Me and you. Your momma and your daddy, too

von Catherine

Morgens wenn sich Mann und Kind aus dem Bett schälen (und mich meistens noch schlafen lassen), gehen sie nach oben und frühstücken mit der Oma. Abends bevor einer von uns das Kind ins Bett bringt, kriegen Oma und Opa einen Gutenachtkuss. 

Vor einem Jahr sind wir zu den sehr alten Eltern des Mannes gezogen, eigentlich als Übergangslösung. Jetzt dauert alles länger als gedacht und so teilen wir uns auf absehbare Zeit Küche und Bad mit den Großeltern. Wir gehen zusammen einkaufen, sagen Bescheid, wenn irgendwas ansteht und mindestens ein Drittel aller Mahlzeiten nehmen wir zusammen ein. Das ist oft anstrengend. Weil wir sehr wenig Platz haben. Weil es ganz wenige Bereiche gibt, die unsere sind. Kind, Mann und mir gehören. Weil die Oma manchmal aus dem Fenster schaut, wenn wir im Hof sind und wir uns belauscht fühlen. Weil des Mannes Vater, der stramm auf die 90 zugeht, dement ist und oft schlecht gelaunt. Weil er oft Dinge tut, die ich einigermaßen ekelhaft finde (und das ist ein Problem, wenn man gemeinsam das Klo benutzt). Weil wir es vor dem Hierherzug gewohnt waren, für uns zu sein. Das Geschirr stehen zu lassen bis abends, große Verwüstung beim Kochen anzurichten, uns streiten zu können in dem Wissen, dass uns zwar die Nachbarn hören können, aber sonst keiner. Weil wir schonmal auf mehr als 32 Quadratmetern gewohnt haben. 

Im Winter bin ich fast verzweifelt an der Enge und der gezwungenen Nähe zu so vielen Menschen. Ich wollte ausziehen. Verschwinden. Die Situation hier erschien mir ausweglos und das Warten auf Veränderung unendlich. Manchmal packt mich immer noch Panik und ich habe Angst, den nächsten Winter wieder so zu verbringen. Gefangen in DEN UMSTÄNDEN.  

Aber wenn ich alle Sorgen hinter mir lassen kann, dann sehe ich auch, wie gut es ist, mit den zwei Alten zu wohnen. Die Oma ist begeistert vom Kind und es wiederum liebt sie heiß und innig: Die beiden verbringen einigermaßen viel Zeit miteinander. Sie sehen sich jeden Tag und wenn ich Laufen gehen will oder was Dringendes (oder sehr seltener: Was Partnerschaftliches) ansteht, wird das Kind jederzeit, auch kurzfristig, für ein paar Stunden aufgenommen. Die Oma hält sich an unsere Regeln – das Kind isst kein Fleisch und hat ansonsten allerlei Freiheiten, die Menschen aus dieser Generation Kindern eher nicht einräumen. Wir bekommen außerdem gekocht, wenn wir das wollen. Und mittlerweile gibt es sonntags für alle vegan. Die Oma wird durch uns alle regelmäßig aus ihrer ermüdenden Pflegeroutine für ihren Mann geholt. Wir fahren sie zum Arzt und zum Lebensmittelladen, und wenn sie Lust hat, gehen wir mit ihr Pizza essen. Wir bewahren das Haus (soweit wir können) vor dem Verfall und bestellen den Garten. Durch unsere Lebenssituation hat das Kind mehr Bezungspersonen als nur uns Eltern. Es sieht, dass andere Menschen Dinge anders machen. Es sieht, dass ältere Leute oft langsamer sind und es weiß, dass man die Bauklötze wegräumen muss, weil es sonst sein kann, dass der Opa drüberstolpert. Und: Kein Mensch weiß, wie lange sie noch leben. Die Alten. Und es ist schön, dass das Kind sie kennenlernen und viel Zeit mit ihnen verbringen kann, weil es sie sehr mag. Den grantigen Opa wie die lustige Oma.

Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn wir unseren ganz eigenen Bereich in der Nähe der Großeltern hätten, uns eindeutigerabgrenzen könnten. Aber auch so ist das Leben mit Leuten, die freundlich, offen, tolerant und lustig sind, die das Kind lieben und einem das Lieblingsessen kochen, wenn alles scheiße ist, obwohl manchmal anstrengend, gar nicht so schlecht.

Banksy_people_Clerkenwell

Bild: Banksy. Fotografiert von Justin Cormack

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Ein Kommentar

  1. frausiebensachen

    ich bin sehr gerührt, weil ich es ganz großartig von euch finde, daß ihr den alten zur seite steht (und sie euch). trotz der enge. wirklich bewegend.

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