aber entwicklungsbedingt einen PERSPEKTIVENWECHSEL („Ich sehe das, was Du jetzt siehst und weiß, dass ich selbst es anders sehe“ nicht leisten). Wenn sich Kinder grundsätzlich sicher sind, dass sie vertraute Menschen um sich haben, die im Großen und Ganzen zuverlässig sind, dann zeigen sie spontan – und manchmal sehr heftig, je nach Temperament, — wenn sie gerade nicht alleine klar kommen, wenn sie sich zu fremd mit einer Situation fühlen. Es gibt da das Bild vom „circle of security“: Kinder haben einen „sicheren Ausgangspunkt“, einen zuverlässigen Menschen um sich herum, der sie ermuntert und ihnen Vertraut, wenn sie die Welt erkunden wollen, und der ihnen einen sicheren Hafen bietet, wenn es stürmisch beim Welterkunden zugegangen ist. Dann beruhigen sie sich und können wieder loslassen. Manche Kinder sind von Natur aus mehr darauf ausgerichtet, diese sicheren Orte (besser: Sicherheit durch Bezugspersonen) zu haben, andere sind unabhängiger, selbständiger.

Das Gefühlsleben ihrer Bezugspersonen, das ist so gesehen auch etwas, was sie erkunden und verstehen wollen, was sie auch erschrecken und ängstigen kann. Und wo sie genauso wie die Erwachsenen immer wieder auf einem schmalen Grat wandern, um Nähe und Trost und Distanz und Unabhängigkeit auszubalancieren. Erschöpfung und Traurigkeit und Verzweiflung sind Gefühlszustände, die aus dem Kontakt mit anderen raus katapultieren. Der Kopf ist schwer, der Blick geht nach unten, die Stimme ist leise, die Gedanken stocken, versanden. Kinder, die von früh an häufig ihre Kontaktpersonen in diesem Zustand sehen, nehmen bald diese Haltung selber an und versuchen auch später viel seltener, auf andere zuzugehen, Informationen von anderen zu kriegen, sich helfen zu lassen. Das wäre also ein „DON’T“: Bei eigener Erschöpfung dem Kind nicht Möglichkeiten zu eröffnen, ein Gegenüber zu haben. Wie praktisch, wenn es Geschwister/andere Vertraute gibt, wohin man sich als Kind verziehen kann, und wo es für die Erwachsenen jemanden gibt zum Suppe kochen für UNS!!), in den Arm-genommen-werden, zum angeschaut und wahrgenommen werden, denn, naja, in dieser Erschöpfung ist es richtig schwer, das selber zu organisieren. Aber als Kind die Erfahrung zu machen, dass Mama /Papa / … mal seelisch und physisch abtauchen, und dann wieder putzmunter präsent sind, weil sie ausgeschlafen haben – ist hilfreich auch für die Kinder.

Ich meine, Kinder können die ganze Bandbreite der Gefühle gut aushalten, wenn sie erleben, dass die Erwachsenen das auch ganz gut aushalten können. Und wenn es gelingt, das Kind vor der Erfahrung der Abwertung (inkl. der Selbstabwertung der Bezugspersonen, etwas falsch gemacht zu haben, oder dass die eigenen Gefühle nicht richtig sind!!), Beschämung und „Parentifizierung“ zu bewahren. Damit ist gemeint, dass Kinder aus ihrem Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit heraus ganz viel tun, um ihre Liebsten zu trösten oder allgemein auszuhalten, auch wenn die so mit sich beschäftigt sein sollten, dass sie den Blick aufs Kind und seine Bedürfnisse nicht mehr haben. In ihrem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Nähe entstehen dann Rollenumkehrungen; dem Kind fällt dann die Aufgabe zu, wie FreundIn oder PartnerIn zu handeln — das würde den Kindern den Erfahrungsraum schmälern, wie sie selbst mit ihren eigenen Gefühlen zurecht kommen, es braucht aber für die Kinder Menschen, die die Kinder und ihre Bedürfnisse auffangen. Klar, in Überforderungssituationen passieren Dinge, auf die hinterher niemand so richtig stolz ist. Und „Best Practice“ — das ÜBEN ist auch Erwachsenen erlaubt, nicht nur als Achtsamkeitmeditation. „Üben“ könnte in diesem Zusammenhang bedeuten, sich ab und zu eine Auszeit aus der Bezugspersonenrolle zu erlauben, sich selbst und dem Kind zuzutrauen, dass es auch mit anderen „gut“ sein kann — es kostet anfangs mehr Mut, hinzuschauen, was grade in uns los ist, aber Kinder sind ja gute Beobachter und kriegen eh mit, wenn wir mit gequälter Miene lächeln und ein „alles kein Problem“ hauchen – ich wünsche uns allen immer wieder die Erfahrung, dass wir mit unseren eigenen Begrenzungen uns anderen – und uns selbst zumuten, und uns nicht einem Leistungsanspruch unterwerfen. Und dass wir nach dem Auftanken im sicheren Hafen wieder Kraft und Lust spüren.

Ach ja, hab ich schon einen Lieblingsspruch von mir zitiert? „Aus Fehlern wird man klug.“ Drum ist EIN Fehler — noch lange nicht genug!

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