Der durchsichtige Gigantengott

von Elisa-Marlene

Poah, wie das stinkt! Ich glaub, das ist ein Gottesfurz!
Das elterliche Bedürfnis der Richtigstellung phantasieverzerrter Sachverhalte macht vielfach Sinn und gibt pädagogisch die Möglichkeit Dinge umfassend zu erklären und auch Bildung im Alltag zu vermitteln. Ich hab meinen Kindern erklärt, dass der Regenwurm auf der Schaukel keinen Spaß hatte und bitte zu befreien wäre oder dass Waldbeeren nicht einfach ausprobiert werden dürfen. Beim Glauben halte ich mich aber lieber stark zurück .

An meine ersten Begegnungen mit der Religion kann ich mich noch gut erinnern. Meine Eltern waren naturverbunden und Zeitungen brauchten wir zum Feuer anheizen und als Papier für das Klo, wenn wir mal länger nicht einkaufen waren, weil in dem kleinen steirischen Ort die Infrastruktur aus einer Volksschule, einem FKK-Gelände für Senior_innen, einem Kaugummiautomaten, zwei Bushaltestellen, einem Gasthaus und einer Telefonzelle bestand. Im Kinderzimmer gab es nie einen Fernseher und einen für alle im Wohnzimmer gab es auch nicht immer.

In der ersten Klasse wurde ich dann intensiv mit katholischer Religion konfrontiert. Beim Sprung vom Kindergarten in die Schule ist es anfangs gewöhnungsbedürftig still zu sitzen, zuzuhören und produktiv zu sein. In der Religionsstunde gibt es dann Geschichten, zu denen man Bilder zeichnen darf, für die man sogar Goldsterne bekommt. Eingängige Lieder in Gruppen sind ein guter Grund sich auf die Religionsstunde zu freuen. Gute Verkaufsstrategie. Wahrscheinlich hätte der Unterricht auch von außerirdischen Lebensformen oder der Existenz unsichtbarer Wichtelmännchen, die nur für besonders einfühlsame Menschen sichtbar werden, handeln können. Ich hätte alles geglaubt nach der gelungenen Präsentation. Überdies war die Vorstellung von der Existenz des Himmels mit dem lieben Gott eine große Hilfe um einen familiären Todesfall zu verarbeiten. Ich glaube nun an unsichtbare Wichtel wegen Erzählungen meiner Mama und an den lieben Gott wegen meines Religionslehrers. Ich baute im Wald Holzhäuser für Wichtel und Essgeschirr aus kleinen Stöckchen und leeren Eichelhüllen. Außerdem pflegte ich einen beträchtlichen Friedhof auf einer Waldlichtung. Ich vergrub Maulwürfe, Regenwürmer, pflanzte Blümchen, die ich an anderer Stelle ausgegraben hatte und grenzte die Gräber mit Steinchen ab. Die Freiheit mir meine Welt nach eigenen Vorstellungen selbst gestalten zu können, ist der Fundus einiger der schönsten Kindheitserinnerungen, in denen ich mir selbst genügte und zu meinem Glück kaum mehr als ein paar Sonnenstrahlen und Walderdbeeren brauchte. Meine Kinder sollen auch diese Freiheit haben, die Welt selbst zu entdecken. Sie sind nun auch im Volksschulalter und wissen, dass ich selber heute nicht mehr religiös bin.
Religionsfreiheit ist ein wichtiges Thema. Jede_r soll glauben dürfen, was sie_er will. Bei meinen Kindern fang ich damit an. Fragen zu Religionen beantworte ich mit viel Interpretationsspielraum um bloß keine Denkrichtung vorzugeben etwa mit „wart, das weiß ich nicht, gemma googlen“ oder mit „naja, weißt du, es gibt Menschen, die glauben jenes und begründen es mit diesem“.

Die Endgültigkeit vieler religiöser Ansichten stößt bei mir auf Unverständnis. Wie kann man sagen: “So ist das“, wenn es auch noch andere Möglichkeiten gibt? Man weiß so wenig sicher, dass man eben viel glauben muss um die Lücken des Wissens (also eh das meiste des Inhaltes) kausal nachvollziehbar zu füllen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ soll Sokrates gesagt haben und er hat damit Platon, vielen Menschen dazwischen und dann mir einen deutlichen Denkanstoß versetzt. Das Wissen um das Nichtwissen, das Bewusstsein um die eigene Kleinheit und das unüberschaubare Spektrum weiteren Erfahrungspotentials sind einer der guten Gründe für Toleranz – zum Beispiel anderen Religionen gegenüber. Ich toleriere, was ich nicht nachvollziehen kann, weil ich sehr wohl nachvollziehen kann, wie wichtig Religion für die Einzelne/den Einzelnen sein kann. In der katholischen Religion heißt es, Jesus Christus sei für uns alle am Kreuz gestorben und hätte für die Sünden von uns allen gebüßt. Das Wort Kasteiung kommt vom mittelalterlichen deutschen Wort Kestigung. Als eine Art der Askese verzichtet der Gläubige etwa auf Schlaf, auf Speisen, auf Fleisch oder betet in der Nacht. Christ_innen kasteiten sich im öffentlichen Raum demonstrativ, indem sie sich körperliche Schmerzen zufügten. Es ging ihnen darum, den Schmerz Christi nachzuempfinden. Geblieben ist im katholischen Alltag das Fasten an den 40 Tagen ab Rosenmontag bis zum Osterfest. Die Fastenzeit kann praktischerweise auch genutzt werden um eine schlechte Gewohnheit, etwa Rauchen oder übermäßigen Alkoholkonsum abzubauen. Wahrscheinlich ist dieses Motiv stärker als das des Glaubens und vergleichbar mit einem Neujahrsvorsatz. Um noch einmal extra zu betonen, wie groß das gebrachte Opfer gewesen ist, endet die Fastenzeit traditionell mit Völlerei und deftigen Speisen, die für diesen Zweck vielleicht auch noch zuvor am Palmsonntag gesegnet wurden. Da die Opfer nicht im christlichen Sinn der Nächstenliebe und Bedürftigen zugutekommen, sondern gelungenes Fasten dem inneren Schweinhund huldigt und die verzichteten Dinge hinterher nachträglich in großer Menge konsumiert werden, kann ich den logischen Grund für das Fasten nicht wirklich nachvollziehen. Glaube stützt sich aber auch nicht auf Logik.
Als Mutter zog ich in Erwägung des geeignetsten Zugangs für Kinder zum Glauben den Schluss, mich möglichst wenig in die kindliche Phantasie einzumischen und den Weg für Toleranz und Verschiedenheit offenzulassen, wie ich es im Übrigen auch in der Ernährung mache. So sind mein Sohn und ich überzeugte Vegetarier_innen und meine Tochter eine Fleischtigerin. Auch wenn es mich nicht drängt mich einzumischen, will ich doch ganz gerne wissen, was vorgeht in der Phantasie. Mein Sohn beantwortete die Glaubensfrage für sich rational. „Wenn jeder glauben darf, was er will, dann nehm ich natürlich einen Glauben mit Wiedergeburt. Das Leben ist schön und nach dem Leben möchte ich wieder leben.“ Bei meiner kleinen Tochter hat der Religionsunterricht mehr gewirkt. Sie glaubt an einen Gott. Der müsste ziemlich riesig sein und alles gleichzeitig wissen. Kümmern könne er sich aber dennoch immer nur um eine Person zur selben Zeit. Als ich mit ihr auf dem Heimweg von der Schule war, passierten wir kürzlich eine Müllinseln mit großzügig gefüllten Biotonnen, die ein nicht zu ignorierendes Aroma verbreiteten. Meine Tochter rümpfte das Naserl. „Mama“, sagte sie, „Gott hat wohl einen Furz gelassen. Die ganze Welt stinkt gerade.“ Als es einmal schneite erklärte ich nebenbei das Wort „Anzuckern“, das umgangssprachlich für leichten Schneefall steht. Die Landschaft ist dann angezuckert, wie zum Beispiel ein Gugelhupf.

trees in mist
(c) flickr/calliope creative commons license

Meine Tochter fand das wieder lustig und rief mit erhobenem Blick in den Himmel: „Hey Gott, was machst du? Wir sind doch keine Krapfen!“ Zu mir sagte sie dann: „Ich hoffe, er verwechselt uns nicht mit Krapfen und isst die Erde. Das wär vielleicht ein Problem. Vielleicht aber auch überhaupt nicht. Gott ist ja eh durchsichtig.“
Wenn ich meinen Friedhof im Wald haben durfte, dann werde ich auch den durchsichtigen Gigantengott so lange existieren lassen, wie er in der kindlichen Phantasie Platz findet. Das sagt das Kind in mir, nicht die Erwachsene.

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5 Kommentare

  1. Eva

    Ich finde es einerseits sympathisch, den Kindern solche weltanschaulichen Dinge offen zu lassen, und mag es sehr, wenn sie auf lustige Ideen kommen, um nicht Verstandenes zu erklären. Ich mag auch das So-tun-als-ob, wenn ich als Mutter Ostereier verstecke oder wir gemeinsam im Wald nach Trollen Ausschau halten.

    Andererseits möchte ich als Atheistin es gerne vermeiden, dass meine Kinder schlecht begründete, oder nicht begründbare, religiöse Meinungen übernehmen. Bloß weil sie in einer Gesellschaft aufwachsen, in der nun mal, in unserem Falle, das Christentum weit verbreitet ist. Deshalb bekommen die Kinder von meinem Mann und mir nur zu hören: „Es glauben bei uns eben viele Menschen an Gott, so wie manche Kinder an den Osterhasen glauben. Mehr ist da aber nicht dran als eine schöne Geschichte.“ (Oder auch unschöne, wir z.B. die Passionsgeschichte – ich finde es echt schwer, den Kindern den am Kreuz aufgehängten Jesus zu erklären. Schonmal versucht, einer Sechsjährigen die Sache mit der Erbsünde zu erklären?)

    Im Gegensatz zu den schönen Fantasiereisen der Kindheit stand in meiner persönlichen Erfahrung die große Desillusionierung der Jugend. Ich bin evangelisch erzogen worden, passend zum Konfirmationsunterricht wurde mir klar, dass das alles unhaltbar ist, im Laufe der Jahre danach gingen auch alle weiteren mystischen Überzeugungen über Bord. Wenn ich im Nachhinein dran denke, fühle ich mich von den Erwachsenen schon ein wenig betrogen, dass sie mir so einfach ihre Märchen als Wahrheit vorgesetzt haben.

  2. Hannah

    Hallo!
    Mich macht dieser Artikel nachdenklich.
    Jede/r darf/kann/muss/soll glauben, wie und was ihm/ihr passt. Aber nur weil es der/dem Einzelnen ‚gut tut‘? In der Art eines Placebos quasi? Glaube als ein psychisches Extra, das das Leben erträglicher macht? Aber eigentlich ist da gar nichts, woran man glauben könnte, gar kein Gott oder was auch immer?
    Natürlich erkenne ich einen gewissen Placebo-Effekt des Glaubens an. Aber das Spannende am Glauben ist doch, dass wir gar nichts _wissen_. Es hat noch niemand bewiesen, dass es den durchsichtigen Gigantengott nicht gibt. (Gibt es ihn nicht, weil man nicht bewiesen hat, dass es ihn gibt?)
    Der Punkt auf den ich hinaus will, ist, dass umfassende „Religionstoleranz“ oder was auch immer, irgendwie nur halb ist, wenn man Religion ’nur‘ als Phantasie toleriert. Religion beruht doch darauf, dass ihre Inhalte wahr sein _könnten_, oder nicht?

    Im Schlusswort ist zu lesen: „…dann werde ich auch den durchsichtigen Gigantengott so lange existieren lassen, wie er in der kindlichen Phantasie Platz findet.“
    Ich verstehe das nicht. Soll man/frau seinem/ihrem Kind die ‚Mystik‘ ausreden, weil sie nicht rational ist? Ist es schlimm, an Gott zu glauben? Kindisch? Überwindbar? Und: Sollen/dürfen/können Eltern sich da einmischen?
    Der durchsichtige Gigantengott wird doch schon dadurch relativiert, dass die Mutter anscheinend offen nicht religiös ist. Welches Kind braucht da noch ‚direkte Aufklärung‘?

    Ich selbst bin unter entschieden atheistischem Einfluss aufgewachsen. Aber ich denke, dass ist auch nur ein ‚Glaube‘ unter anderen, der allerdings bisweilen ebenso fundamentalistisch daher kommt, wie manch anderer und sich für die wirkliche Wahrheit hält. Aber die gibts nunmal nicht, die wirkliche Wahrheit.

  3. Sabine42

    Ich finde auch, Kinder sollten da ihre eigenen Entdeckungen und Erfahrungen machen können. Unser Kind geht in einen evangelischen Kindergarten, in dem immer wieder Geschichten aus der Bibel auf dem Programm stehen. Ich finde es gut, dass sie so die Religion kennenlernen kann. Sie wird dann selbst irgendwann wissen, ob sie daran glaubt oder nicht. Und ich meine genauso wie Hannah, dass auch Atheisten an etwas glauben, nämlich daran, dass es keinen Gott gibt. Und das ist nicht besser oder schlechter als andere Religionen, sondern im Prinzip eben auch nur eine Religion unter vielen.

  4. Eva

    Der Rahmen, in dem Kinder ihre eigenen religiösen Entdeckungen machen können, ist aber doch sehr begrenzt: Wenn ihnen nicht gerade jemand den Glauben an, sagen wir mal, Thor und Odin vorlebt, wird es doch darauf hinauslaufen, dass ihre religiösen Erfahrungen unter irgendeine Variante des Christentums fallen. (Vielleicht auch noch Islam oder Buddhismus, ok.) Es lässt sich doch wohl nicht leugnen, dass eine „ich lass meinem Kind seine religiöse Wahl offen“ wenig anderes ist als „wenn das Kind die traditionellen Vorurteile seiner Gesellschaft übernehmen will, bitte“-Erziehung ist.

    Natürlich besteht auch der Atheismus aus bestimmten Überzeugungen, insbesondere der, dass es keine Götter/Göttinnen gibt. Aber immerhin gibt es gute Gründe, diese Überzeugungen zu haben, was ich für meinen Teil für religiöse Einstellungen in Frage stellen würde. Ich will damit übrigens nicht leugnen, dass Kinder mit religiösen Geschichten bekannt gemacht werden sollten – das gehört zur Allgemeinbildung.

  5. Sabine42

    Seinem Kind eine neutrale Einstellung zu Religion bzw. Glauben zu vermitteln ist schwierig, gerade weil jede irgendwie an etwas glaubt. Eva sagt als Atheistin, dass es für sie gute Gründe gibt, diese Überzeugung zu haben. Eine Christin, Jüdin, Muslima etc. ist genauso der Meinung, dass es für ihre eigene Überzeugung gute Gründe gibt, sonst hätte sie diese Überzeugung ja nicht. Ich meine, der erste Schritt kann sein, dass ich folgendes akzeptiere: Meine religiöse (oder atheistische) Überzeugung ist für mich richtig und wahr. Aber: Daneben kann es andere Wahrheiten geben, die für andere Menschen passend und richtig sind. Und es ist immer Glauben notwendig, bewiesen ist das alles nicht (auch nicht, dass es keine Göttinnen gibt).

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