Halbe-Halbe*

von Antonia

Eine zufriedenstellende und gerechte Lösung für die Arbeitsteilung in Paarbeziehungen zu finden und dabei den sogenannten „Traditionalisierungsfallen“ zu entgehen, erscheint mir als eine der schwierigsten Herausforderungen in heterosexuellen Elternpaarbeziehungen.

Ich möchte heute darüber schreiben, wie ich selbst diesen Aushandlungsprozess wahrnehme und welche Texte meine Gedanken dazu bereichern.

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(c) flickr yanivG creative commons licence

Vorneweg zwei Punkte, die ich als grundlegend für die Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld erachte:

1. Die Ausverhandlung der Arbeitsteilung zwischen Vater und Mutter passiert nicht zwischen gleichberechtigten Verhandlungspartner_innen

Das ist für mich eine besonders wichtige Feststellung. Jochen König hat in seinem Text auf fuckermothers gut beschrieben was er darunter versteht. (Ich habe schon einmal ähnlich hier argumentiert):

„Unterschlagen wird viel zu oft, dass Mutter und Vater aus ungleichen Ausgangssituationen in die Diskussion um die Aufteilung der Verantwortung und der Elternaufgaben gehen. Väter haben in den meisten Fällen viele Möglichkeiten mit der eigenen Rolle umzugehen. Sie können die klassischen Rolle des Familienernährers wählen oder die des „modernen“ Vaters, der sich für sein Kind engagiert. Viele Väter wählen auch eine dritte Möglichkeit: sie entziehen sich (nahezu) komplett der Verantwortung und kümmern sich weder um das Kind noch tragen sie über das einklagbare Maß zum Familienunterhalt bei. Die Wahlmöglichkeiten der Mütter sehen ganz anders aus. Wenn der Vater keine Lust hat ein „moderner“ Vater zu sein, liegen sie irgendwo zwischen: beim Kind bleiben und beim Kind bleiben.“

Daraus folgt ein weiterer, meiner Ansicht nach, undiskutierbarer Grundsatz:

  1. Haus- und Elternarbeit muss für beide Elternteile unabdingbare Notwendigkeit sein

Das ist sozusagen die logische Schlussfolgerung aus Punkt 1 und ich beziehe mich hier auf einen Text von Antje Schrupp, indem sie sich mit den „neuen Vätern und ihrer Option auf Elternarbeit“ auseinandersetzt. Sie schreibt:

„Ich möchte deshalb den Gedanken in die Debatte bringen, dass das Modell “Kinderversorgen als Option” nur denkbar ist, wenn es andere Menschen gibt, für die das Kinderversorgen eben keine Option, sondern undiskutierbare Notwendigkeit ist. Diese Menschen nenne ich einfach mal “Mütter”, weil genau das das traditionelle Modell von Mutterschaft war: “Mutter” ist diejenige, die letzten Endes für die Versorgung des Kindes zuständig ist. Sie kann diese Arbeit delegieren, an Väter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen. Aber wenn sich niemand anderes findet, muss sie es selbst machen.“

Nachdem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit (noch) nicht so sind, dass garantiert ist, dass Kinderversorgung und Hausarbeit für Väter ebenso wie für Mütter unabdingbare Notwendigkeiten sind, ich das aber für die absolute Grundlage von geteilter Elternschaft halte, müssen mein Partner und ich Vereinbarungen finden, die das garantieren.

Eine in diese Hinsicht interessante Lösung haben Micha und Suse gefunden. Sie teilen sich die Kinderbetreuung tageweise auf. Montag ist Micha dran, Dienstag Suse und so weiter. Schichtwechsel ist abends um 20:00. Beide arbeiten freiberuflich und sind deshalb in der Lage dieses Modell zu leben. Sie beschreiben ihre Erfahrungen mit ihrem Modell und der Arbeit an der gleichberechtigten Elternschaft auf ihrem Blog femiliyaffair.

Mir gefällt an ihrem Modell, dass der Grundsatz der unabdingbaren Notwendigkeit von Kinderversorgung und Hausarbeit ganz klar hergestellt wird. Es geht nicht, dass Micha sagt, ich komme heute später, weil ich einen beruflichen Termin habe (obwohl Suse vielleicht zu Hause ist und nicht weg muss). Wenn, dann kann nur getauscht werden. Wenn Suse heute einen Abend übernimmt, muss Micha dafür einen Abend für sie übernehmen.

Mein Partner und ich haben Vereinbarungen getroffen, die ebenfalls nach Tagen getrennt sind (auch wenn wir uns mittlerweile „nur“ die Nachmittage aufteilen). Wenn ich zu meinen Arbeitskolleg_innen sagte: „Am Mittwoch kann ich, da ist das Kind bei G.“ fragen sie mich ob wir geschieden sind, so eigenartig finden sie offensichtlich solche Aufteilungen. Ja, es ist schwierig solche Vereinbarungen mit dem Umfeld abzustimmen und Forderungen gegenüber Arbeitgeber_innen zu stellen. Ich möchte kurz zusammenfassen, was ich an unserem Weg bisher gut und hilfreich fand:

keine_r ist „voll“ in Elternzeit und keine_r arbeitet „voll“ (ab Geburt des Kindes), daraus folgt: jede_r hat gleich viel Zeit für Erwerbsarbeit oder sonstige Dinge und gleich viel Zeit mit dem Kind

Ich war in den ersten 5 Lebensmonaten 4 Tage pro Woche für das Kind zuständig und hatte danach einen Tag kinderfrei um meinen Belangen nachzugehen. In den darauffolgenden 9 Monaten war es umgekehrt: der Mann war 4 Tage zuständig und hatte einen Tag „frei“. Seither ist das Kind bis ca. 15h in der Krippe und wir holen es abwechselnd ab und bringen es abwechselnd ins Bett. Dieser „freie“ Tag von Anfang an, war eine unfassbare Bereicherung. Und nein, ich habe an meinem Tag damals nicht Geld verdient, sondern mich auf eine Prüfung oder sonst was vorbereitet.

es gibt keine wichtigeren oder unwichtigeren Termine bzw. kann das nicht automatisch vorausgesetzt werden.

Das Kind ist krank und beide Eltern sind der Meinung, dass ihre berufliche Situation es gerade heute nicht zulässt zu Hause zu bleiben? Ich finde auch dafür können Listen geführt werden. Heute bleibe ich zu Hauser, beim nächsten Mal du.

wir ziehen weniger Einkommen (von dem wir trotzdem leben können, ich weiß, dass das ein Privileg ist) einer gleichberechtigteren Aufteilung und der beruflichen Entwicklung von uns beiden, vor.

Als das Kind zu Welt kam, war ich grad mitten im Uniabschluss und verdiente freiberuflich so viel (so wenig) Geld, dass ich selbst nicht einmal wirklich über die Runden kam. Dennoch war es essentiell „meine Zeit“ zu haben, um die Dinge voranzubringen. Während Kinderbetreuung kann eins sich nämlich auch nicht auf die Abschlussprüfung vorbereiten, Bewerbungen schreiben, oder einfach einmal einen Tag in die Luft schauen.

die Kinderbetreuung wird nun nach Tagen, die Hausarbeit nach Aufgabenbereichen aufgeteilt.

Wir teilen uns die Kinderbetreuung wie gesagt nach Tagen auf und was die Hausarbeit betrifft haben wir z.B. eine Wäsche- und Geschirraufteilung gefunden. Der Mann macht die Küche (Geschirrspüler einräumen etc.) und ich kümmere mich um die Wäsche.

Und ja, für mich kann ein reflektiertes Halbe-Halbe, anders als für Jochen König in oben zitiertem Text, sehr wohl Ziel der Ausverhandlung sein.

* Halbe Halbe bezieht sich auf eine Kampagne der österreichischen Frauenministerin Helga Konrad aus dem Jahr 1996. Der vollständige Titel lautete „Ganze Männer machen halbe-halbe“. Konrad kündigte damit eine Gesetzesintitiative für ein Gesetz an, das Männer dazu verpflichten sollte die Hälfte der Hausarbeit zu übernehmen. Wenn auch nicht mehr unter der Feder von Konrad, so wurde dennoch 1999 (als Barbara Prammer Frauenministerin war) der Auftrag zur partnerschaftlichen Teilung der Versorgungsarbeit in das Ehegesetz aufgenommen.

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5 Kommentare

  1. pitz

    Haha, ja, wenn ich was alleine unternehme und auf die Frage, wo die Kinder seien, antworte, sie seien bei ihrem Papi, kommt sofort die entsetzte Frage, ob wir getrennt seien. Ist ja schon krass, wenn der Vater sich um die Kinder kümmert. 😉

    Wir leben ein ähnliches Modell, nicht ganz so straight, aber auch mit dem bewussten Blick, wer wann wieviel macht (bei uns insbesondere, ob wir die Kinder 50/50 früh bringen und nachmittags abholen und wer sie abends ins Bett bringt). Das ist der Punkt, an dem Kritiker_innen Begriffe wie ‚Vertrauen‘ und ‚Liebe’/’Romantik‘ ins Spiel bringen, für ein bisschen mehr vernebelnden Weihrauch in der Diskussion.

  2. cloudette

    Wir machen das auch ähnlich, vielleicht eher so wie pitz, also nicht straight tagemäßig aufgeteilt, sondern mit dem Blick „heute bringe ich ins Bett, du hast gestern“.

  3. Ja, so machen wir es auch in etwa, der Papa des Kindes und ich. Unterschied: wir sind tatsächlich getrennt. Und erst seit der Trennung klappt das halbe-halbe-Modell, wird nicht mehr herum diskutiert, habe ich tatsächlich freie Tage. Frappierend. Dabei hätte ich es mir so gewünscht, dass es innerhalb der Beziehung klappt. Aber Aushandlungsprozesse und Liebe, da gerät oft eine/r ins Hintertreffen, eben wegen der oben beschriebenen Ungleichheit zwischen Eltern.
    Ich bin inzwischen der Auffassung, dass gelebte Gleichberechtigung in Beziehungen zu 90% vom Mann abhängt, den man sich aussucht. Mag keine neue Erkenntnis sein, aber für mich persönlich war das eine harte Erkenntnis – ich kann das nicht durchkämpfen, wenn der andere nicht mitzieht, und hatte mich dafür in den Falschen verliebt.

  4. Danke für deinen super Artikel. Wir sind als unser Zwerg noch ganz klein war, trotz super Aufteilung davor, ordentlich zusammengekracht und in einem Elternratgeber auf eine Liste gestoßen, wo wir ausfüllen mussten, wer wofür zuständig ist. Irgendwie waren dann bei mir plötzlich alle kinderspezifischen Dinge, für die ich mich automatisch verantwortlich fühlte, und der Vater des Kindes sich nicht. Das hätten wir nie gedacht, dass wir so automatisch in diese Rollen tappen mit der Geburt. Mittlerweile sind wir wieder bei halbe/halbe angelangt.
    Wir haben keine tageweise Aufteilung, aber da vorher ich ein halbes Jahr und nun er ein halbes Jahr in Karenz war/ist, ist auch klar, dass er mehr Zeit mit dem Kleinen verbringt und für alles ganz genauso zuständig ist. Und wenn ich mal später komme oder nur wenig Zeit beim Kleinen bin wegen der Arbeit, brauch ich kein schlechtes Gewissen haben.
    Die Hausarbeit ist gleich verteilt geblieben, nur dass jetzt die Person unter der Woche kocht, die arbeitet, weils einfach für die Person daheim angenehmer ist (von unserer Küche sieht mensch nicht in den Wohnraum) und mensch auch noch was andres machen kann außer Hausarbeit mit Kind. Das hab ich damals sehr genossen, und jetzt genießt halt er diesen Luxus.
    Beim zu Bett bringen folgt das keinem System. Öfter ist aber er dran, weil ich dann meist schon wieder am PC arbeite. Aber dafür übernehme ich viele organisatorische Dinge, die ich auch nicht gerne aus der Hand geben will.

    Ganz wichtig find ich aus deinem Artikel, dass diese Aushandlung nicht zwischen gleichberechtigten Verhandlungspartner_innen passiert. Ich finde, das wird oft fälschlicherweise angenommen. Wir haben mal versucht darüber zu diskutieren, wie ich von klein an immer mitgedacht habe, dass ich mit dem Kind auch allein irgendwie durchkommen muss, aber für ihn war das in der Pubertät nie ein Gedanke, weils eben noch immer eine Option ist. Dieses „nicht-ausweichen“-Können finde ich, ist das schwerste überhaupt zu kommunizieren, weil viele dann ja sagen „ja, aber du bist ja auch die Mutter“.

  5. Pingback: Feministisches ABC. Zweiter Streich | umstandslos.

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