Und Schnitt.

 

Anonym

 

Das erste Mal gespürt hab ich, dass da etwas in mir wächst in Tschechien. Das war vielleicht die vierte Woche. Es war erste Nacht, die ich nicht mehr durchgeschlafen hab. Dabei kann mensch neben mir Fliegerbomben sprengen, ohne dass ich hochschrecke. Diesmal aber nicht. Morgens tat der rechte Fuß komisch weh und ein Blick in den Spiegel verriet mir: irgendwas ist anders. Ich bin schwanger. Da war ich mir tausendprozentig sicher.

 

Entspanntes Warten.

 

Dass der kleine Mensch bei uns zu Hause geboren werden sollte, darüber war ich mir schon im Klaren, als noch nicht einmal die Entscheidung für ein neues Leben gefällt war. Die Hebamme hatte ich längst ausgesucht. Angst hatte ich nie. Einige Monate vorher kam noch ein Hypno-Birthing-Kurs dazu. Hatte mir eine Freundin aus England empfohlen. Noch weniger als keine Angst vor der Geburt, bloß Entspannung. Die Gedanken an die katastrophalen Geburten meiner Mutter konnte ich getrost wegschieben. Hatte nichts mit mir zu tun. Ich war relaxt. Das Geburtsbecken war schon aufgeblasen und wartete im Kinderzimmer. Alles bereit. Ich wache auf in einer Pfütze eine Woche vor dem Geburtstermin. Jubel, Trubel, Aufregung. Nichts. Die Hebamme stellt fest, dass die Fruchtblase wieder verklebt ist, nur ein Haarriss. Drei Wochen später noch immer nichts. Zwölf Tage nach dem errechneten Termin fahren wir in die Klinik. „Hallo, da bin ich, ich würde gerne entbinden. Aber ambulant wenn möglich.“ Noch immer sehr relaxt. Die Hebammen entschuldigen sich erst mal, dass das nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich bekomme eine Art Schuhbändchen an den Muttermund gelegt, das Prostaglandin abgeben soll, am nächsten Tag folgen Akkupunktur und Globuli noch dazu. Die Wehen setzen ein. Weil grade Besuchszeit ist und überall sonst extrem heiß, ziehen wir in den Kreissaal um, legen Sigur Ros auf und kuschelen auf der riesigen Matratze am Boden, bis die Wehen stärker werden und alles was noch an Magen- und Darminhalten da war sich entleert. Naja, immerhin. Der Hebammencocktail im Vorfeld hatte bislang ja nichts bewirkt. Der Sex ebenso wenig. Das Schuhbändchen scheint seine Wirkung nun nicht zu verfehlen. Es rüttelt und schüttelt mich. Aber irgendwie passiert nichts. Ich bitte um Schmerzmittel, von denen ich nichts merke. Ich klammere mich an der Sprossenwand fest und zerquetsche die Hand meines Partners. Er schaut auf den Wehenschreiber und sagt mir, wann ich entspannen kann. Ich mach‘s und falle beinahe in Tiefschlaf – zumindest bis die nächste Wehe kommt. Es ist scheißanstrengend, aber ich bin innerlich ruhig. Die eine Hebamme munkelt zur anderen etwas von erstaunlicher Körperbeherrschung. Diejenige, die mich seit dem Vortag betreut hatte, ist leider weg. Als die Wehen stärker wurden, endete ihr Dienst. Wer mich jetzt betreut, weiß ich nicht. Auf jeden Fall tut sich nichts. Wir probieren mehrere Positionswechsel. Ich denke mir schon, dass das Kind nicht raus will. Das denke ich mir schon seit Tagen, weil es nicht ins Becken eingetreten ist. Die Herztöne werden nicht besser. Es ruckelt in meinem Bauch aber da will niemand raus. Wir müssen einen Kaiserschnitt machen, heißt es. Whatever, denk ich mir.

 

ratz fatz

 

Und dann geht es auf einmal ratz fatz. Ich werde auf eine andere Liege gehoben, wir fahren in den OP nebenan, zack Wehenstopper rein und mein Herz rast plötzlich wie auf der Achterbahn. Aufsetzen, zack, Kreuzstich, mir ist schlagartig kalt. Eiskalt von Kopf bis Fuß. Gleichzeitig rast mein Herz noch immer auf der Achterbahn auf und ab. Wo ist A.? Was passiert? Muss ich sterben? Deckt mich zu, mir ist so kalt, mein Herz klopft noch immer ganz wild. Da ist A. Ich habe Angst, mein Herz springt gleich heraus. Ein Mensch in grün hebt da einen kleinen Menschen hinter dem Vorhang hoch. Das ist ja wie im Film. Ein Baby. Das ist meines. Wo kommt das her? Jetzt ist es wieder weg. A. geht mit, den kleinen Menschen in Empfang zu nehmen. Ich werde zugenäht. Wurde ich aufgeschnitten? Wann ist das alles passiert? Ich hab nichts gemerkt, kein Ruckeln, nichts. Nur mein rasendes Herz und diese Kälte. Gefühlt wenige Minuten später sind sie fertig. Ich komme in den Raum mit A. und dem Baby. Beide sind selig. Das Baby wird mir an die Brust gelegt. Das ist also mein Baby. Aha. Ich fühle mich wie beim ersten Sex. „Das ist es also, darum machen alle so viel Aufhebens?“, dachte ich mir mit 17. Jetzt irgendwie auch. Das kleine Wesen schläft später in meinem Arm ein. Erst am nächsten Tag bemerke ich, wie süß es ist.

Ich bin enttäuscht. Maßlos. Von meinem Körper. Wieso kann der nicht gebären. Wieso hat das nicht geklappt. Ich bin so wütend, und weiß nicht auf wen ich es sein soll. Denn eigentlich hat derselbe Körper verhindert, dass sich das Baby mit der Nabelschnur stranguliert. Darum kein Eintritt ins Becken, darum hat sich nichts getan. Ich müsste doch froh sein. Trotzdem bin ich wütend und enttäuscht, auf mich, auf den Körper, auf das Leben. Wenigstens funktioniert der Milcheinschuss ohne Probleme. So prall sind meine Brüste mit Milch gefühlt. Ich versöhne mich kurz mit dem Leben, dem Körper, der „Natur“. Wenigstens das funktioniert so wie es sollte.

 

kaiserschnittbild

 

Rastloses Warten

 

Die nächsten Tage sind merkwürdig. Der kleine Mensch scheint mich sehr zu mögen. Kuschelt sich an mich. Manchmal jammert er. Wenn A. ihn hochnimmt beruhigt er sich sofort. Bei mir manchmal. Ich darf nicht an die OP denken. Sofort steigt mir das Wasser in die Augen. „Hauptsache gesund“, hör ich ganz oft. Jedes Mal trifft es. Ganz tief. A. bleibt noch ein paar Tage mit mir zu Haus im Wochenbett. Ich erhole mich recht schnell; abgesehen vom Weinen. Irgendwann bringe ich es übers Herz, ihm zu sagen, dass ich diesen kleinen Menschen irgendwie total lieb hab, aber irgendwie auch nicht. Ich hätte kein Problem damit, wenn ich ihn jetzt zur Adoption frei geben müsste. A. liest in einer Broschüre nach und sagt mir, dass das ganz normal ist. Normal find ich das trotzdem nicht. Außerdem will ich raus, mich spüren, irgendetwas zwischen meinem Kopf und meinen Beinen fühlen. Aber da ist nichts. Leere, Taubheit. Für den kleinen Menschen fühle ich mich verantwortlich. Fotografiere ihn ständig, überprüfe dauernd, ob ihm nicht zu kalt ist, ob er noch atmet. Da ist diese Zuneigung, aber ein Ton von Sigur Ros und es schwemmt mich ein Tsunami aus Tränen weg. Irgendwie gut, dass ich noch nicht in die Badewanne darf. A. hat das Geburtsbecken weggeräumt, ohne, dass ich nochmal einen Blick drauf werfe. Es fehlt etwas. Wo ist mein Baby? Das aus meinem Bauch? Wo ist es?

Meine Kusine gebärt spontan. „Ein total schönes Geburtserlebnis.“ Sie ist überglücklich.

Wir streiten herum, A. will Nähe, ich habe genug davon mit dem Baby. Bitte nicht noch einer, der meine Zuneigung will. Dieser kleine Mensch kostet mich Kraft genug. „Hauptsache gesund,“ höre ich noch viele Male. Es fehlt etwas.

Wir haben Sex. Ich kann mich irgendwann dazu durchringen. Mein Kopf möchte, meinem Körper scheint das egal zu sein. Ich muss mich irrsinnig konzentrieren, um nicht abzuschweifen und stattdessen das Kribbeln aufrecht zu erhalten. Es schmerzt. Es schmerzt unglaublich. Wir probieren eine andere Position. Es schmerzt noch immer. Wir brechen ab. Ich muss weinen. Ich will nicht, dass da jemand in meinen Körper eindringt. Dass ist doch der Ort, an dem mein Baby wohnt. Das ist doch seine Behausung. Ich will mich noch nicht davon verabschieden. Ich warte noch immer auf das Baby aus meinem Bauch. Das andere Baby, das neben mir ist, nicht dasselbe Kind.

Monate vergehen und wir versuchen es immer wiedermal mit Sex. Jedes Mal dasselbe Ergebnis: Schmerz. Ich verdächtige meinen Kopf. Mache mich auf die Suche nach einer geeigneten Therapeutin. Ein halbes Jahr ist fast vergangen. Kurz vor dem Erstgespräch möchte ich einen Rückzieher machen. Ich fühle mich doch gut, ich glaube das Baby und ich haben gut zueinander gefunden. A. sagt, ich soll trotzdem hingehen. Nur für alle Fälle. Im Bus auf dem Weg dorthin kann ich meine Tränen nur mehr mühsam zurückhalten. Als ich mich im Beratungszimmer auf den Stuhl setze, bricht es gleich aus mir heraus. Ich wünsche mir, dass das Baby, das mir im Krankenhaus überreicht wurde, meines ist. Und dass ich keine Schmerzen habe beim Sex. Und dass ich nicht mehr dieses Gefühl des Fehlens mit mir herumtrage. Die Zeit arbeitet für mich, meint die Therapeutin, was das Kind betrifft. Ich wünsche mir ein Zeichen. Ein Zeichen, dass das Kind sich mir zu erkennen gibt.

 

Unterschrift.

 

Wegen Weihnachten muss der erste offizielle Therapietermin hinausgeschoben werden. Der Gynäkologe untersucht mich derweilen und findet keine physische Schmerzursache. Das Kind schaut mir eines Tages tief in die Augen. Ich fühle mich angesprochen. Es meint mich. Es ist das Baby aus meinem Bauch. Wir beide gehören zusammen. Meine Libido mit allem Drum und Dran kehrt zurück. Wir haben Sex und es ist wunderbar. Ich beginne, wieder zu arbeiten und genieße es, bis 21 Uhr in der Firma zu bleiben und mich in Projekte zu vertiefen. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich habe gelernt, dass ich mein Baby liebe, so oder so. Bislang ist es das relaxteste Kind, das ich kenne. Schreit nicht, schläft, unkompliziert. Scheint nichts von meinen Problemen gemerkt zu haben.
Ich werde massiert. Der Masseur spricht mich auf meine „Unterschrift“ an. Nennt mir eine Salbe, die bei der Wundheilung helfen kann, die meine Unterschrift verschwinden lässt. Ich überlege kurz. Nein. Ich möchte meine Unterschrift behalten. Sie ist das einzige Zeugnis dieser Geburt, das ich habe. In meinem Kopf gibt es keine Bilder dazu. Mein Körper hat nie das Ruckeln gefühlt, als das Kind herausgezogen wurde. Meinem Körpergedächtnis fehlt jegliche Erinnerung. Ich brauche diese Unterschrift. Ich trage sie stolz, wie eine Kriegsveteranin, die ihre Narben mit den dazugehörigen Geschichten präsentiert.Eigentlich kann ich mir die Therapie nun sparen. Ich gehe trotzdem hin zu meinem ersten offiziellen Termin. Mir geht es gut. Ich erzähle, was sich getan hat. Mit einem Schnipsenhat auf einmal alles wieder gepasst. Die Therapeutin fragt mich, was ich tun müsste, damit es wieder so schlimm wird, wie es war. „Mich mit anderen vergleichen“, fällt mir ein. Ich frage mich, wie viel von diesem Fehlen Mutterschafts-Idealisierung und wie viel tatsächlich Körpergedächtnis war. Kaiserschnitt ist auch eine Form von Geburt. Ohne Sternchen und Herzchen in den Augen ist auch Liebe.


Das Urheberrecht der Illustration liegt bei der Autorin

 

 

 

19 Kommentare

  1. Ich möchte mich bei Dir bedanken…bei mir war es anders und genauso. Danke für diese Worte. Ich geh jetzt ne Runde heulen…Danke…

  2. Cloud

    Ich fand es auch ganz schlimm, als meine Zwilinge per Kaiserschnitt geholt wurden. Also – der Kopf nicht, der wusste, das ist das Beste für sie (7 Wochen zu früh, geholt wegen Fruchtblasensprung).
    Aber der Bauch und das Herz, die fühlten sich wie beklaut, die hatten gar keine Zeit, das alles zu realisieren.
    Das „Känguruhen“ in der Neo-Intensiv hat dann einiges wieder gutgemacht – die Kinder auf der nackten Haut zu spüren, gab mir irgendwann die durch die hastige Geburt verpasste Bindung. Aber noch heute (sie sind jetzt fast 5) bedauere ich sehr, dass ich kein wirkliches Geburtserlebnis hatte.

  3. Danke – besonders für die letzten drei Sätze!! Ich hatte eine vaginale Geburt und es war nicht der schönste Moment in meinem Leben TM und das Geburtserlebnis war auch nicht schön TM. Mein Glück (und Pech) ist, dass ich keine bedauernden Blicke ernte (wie es Kaiserschnitt-Müttern oft geht, wie mir erzählt wurde), dass ich mir aber auch nach der Geburt Gedanken dazu machte, ob denn mit mir und meinem Körper etwas nicht stimmt, weil ja alles „ganz ok“ gelaufen ist und ich nicht dieses superduper-wow-gefühl hatte – oder war doch etwas nicht „ganz ok“ gelaufen? und wenn ja, was war das Problem …? Erklärungsversuche en masse … gescheitert. Es hat eine Weile gedauert, bis ich erkannt habe, wie viel Mutterschafts-Mythos und -Idealisierung in dem Vorgang Geburt stecken.

  4. Pingback: zu #selbstgeboren | Word up!

  5. Pingback: #selbstgeboren? | juna im netz

  6. „Wo ist mein Baby? Das aus meinem Bauch? Wo ist es?“
    Genau das.
    Und „Hauptsache gesund“ bis über die Kotzgrenze hinaus mit einem Baby, das am Beatmungsgerät hing und um sein Leben rang.
    Heute ist zum Glück alles gut. Aber das ist so wenig mein Verdienst, wie eine perfekt nach Plan ablaufende „selbstbestimmte Geburt nach eigenen Vorstellungen“ der Verdienst einer anderen Frau ist. Wir hatten schlussendlich einfach mehr Glück als andere.

  7. Pingback: Was zum Teufel heisst hier nicht #selbstgeboren ? | Mama hat jetzt keine Zeit…

  8. Ich fuhlte mich genau so. Mein Baby wollte nicht kommen, dann mussten wir ein Keiserschnitt. Es war auch bei mir kalt. Das erinnere ich gut. Und dieses fremde Baby? Nun kann ich an meinem Baby gucken und denken: das ist MEIN Baby. Am Anfang war nur alles kalt.

  9. Pingback: Was kann aus #selbstgeboren jetzt erwachsen? | Drop the thought

  10. Pingback: selbstvertrauen vs. #selbstgeboren : ehrlichgesagt

  11. Ute T.

    Hi, danke für Deine ehrlichen Worte. Ich hatte beim Lesen eine Gänsehaut. Warum: weil es Wort für Wort meine eigene Geschichte wiederspiegelt, nur das ich mir am Ende keine professionelle Hilfe holte, sondern mich allein durchwurstelte.

    Das zweite Kind kam dann mit Hilfe eines geplanten Kaiserschnittes zur Welt, weil ich nieeee wieder soetwas erleben wollte. Die erste Geburt hatte ich nicht verarbeitet.

    Dann wurde ich wieder schwanger und dieses Mal habe ich mich endlich mit den beiden Geburtsgeschichten wirklich schmerzlich beschäftigt. Alles kam wieder hoch.

    Ich habe recherchiert, Bücher gelesen, wissenschaftliche Artikel durchforstet. Ich kannte alle Chancen und Risiken, war bestens informiert. Und ich habe für die natürliche Geburt meines dritten Kindes sehr gekämpft.
    Die Geburt verlief auf natürlichem Weg und ich war und bin sehr froh darüber.

    Und noch ein Kind ist später geschlüpft. Alles Wissen, alle Erfahrungen habe ich gemeinsam mit einer anderen Mutter, die ebenfalls nach zwei Kaiserschnitten eine natürliche Geburt erlebte, aufgeschrieben.

    Entstanden ist das Buch „Meine Wunschgeburt-Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt“ . Inzwischen haben schon viele Mütter darin geschmöckert und sich einige gute Anregungen geholt. So wurde es mir jedenfalls immer wieder rückgemeldet.

    Ach ja, mein erstes Kind ist jetzt schon richtig groß und das mit dem absoluten Verliebtsein haben wir mit Hilfe des Stillens dann auch irgendwann hinbekommen.

    herzlich Ute

  12. Anonym

    Danke für all die tollen Rückmeldungen! Auch wenn keiner sowas zu wünschen ist, freue ich mich natürlich wenn aus dem Dunkel des Schweigens, das ich diesbezüglich oft mal um mich wahrnehme, doch einige Stimmen alut werden.:-)

    Liebe Ute, hab mir dein Buch im Netz angeschaut und muss sagen, momentan wüsst ich gar nicht, was ich damit anfangen könnte. Aufgrund der Nabelschnursituation bei mir, hab ich eigentlich nicht das Gefühl, nicht selbstbestimmt geboren zu haben und im Endeffekt ist auch ohne die geplante Hausgeburt alles nach meinen Wünschen verlaufen bzgl. wann ich erst ins KH gehe, in welches, Einleitungsmethoden vorher schon und auch danach im KH. Den Wechsel der Hebamme hätte ich gerne vermieden, aber mit meinem Partner bei allem an der Seite und dem eigenen Gedanken während des Geburtsverlaufs, dass es ne sectio werden wird, und dass ich das Kind jetzt auch einfach raushaben will, weils halt anstrengend ist, tue ich mir mit den Begriffen „Wunschgeburt“ und „selbstbestimm“ grad schwer. Auch wegen der #selbstgeboren Diskussion.

    Das was ich wollte, werd ich nie mehr haben können. In Ö sind Hausgeburten nach sectio verboten und ich habe nicht vor wochenlang in einem anderen Land auszuharren und dann womöglich erst in ein fremdes KH eingeliefert zu werden, wo die Gepflogenheiten ganz andere sind. Alles andre ist nice to have. Wassergeburt wär schön, mein Wunschkrankenhaus auch wieder. Aber ob das klappt, ob ích nicht wieder einleiten muss, ob ich den Weg ins Wunschkrankenhaus bei Einsetzen der Wehen (1 h Fahrtzeit) schaffe, ob nicht wieder die Nabelschnur um den Hals ist usw., da gibt’s so viel was ich nicht beeinflussen kann.

    Das, wo ich mir bislang nicht sicher bin, ist die Frage, ob ich mir eine Einleitung nochmal antun würde, oder nicht gleich auf eine sectio zurückgreife um mir dieses Unzugehörigkeitsgefühl zu ersparen, und vor allem den Wehenstopper. Ich möchte mich freuen auf mein Baby, wenn es rauskommt und nicht Achterbahn Fahren und mit Herzrasen Todesängste ausstehen. Und ich bin mir diesbezüglich auch nicht sicher, ob ich wieder einen Kreuzstich wollen würde, oder ob ich mich nicht gleich in Vollnarkose begäbe, weil diese wochenlange körperliche Taubheit mitunter am schwersten zu ertragen war.

    Aber ich glaube es wird sicher wieder Thema werden, sollte die 2. Geburt wieder eine sectio werden und die dritte anstehen. Im Moment ist für mich die Conclusio, dass egal wie gut ich mich drauf vorbereite und wie sehr ich mir eine vaginale Geburt wünsche, in dieser Sache halt auch das Baby selbst den entscheidenden Ton angibt. Und da muss ich mich fügen, ob ich will oder nicht.

    Zumindest weiß ich jetzt, dass ich mich für die nächste Zeit von Diskussionen a la „was ist die bessere Geburtsvariante?“ fernhalten werde, da die Natur nun mal mehrere Varianten vorschlägt, von denen leider nicht alle gut ausgehen, aber eben alle möglich sind. Dementsprechend muss ich akzeptieren was kommt, auch wenn ich vorher alle Wege für eine andere Möglichkeit öffne und beschreite.

    Insofern warte ich auf ein Wunder, dass sich die österr. Gesetzgebung diesbezüglich ändert und ich mal an sowas wie Wahlfreiheit denken kann.

  13. Neeva

    Oha, aufwühlender Text. Dieses Fremdheitsgefühl dem Baby gegenüber habe ich allerdings auch erlebt, nach einer vaginalen Geburt. (Übrigens in der geistigen Schublade „nicht so schlimm, wie gedacht“ abgelegt, und nicht unter „Schönstes Erlebnis“TM).

    Es kann auch nicht so selten sein. Ich erinnere mich, dass in einem Roman von Diana Gabaldon die Rede davon ist, dass man nach der Geburt eines Kindes dem Fantasiekind aus der Schwangerschaft nachtrauert und damit erstmal fertig werden muss.
    Dieser Mythos, dass ein schönes Geburtserlebnis und die Liebe auf den ersten Blick „dazugehören“, ist meiner Meinung nach ganz direkt für einige Wochenbettdepressionen verantwortlich, weil dieser wahnsinnige Erwartungsdruck aufgebaut wird. Der Vergleich mit Sex ist ziemlich gut. Stillen geht auch in die Richtung.

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  16. lola

    Ich möchte dich nicht angreifen, und ich hoffe, du fasst es nicht so auf. Aber als ich so etwas über die Hälfte gelesen hatte, dachte ich mir: meine Güte, man kann es auch übertreiben. da ich selbst aber schon in einer Extremsituation war, weiß ich, dass man für seine Gedanken und Gefühle gar nichts kann und sie schon gar nicht abstellen kann. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich gerade aus einer 2 Jahren Extremsituation komme, aber durch diesen Artikel fühle ich mich sogar bestärkt keine Kinder haben zu wollen, denn die Gedanken, die sich frau dabei macht, hören sich doch nach lebenslanger Extremsituation an.

  17. Liebe Lola, Gefühle sind halt immer subjektiv. Die Empfindung bzgl. Übertreibung ist auch eine, die auch den Protagonistinnen in „Meine Narbe“ immer wieder mal zugeschrieben wird. Extremsituationen finde ich, sollte mensch nicht miteinander vergleichen. Menschen haben auch unterschiedliche Ausgangslagen und Erwartungen an Mutterschaft. Mein Wunsch nach einem Kind hat sich über viele Jahre hingezogen. Dann war es endlich so weit, und nix mit Herzchen und überhaupt nix so mit dem Gefühl wie erwartet.
    Aber der Text ansich ist ja in der Phase entstanden, als ich mich dann damit schon angefreundet hab. Und mittlerweile trauere ich da auch nicht mehr so drum.
    Über Kinder ansich – glaub ich – macht sich eine/r aber schon lebenslänglich Gedanken. Immerhin ist es eine riesige Verantwortung, und mensch gestaltet einfach die Rahmenbedingungen mit, in denen ein Kind aufwächst.

  18. Pingback: Gedanken zu #selbstgeboren - Mama notes

  19. Maren

    Sehr schön geschrieben. Auch ich hatte einen ungeplanten (und ungewollten) Kaiserschnitt. War aber auch vorher so tiefenentspannt, dass ich mir ebenfalls dachte „whatever“…danach fühlte ich mich genauso betrogen von meinem eigenen Körper. Aber wie die Therapeutin sagte (und die weiß schon, wovon sie redet ;)): Die Zeit spielt für einen. Habe ich im ersten Jahr immer mal wieder daran gedacht und auch die Tränen manchmal nicht zurückhalten können, ist es mir jetzt, 3 Jahre später, fast schnuppe. Immer noch schade, aber es läuft nunmal nicht alles (das meiste sogar nicht) perfekt. Das gute bei mir: Obwohl ich vorher vor wochenbettsdepressiven Gedanken Angst hatte, war davon keine Spur und die Nähe zum Baby hat mir geholfen und mich glücklich gemacht.
    Letztlich ist das auch ein Punkt, den ich bei so vielen feministischen Beiträgen über Mutterschaft nicht verstehe, es werden doch nicht nur diffuse Erwartungen durch die Medien aufgebaut. Und genauso, wie der eine nen besseren Kuchen backen kann als der andere, findet sich der eine schneller in die Mutterrolle als der andere und einige vielleicht gar nicht. Das heißt aber nicht, dass es die (relativ) bedigungslose Lieber einer Mutter für ihr Baby nicht gibt oder diese nicht erstrebenswert wäre, finde ich. Ich finde sie erstrebenswert und schön und – so blöd es klingt – bei mir war es nunmal so kitschig, dass ich sofort hals-über-kopf in das kleine Wesen verliebt war und die Liebe für mein Kind bis heute etwas ist, was unvergleichlich ist. Einfach, da es mir in 90% der Fälle überhaupt nichts ausmacht, nicht autonom entscheiden zu können und den Bedürfnissen eines kleinen Kindes Vorrang zu geben.

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