The Mamas and the Papas

von Cornelia

Mecklenbrauck, Annika/Böckmann, Lukas (Hg.; 2013). The Mamas and the Papas. Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse. Ventil Verlag. (Rezensionsexemplar)

The Mamas and the Papas

Ventil Verlag

Ich muss vorweg schicken: Das Buch hat mich begeistert, noch bevor ich es gelesen habe. Die Idee an sich! Das Cover, der Titel, die Verweise und Anspielungen (Kraftwerk! The Mamas and the Papas!), das Inhaltsverzeichnis, die Autor_innenschaft (Fuckermothers!). Und natürlich darüber hinaus: Feministische Bücher zum Thema Elternschaft sind rar; und bitter notwendig.

Die Herausgeber_innen betonen, wie wichtig es ist, Elternschaft politisch zu denken und eine möglichst breitgefächerte Auseinandersetzung mit dem Thema auf mehreren Ebenen anzustoßen. Sie legen auch gleich sanft einen Finger in eine oft ignorierte Wunde und verweisen auf den nicht immer super Umgang der so genannten Linken mit Elternschaft. Eine feministische Betrachtungsweise muss also her – und zwar verhandelt im Sinne einer feministischen Gesellschaftskritik.

Gleich im zweiten Satz der Einleitung wird klar gestellt, Eltern sind alle, die bereit sind, Verantwortung für ein unmündiges Wesen zu übernehmen – Biologie hin oder her.

Die Familie, „oder wie auch immer man das nennen mag„, schreibt Lukas Böckmann später im Buch, sei ein „mehr oder minder zwanghafter Zusammenschluss„, den er ambivalent betrachtet: „geschehen doch viele Scheußlichkeiten und Bestialitäten, mit denen sich Menschen ihr Leben gegenseitig zur Hölle machen, im Schutz seiner zwielichtigen Abhängigkeitsverhältnisse.“ Wie wahr. Doch nichtsdestotrotz: gleichzeitig könne Familie auch ein Gegenentwurf zur Gesellschaft sein.

„The Mamas and the Papas“ ist gegliedert in fünf große thematische Schwerpunkte: Reproduktion, Revolution, Familie, Pop und Widerspenstigkeiten. Es schwankt zwischen persönlichen und theoretischen Texten – die gleichberechtigt nebeneinander stehen und großteils in sympathischem Nachdenk-Plauderton daherkommen. So kann das Buch auch Leser_innen ansprechen, die mit herrschenden Diskursen nicht vertraut oder davon ge- und übersättigt sind.

Kinder = „Jobknast. Vollzeitarbeit. Fernsehfeierabend. Früh ins Bett. Sprich: Bye bye Kunst. Bye bye prekäres Leben unter dem Radar von Väterchen Scheißkapitalismus.“ (Jasper Nicolaisen) 

Im ersten Teil, Reproduktion, werden Muttermythen im historischen Kontext, Wunschkind-Normen und Pränataldiagnostik und Schwangerschaftserlebnisse verhandelt. Der Revolutionsteil beleuchtet Elternschaft in der radikalen Linken (inklusive eines Interviews mit Bewohner_innen eines Hausprojektes in Berlin) und enthält einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht zu (Keine)-Kinder-haben-(wollen). Im Familienteil berichtet ein Elternpaar von seinem 50/50-Modell, ein Autor denkt über Queerness und Familie nach, es geht um die Ideologie der Muttermilch und was sie mit der Konstruktion von Mutter/Vater zu tun hat und um das Konzept Familie heute und in der Vergangenheit. In der Abteilung Pop geht’s um (linke) Kinderlieder und Kinderbücher. Hier finden sich auch Interviews mit Wolfgang Seidel (Ton Steine Scherben), Almuts Klotz (Lassie Singers) und Frank Spilker (Die Sterne). Im Teil Widerspenstigkeiten schließlich, widmen sich die Autor_innen der „Hinterfotzigkeit des kindlichen Glücks“, einem Erziehungskonzept zur Mündigkeit, der Frage nach Schule und Gesellschaft und der kindlichen Sexualität über die Perspektive des postnazistischen deutschen Liebeslebens.

Selbst theoretisch gehaltene Texte bieten (bis auf einzelne Ausnahmen) schöne Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen und Erlebnissen. Etwa wenn Lisa Malich über ihre Mutter schreibt: „Stattdessen war ich als Kind oft sauer, dass es bei uns so unordentlich war [Anm.: zuvor ging es um die Berufstätigkeit der Mutter], weil meine Mutter nicht so sehr aufräumte und putzte, wie es die Mütter meiner Schulfreundinnen taten. (…) Sie fand sich zu dick, was dazu führte, dass wir sie jahrelang auch so sahen – bis ich mit Mitte 20 feststellte, dass sie Kleidergröße 38 trug.“

Auch die Selbstkritik von Autor_innen tut gut, die erzählen, wie sie selbst in Vorurteilsfallen tappen. Oder die Ironie. Etwa die von Jana Ballenthien: „Tatsächlich bietet das Stillen einige Vorteile: Für das Kind z. B. Allergieschutz, Verminderung des Risikos von Säuglingssterblichkeit, Schizophrenie, Diabetes, Asthma und was weiß ich noch, eine verbesserte Sprachentwicklung, einen höheren IQ und vermutlich auch Flügel, Glück in der Liebe und Glück im Lotto.“ Überhaupt hält das Still-Kapitel ein paar Bonmots bereit, wie die Feststellung über Absurdität einer Welt, in der die Stillquote mit dem Bildungsniveau korreliert wird.

„Was fangen wir nur mit diesen schwangeren Körpern und nervigen Kindern an?“ (Sonja Eismann)

In „The Mamas and the Papas“ werden auch heikle Themen diskutiert oder zumindest angerissen: Rebecca Maskos und Andrea Trumann weisen darauf hin, dass eine feministische Debatte über Spätabtreibung potentiell behinderter Kinder aus Angst vor Rückschlägen in Bezug auf Abtreibungsrechte vermieden wird. Und Sonja Eismann geht der Frage nach, warum sich queer-feministische Communitys mit Müttern schwer tun. Die Problematik beginne auch bereits beim simplen Zusammentreffen von Eltern und Nicht-Eltern:

Und wenn man sich dann mal – inklusive Nachwuchs – trifft, führt das dauernde Aufmerksamkeitsbedürfnis von Kindern, das Nicht-Eltern meist nicht vertraut ist und als Ablenkung vom Wesentlichen der Erwachsenengespräche empfunden wird, oft zu Irritationen. Daraus erwachsen auf beiden Seiten massive Frustrationen und das Gefühl des Nichtverstandenseins, was häufig zu einem kompletten Auseinanderdriften der Szenen führt.

Eismann thematisiert auch das Paradoxon, dass sich gerade auf queeren Blogs besonders naturalistische Überhöhungen von absurden Konzepten finden. Sie fordert als möglichen feministischen Ausweg, zuerst einmal die „Frauenkörper aus dem (…) Schlachtfeld“ zu ziehen – es gehe darum die generellen Verschiebungen von Geschlecht, Körper und Reproduktion mitzudenken: auch zwei Frauen können Schwangerschaftsverhütung brauchen, auch Männer können schwanger werden, ein Kind kann auch außerhalb von Körpern gezeugt werden usw. Demzufolge plädiert sie dafür, wann immer möglich von Elternschaft statt von Mutterschaft zu sprechen.

Doch es sind eben nur bestimmte Körper, die schwanger werden können. Nicole Tomasek konstatiert in ihrem angenehm unprätentiös gehaltenen, sehr amüsant zu lesenden Beitrag erst: „Spätestens bei der Geburt will Frau die ganz radikale Geschlechterdekonstruktion in die Biotonne kloppen. Schwanger werden können nicht alle und vor allem keine Männer – die ganz banalen ohne Sternchen –, erkennt die sich rundende, mit immer mehr Einschränkungen konfrontierte Linksradikale (…).“ Um sich dann über Geburtsschmerzen und die Grausamkeit der Natur auszulassen – Foltervergleiche ziehend! Und wie immer wieder in dem Buch – und das machte es für mich auch so interessant zu lesen – wenn ich die Augenbrauen gerade zum Runzeln hochziehen will, kommt dann ein Satz, der mich versöhnt. In dem Fall war es dieses Erkenntnis-Kleinod: „Immerhin wartet auf die Gebärende nach der ganzen Tortur und den Strömen von Blut und anderen Körperflüssigkeiten ein niedlicher hilfloser Gnom – der ihr dann auch noch die Brustwarzen zernuckelt. Aber das ist dann schon fast egal, der neuen Mutter gehört ihr Körper sowieso eine ganze Zeit lang nicht mehr selbst, vielleicht ist ja das mit Dekonstruktion gemeint.“ Den nachdenklich stimmenden Teil schiebt Tomasek launig – und im gesamten Kontext ihres Beitrags sicherlich auch mahnend zu verstehen – hinterher: „Kinder sind die perfekte Ausrede für Nichtaktivismus.“ Denn es ist doch schon so: „Ohne Kinder ist auch keine Revolution zu machen.“ Ein schönes Plädoyer für aktivistische Eltern und dafür, sich zusammenzutun und gemeinsam weiterzukämpfen.

Nicht zuletzt hat auch Nicht-Elternschaft in „The Mamas and the Papas“ ihren Platz gefunden. Astrid Henning schreibt über die Problematik, dass kinderlose Frauen stets nur jene mit dem unerfüllten Kinderwunsch sind:

Aber trotz der Vielfältigkeit, die europäische Frauen im gesellschaftlichen Zusammenhang spielen, hat in den letzten zwanzig Jahren eine Verengung auf die Einteilung Mutter oder Nicht-Mutter stattgefunden. Die gewollt Kinderlosen haben im öffentlichen Raum keine Sprache, im Privaten unterliegen sie einem permanenten Erklärungszwang. (…) Es braucht kein neues Mutterbild, sondern eine popkulturelle Sprechformation, welche den Erklärungszwang kategorisch zurückweist (…) und gleichzeitig als Sprachrohr für eine Weiblichkeit, für ein Glück jenseits des Kinderlächelns gilt.“

„Mit dem Colt in der Hand, mit dem Rücken zur Wand“ (Lassie Singers)

Es ist müßig, fehlende Aspekte in dem Buch zu bekritteln, weil es tatsächlich eine breite Palette von Themen abdeckt – und zwar in alle (un)denkbaren Richtungen. Aber als Hinweis, um keine potenziellen Leser_innen-Hoffnungen zu enttäuschen: Bücher und Musik sind die einzigen Medien, die besprochen werden. Computerspiele und Fernsehen bleiben ausgeblendet.

Bei all den Türen, die das Buch öffnet, bei allen Zwickmühlen, auf die hingewiesen wird. Manche Konflikte kommen zwangsläufig zu kurz. Augenscheinlich wird dies beim Thema Schwangerschaft. Jana Ballenthien erläutert an ihren eigenen Schwangerschaftserfahrungen, vor welche Hürden sie gestellt wurde, ihre feministischen Ansprüche zu leben. Gerade in einer Zweierbeziehung beginnt die Schieflage zwischen zwei Partner_innen. Etwas kippt: Denn schwanger ist und bleibt nur eine Person. Ballenthien formuliert deshalb auch einen Wunsch in Richtung Wissenschaft, sich des Themas empirisch anzunehmen: „Schwangerschaft ist eine eigenständige analytische Phase, die die subjektiven politischen Einstellungen auf den praktischen Prüfstein stellt und in der sich vieles konstituiert.“ Denn das Perfide: Eine Schwangerschaft dauert durchschnittlich 40 Wochen und sich in diesen von inkorporierten Praxen zu lösen, ist fast unmöglich – besonders dann, wenn jede feministische Schwangere mehr oder weniger von vorne damit anfangen muss.

„The Mamas and the Papas“ ist ein großartiges Sammelwerk, dessen Texte viele Nach- und Überdenkprozesse in Gang setzen (können). Es hat mit der Beackerung eines weiten Feldes angefangen hat. Nachahmungstäter_innen dringend gesucht!

The Mamas and the Papas

(Die schönen Illustrationen zu den einzelnen Kapiteln stammen von Constanze Kresta.)

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2 Kommentare

  1. Aneken

    Vielen Dank für deine kluge Rezension, liebe AufZehenspitzen! Und jip, ich war auch schon vor dem Lesen so begeistert wie du! Und ich stimme dir in einem großen Teil deines Lobes (nochmal jip, allein die Idee!) sehr zu. Trotzdem hatte ich nach dem Durchlesen einiger Artikel ein Unbehagen und ich habe lange gebraucht um konkretisieren zu können was mich stört. Ehrlich gesagt war es dann genau dein Artikel https://umstandslos.com/2014/02/24/das-diskriminierte-kind/ über Adultismus, den ich parallel zur Lektüre gelesen habe, bei dem es bei mir Klick gemacht hat. Denn tatsächlich finde ich es… hm, ich nenne das mal „unlinks“, ein Buch über Elternschaft zu veröffentlichen, in dem die Perspektive von Kindern in den meisten Artikeln ignoriert wird. Es ist im zugespitzten Sinne ein adultistisches Buch aus der Sicht von herrschenden Eltern über un-/beherrschte Kinder. Das Interview mit den Wohnprojekteltern als Beispiel: interessant und gerne mehr davon…. nur: was sagen denn eigentlich die Kinder dazu, die in dem Projekt wohnen? Finden die das auch so toll wie ihre Eltern? Das ist eine echte Lücke und schade. Trotzdem lesen! 🙂

    • hm, ich weiß, glaub ich, was du meinst, und gerade bei dem wohnprojekt-interview wäre die kinderperspektive wirklich unglaublich bereichernd und interessant. aber ich tue mich nur selber unendlich schwer damit adultismus und feminismus zusammenzudenken – das kann so nach hinten (antifeministisch) losgehen. das ist in etwa so wie bei dem thema spätabtreibung (was im buch ja zB explizit angesprochen wurde).

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