Schwanger

von Anna Lisa

Eine schwangere Frau sollte von ihrem Umfeld auf Händen getragen, jegliche Gefühlsausbrüche mögen ihr verziehen und ihre Schönheit stets bewundert werden.

Naja…

So zumindest wirkt das Bild, das mir diverse Zeitschriften und in meinen Posteingang flatternde Newsletter präsentieren, auf mich. Ja, und ich?  Vielleicht liegt es an mir und meiner Erscheinung, dass mir die Leute in beiden Schwangerschaften ganz und gar nicht so begegneten. Ich bin die kleine Unauffällige, die in der Menge untergeht. Ungeschminkt werde ich auf zarte 16 Jahre geschätzt, geschminkt vermutlich als Vierzehnjährige eingestuft, die versucht wie 16 auszusehen. Also lasse ich das gleich bleiben. Da stand ich also als vermeintliche Teeniemutter in der Straßenbahn und bekam diesen Blick von allen Seiten zugeworfen. Anfangs nervte es mich, ich versuchte ziemlich erfolglos so alt auszusehen wie ich bin, gab recht schnell auf und fand mich eben damit ab, so etwas wie eine Attraktion zu sein. Oft frage ich mich, wie es wohl für eine wirkliche Teeniemutter sein muss.

Dreimal wurde mir in beiden Schwangerschaften zusammen ein Sitzplatz in einem öffentlichen Verkehrsmittel angeboten und in allen Fällen waren es Damen, die so alt waren, dass ich mich wunderte, wie sie die hohen Stufen in die Straßenbahn überhaupt hoch geklettert waren. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Gesellschaft wolle mir mit ihrer abweisenden Haltung sagen, dass ich selbst Schuld bin, so jung bereits Mutter zu werden und jetzt gefälligst allein damit fertig werden soll. Höflichkeit und Rücksichtnahme unnötig. Das ging so weit, dass mein Mann und ich einmal ernsthaft bedroht wurden und ein völlig überfüllter Wagon krampfhaft aus den Fenstern starrte, nur um uns nicht helfen zu müssen. „Ein absolutes Wunschkind!“, sagte ich einmal zu einem Mann im Bus, weil er irgendwie das Gespräch darauf gebracht hatte und er lachte daraufhin nur. „In dem Alter? Das kann mir keiner erzählen, dass man da von einem Wunschkind spricht!“ Nachdem ich brav mein Alter preisgegeben hatte, kam keineswegs überraschend die Antwort: „Ah, das perfekte Alter, um Kinder zu bekommen! Stillen Sie! Stillen Sie lange! Es ist so wichtig für die Kleinen!“ Ja, das Thema Stillen schien neben meinem Alter eines der Lieblingsthemen fremder Leute auf der Straße zu sein. Ich traf Frauen, die vier Jahre lang gestillt haben und eine Dame aus der Nachbarschaft, die nach einigen Wochen aufgab, weil sie jedesmal einen stechenden Schmerz im Uterus verspürte. Jedesmal, wenn ich sie in den darauf folgenden Monaten sah, musste ich zwangsläufig an ihre Gebärmutter denken. Ich wundere mich manchmal, wie offenherzig plötzlich über ganz intime Themen gesprochen wird. Muttermünder, Gebärmütter, Schleimpfropfe und Austreibungsphasen des ganzen Viertels sind mir auf einmal ganz vertraut – ob ich will oder nicht.

Während meiner beiden Schwangerschaften habe ich festgestellt, dass viele Klischees zumindest für mich nicht stimmen. Meiner Meinung nach wurde ich nicht unbedingt schöner, Morgenübelkeit kann durchaus rund um die Uhr und ganze 24 Wochen lang auftreten und richtig fit war ich erst gegen Ende hin. Lange Wanderungen und viele Stufen genoss ich erst so richtig ab Woche 30 und über den Geburtstermin hinaus, während ich anfangs die Geräuschkulisse einer Dampflok fabrizierte. Eine Freundin sagte mir kurz vor der ersten Geburt, dass der Körper danach einem Schlachtfeld gleiche. Ich konnte das erst richtig nachvollziehen, als ich zwei Tage nach dem Kaiserschnitt in ziemlich krummer Haltung vor dem Spiegel stand. Schlachtfeld traf es ganz gut. Kein Wunder nach allem, was der weibliche Körper in den Monaten davor geleistet hat, aber ich war trotzdem ein wenig erschrocken. Beim zweiten Kind wurde mir bewusst, was ich da eigentlich vollbringe, wenn mein Körper einen anderen Menschen von beinahe Null an vollständig ernährt bis sie oder er – sagen wir mal – sechs Monate alt ist. Dieses Gefühl ist für mich derzeit so großartig, dass ich doch tatsächlich manchmal über ein drittes Kind nachdenke. Frau vergisst ja zum Glück recht flott, wie beschwerlich eine Schwangerschaft von Zeit zu Zeit sein kann. Etwas schwieriger ist es zu vergessen, wie manche Mitmenschen auf meinen Bauch reagierten und dass ich in einer Situation sogar Angst haben musste, jemand würde dagegen schlagen, weil derjenige „solche Kinder hier nicht will“. „Warum lasst ihr euch alle mit diesen Ausländern ein?“, schrie er und kam noch einen Schritt näher. Als er uns endlich in Ruhe gelassen hatte, weinte ich zum ersten Mal so richtig in der Öffentlichkeit und das bestimmt nicht wegen der „verrückt spielenden Hormone“ oder der „erhöhten Verletzlichkeit und Sensibilität“.

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6 Kommentare

  1. Anni

    Wahnsinn. Danke für deinen unfassbaren Bericht. Ich blicke mit wirklich sehr gemischten Gefühlen auf meine erste Schwangerschaft – ich passe auch in keine Schublade als von Kopf bis Fuß tätowierte, bi-e Ärztin mit diversen Gesichtspiercings. Schon unschwanger bin ich oft ziemlich überrascht, wie völlig fehl mich die Leute einschätzen. Aber ich habe ein großes Maul, einen genialen Vater-des-Wurms und keiner kann eine Frau aufhalten. Viele Küsse an Dich.

  2. Nach der Geburt meines ersten Kindes hatte man mich damals, im Krankenhaus, auf 17 Jahre geschätzt und mir ein Formular unter die Nase gehalten, dass meine Eltern doch bitte ganz bald zu unterschreiben hätten. Ich war Mitte zwanzig und schockiert!
    Mein Chef fragte mich während meiner ersten Schwangerschaft, (die mir bereits deutlich anzusehen war), wie man nur schwanger werden wollen könne? – Das sei ja schließlich total ekelhaft.
    Genauso reagierte ein damaliger Kunde, (schon Rentner), auf meinen Bauch: Kinder seien Abschaum. – Das hatte er wirklich gesagt.
    Glücklicherweise war das bei meiner zweiten Schwangerschaft total anders. Alles war anders. Ich war anders. Die Welt da draußen ist falsch und rücksichtslos. Da braucht man ein dickes Fell und viel Biss den man ausstrahlen muss, um das alles von sich abperlen zu lassen.
    Liebe Grüße,
    Aada

  3. sabrina

    ich bin in der 20. woche und die 24h-übelkeit vergeht kein bisschen… mittlerweile ist es soweit, dass ich 10kg in der schwangerschaft abgenommen habe, weil ich kein essen mehr bei mir behalten kann. mein chef stresst mich mit „du bist nicht mehr leistbar“ , die meisten fragen nach ob geplant oder „eh unfall“, und einige bekannte/freundinnen meinten, es schade mir eh nicht, wenn ich etwas abnehme… diesmal passt es “ ich kann garnicht soviel essen, wie ich kotzen muss!“

  4. elle

    …und dann kann es auch genau umgekehrt sein. Macht aber auch keinen Spaß. Ich wollte nie Kinder, war mir ganz sicher, habe immer verhütet und nur mit dem Kopf geschüttelt, wenn alle Welt wie es schien, nach und nach schwanger wurde. Unnötig, dumm, egozentrisch, im besten Fall: unbedacht und doch so vermeidbar, dachte ich bei mir. Nun hatten alle im Umfeld schon mehr als ein Kind und wurden fast zudringlich mit ihren Fragen nach dem wann denn nun, jede meiner Beziehungen wurde sofort auf den Kinderwunsch abgeklopft, es wurde mir 24/7 erzählt, wie toll das sei und wenn man denn erstmal…etc.
    Nun bin ich – bei der tatsächlich einzigen Möglichkeit in 35 Jahren – schwanger geworden. Und trotz aller Argumente dagegen, die ich nach wie vor für richtig halte, war meine erste Reaktion: Freude. Da wusste ich dann auch sofort, was ich tun würde. Habe zwar lange mit der Entscheidung gehadert, bin aber dabei geblieben, das Kleine zu behalten. Alle um mich herum sind ausgeflippt vor Freude, zudem lebe ich in einem der kinderreichsten Bezirke Deutschlands, der junge und nicht mehr ganz so junge, gutsituierte Leute aus dem ganzen Land anzieht. In meiner Straße sind 3 Kitas und ein Kinderladen, überall stillende Mütter bei Latte Macchiato und Rhabarberschorle.
    Nun ist es so, dass ich mich zwar sehr freue und mir mein Leben nicht mehr anders vorstellen kann, aber das Leben, dass ich mir vorstelle, sieht eben so ganz anders aus als das, was ich täglich auf der Straße und im Bekanntenkreis erlebe. Jedes Mal, wenn Leute erfahren, dass ich schwanger bin, wird man gefeiert, es wird jedes Detail abgefragt, alle sind sooo glücklich – und bei wiederkehrenden Begegnungen gibt es einen nur noch im Doppelpack. Oder schlimmer: als Anghänsel des (noch nicht einmal geborenen) Kindes, quasi zum Sprachrohr verkommen. Bekannte beim Grillabend, an denen man schon immer nervig fand, dass sie nur noch über Kinderkram (im wahrsten Sinne des Wortes) reden und kein normales Gespräch möglich ist, versuchen nichteinmal mehr vorzutäuschen, dass sie evtl. noch andere Interessen haben und schneiden nur noch Themen an, die mit Kindern zu tun haben, selbst wenn man nach wie vor anderes signalisiert.
    Leider interessiert mich das immer noch nicht. Ja, ich freue mich auf den neuen Menschen, der dort kommt. Und aus heutiger Sicht bin ich unendlich dankbar, dass ich diese Erfahrung nicht verpasst habe, auch wenn die Schwangerschaft bisher kein Zuckerschlecken war (starke Übelkeit rund um die Uhr bis in den 5. Monats, Symphysenlockerung seit der 14. Woche, etc.). Ich freue mich sogar aufs Windelnwechseln, lautes Gebrüll, nächtelang am Krankenbett zu sitzen – also keineswegs nur auf die schönen Seiten, sondern einfach auf das ganze Erlebnis, dass mich sicher mehrfach an den Rand aller möglichen Dinge führen wird, aber dennoch: ich freue mich unbändig.
    Dabei möchte ich aber trotzdem gern weiter in einer Welt leben, die sich eben nicht nur oder hauptsächlich um Kinder dreht. In der sich mein Wert als Mensch nicht ausschließlich darüber definiert, ob und was für Kinder ich habe. In der nicht sofort alle in Verzückung geraten und kein anderes Thema mehr anschneiden, wenn man zugibt, schwanger zu sein.
    Ich habe mich nie für diese Welt interessiert und daran hat sich nichts geändert. Geburtsvorbereitungskurse, Bauchabdrucktreffen, Mütterkreis meide ich wie der Teufel das Weihwasser. In meiner Umgebung hier scheint niemand zu sein, der das alles etwas realistischer sieht und zugibt, dass es durchaus gute Argumente gegen Kinder gibt und das eben Privatsache ist. Eine Privatsache, die durchaus eine großen Teil des Leben einnimmt, aber einen doch als Person nicht verschwinden lässt oder (vielleicht hormonell?) lobotimiert. Nur weil ich schwanger bin, interessiere ich mich doch trotzdem noch für all das, was mich vorher ausgemacht hat – manches ändert sich, klar, einiges kommt hinzu – aber diese riesigen, monothematischen Begeisterungsbekundungen stören mich unsäglich.

    Ich meine: gerade WEIL ich einem neuen Menschen beistehen werde, diese ganze Welt zu begreifen, ist es doch durchaus sinnvoll, sich in ihr zu bewegen – alles andere ergibt für mich keinen Sinn.
    In einer alten Serie aus den 90ern wird der Hauptcharakter, ein Filmfan, der sich nichts sehnlicher wünscht, als Regisseur zu werden, kaum im ersten Unikurs angekommen von einer anderen Teilnehmerin gefragt, was denn seine Hobbys seien und was er sonst so mache. Daraufhin entgegenet er, nachdem er zugeben muss, keine Hobbys außer Filme sehen zu haben: „Wieso…ich dachte, wir sind hier alle Filmfans?“ worauf sie antwortet: „Aber wenn Du keine anderen Interessen hast, worüber willst Du dann Filme machen? Andere Filme? Dann entsteht ja nichts neues mehr.“
    Hier gibt es nun: Babyparty im Laden um die Ecke. Auf Facebook. Im Stammcafé. Glückwünsche, ungefragte Geschenke, rosige Wangen und milde Blicke wohin man geht.
    Ein bißchen mehr Offenheit oder auch nur Indifferenz fände ich wirklich schön.

  5. Andrea

    „.
    Ich habe mich nie für diese Welt interessiert und daran hat sich nichts geändert. Geburtsvorbereitungskurse, Bauchabdrucktreffen, Mütterkreis meide ich wie der Teufel das Weihwasser. In meiner Umgebung hier scheint niemand zu sein, der das alles etwas realistischer sieht und zugibt, dass es durchaus gute Argumente gegen Kinder gibt und das eben Privatsache ist. Eine Privatsache, die durchaus eine großen Teil des Leben einnimmt, aber einen doch als Person nicht verschwinden lässt oder (vielleicht hormonell?) lobotimiert. Nur weil ich schwanger bin, interessiere ich mich doch trotzdem noch für all das, was mich vorher ausgemacht hat – manches ändert sich, klar, einiges kommt hinzu – aber diese riesigen, monothematischen Begeisterungsbekundungen stören mich unsäglich.“
    Genau so geht es mir, doch außer Augenrollen oder „das kommt noch“ oder „warum bist du denn überhaupt schwanger geworden“ oder anderen dämlichen Aussprüchen kommt doch eher selten was…Der Artikel ist über ein halbes Jahr alt – wie ist es denn jetzt so?! Mit dankbarem Gruß für den Text, A*

    • Seit ich den Artikel geschrieben habe, hat sich nicht allzu viel geändert. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits meine beiden Kinder und bin nicht erneut schwanger geworden (als so großartig habe ich die Schwangerschaften und das erste Lebensjahr dann doch nicht in Erinnerung).
      Ich kann dir nur berichten, wie es mir mit den Kindern so geht. Für mich hat sich schon viel geändert, die Kinder sind defintiv ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens und nehmen den Großteil meiner Zeit und Energie in Anspruch. Das habe ich für mich so beschlossen, auch wenn ich manchmal schreiend davon laufen möchte. Kind1 geht jetzt seit ein paar Monaten für wenige Stunden in den Kindergarten, Kind2 bleibt bei mir zu Hause. Wobei zu Hause ein dehnbarer Begriff ist…ich bin nicht „nur zu Hause“. Irgendwie nimmt gerade alles an, dass ich Mittagessen koche und aufräume, während Kind1 im Kindergarten ist. Und weil ich ja „zu Hause“ bin, bedeutet das anscheinend gleichzeitig, dass ich nicht arbeite. Doch, tu ich. Manchmal verdiene ich dabei etwas, machmal auch nicht (und dank der Sprache, die mein Mann verwendet, bezeichnen die Kinder übrigens auch Wäsche aufhängen als Arbeit). Ich fand es nämlich auch schon nach wenigen Monaten ziemlich anstrengend, mich nur mit Windelinhalt und Brustentzündungen zu beschäftigen. Für mich gehört das schon irgendwie auch dazu und es sind gerade anfangs auch wichtige Themen, aber halt auch nicht die einzigen. Wie du sagst, ich hatte vor den Kindern ja auch Interessen und die sind nicht verloren gegangen.
      Ich habe schon sehr bald wieder angefangen zu fotografieren und auch zu schreiben, kurz nach der Geburt meines zweiten Kindes kam dann „umstandslos“ dazu. Für all diese Dinge hätte ich eigentlich gern mehr Zeit und ich versuche sie mir auch zu schaffen, mir ist aber auch die Zeit mit den Kindern wichtig. Deswegen bin ich auch „zu Hause“ und suche mir eben beruflich Dinge, die ich von dort aus erledigen kann bzw die ich gut mit unserer derzeitigen Betreuungssituation unter einen Hut bekomme.
      Ich finde, es ist ganz wichtig, dass die eigenen Interessen nicht hinter dem ganzen Kinderthema verschwinden, dass Frau* sich weiterhin auch als solche wahrnimmt und sich nicht ausschließlich nur noch als Mutter* sieht. Und ich finde das selbst oft richtig schwierig! Sich diesen ganzen Erwartungen, die an eine gestellt werden, zu entziehen, braucht schon viel Selbstbewusstsein und Ausdauer und auch Gleichgesinnte.

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