Mama und die Angst – #istjairre. Oder vielleicht auch nicht.

Psychische Erkrankungen werden in unserer Gesellschaft immer häufiger, gleichzeitig nimmt aber die Toleranz gegenüber Betroffenen laut einer Studie ab. Die Medien präsentieren uns das Bild der strahlenden Mutter, die alles mit Leichtigkeit angeht und dabei nie ihr Lächeln verliert. Es scheint, als würden Mütter nie von solchen Krankheiten tangiert. Das stimmt nicht. Selbstverständlich leiden auch Menschen mit Kindern an psychischen Krankheiten.

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Von Anna Lisa

Kurz vor meinem 18. Geburtstag fing es an. Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindelgefühl. Ich dachte, ich würde sterben und lag in einem Waldstück im Schweizer Kanton Aargau, um auf den Tod zu warten. Er kam nicht. Stattdessen brachte mich eine ältere Frau in meine Wohnung, wo es schlagartig besser wurde. Überhaupt kamen die Symptome, die ich so eindeutig dem nahenden Tod zuordnete, nur draußen. Google spuckte nach einer Suchanfrage das Ergebnis „psychische Erkrankungen“ aus.  Ich stieß auf Foren, in denen sich Betroffene über ihren jahrelangen Kampf gegen Angst, Panik, Depression und posttraumatische Belastungsstörung unterhielten. Meine Mutter kam in die Schweiz und nahm mich mit zurück nach Österreich, erst mal nur für eine Woche – so der Plan. Tatsächlich musste ich wieder in mein altes Kinderzimmer einziehen und sah die Schweiz erst fünf Jahre später wieder.

Ich wurde volljährig und war so abhängig von anderen wie zuletzt im Kleinkindalter, dabei sollte jetzt doch das Leben so richtig losgehen, oder? Statt Party machte ich eine Therapie und bekam nach der ersten Sitzung eine Diagnose: Generalisierte Angststörung. Die Versicherung genehmigte vorerst 35 Sitzungen und ich fragte mich, wie ich in so kurzer Zeit wieder hergestellt sein sollte. Ich konnte doch kaum allein vor die Tür, das Studium musste pausieren, weil mich das Sitzen in einer Vorlesung fast wahnsinnig machte und ich nachher sowieso keine Ahnung hatte, wovon die oder der Vortragende gesprochen hatte. Ich fühlte mich wie ein hilfloses, von seinem Umfeld völlig abhängiges Wrack von einem Menschen. Es wurde ein schwieriges Jahr, aber in der 35. Sitzung herrschte Schweigen. Alles war besprochen, die Therapeutin hatte mir Werkzeuge gegeben, mit denen ich den Alltag meistern konnte und den Rest würde hoffentlich die Zeit bessern. Ich zog um, neue Stadt, neue Ausbildung, die ich beendete, Praktikum, Beziehung.

 Und schließlich wurde ich schwanger. KIA2011001W00019-12

Würde ich eine gute Mutter sein? Würde ich mein Kind einschränken, weil ich so schrecklich ängstlich bin? Diese ganzen Vermeidungsstrategien und Neurosen? Das kann unmöglich kindertauglich sein. Die erste Schwangerschaft war wie eine Heilung von innen heraus – wenn auch nur eine temporäre. Obwohl es mir vorher schon wieder relativ gut gegangen war, hatte ich währenddessen das Gefühl, das Kind, das in mir wuchs, würde der Angst einfach allen Platz wegnehmen.

Mittlerweile haben wir zwei Kinder und die Tage sind so ausgefüllt, dass ich kaum Zeit zum Nachdenken habe. Trotzdem gibt es sie, die Momente, in denen mich eine Panikattacke überfällt, die ich nicht einmal als solche zuordnen kann, weil ich sie kaum mehr gewohnt bin: Mitten am Spielplatz und meine Tochter will nicht aus der Sandkiste kommen. Sie hat keine Lust nach Hause zu gehen und ich habe das Gefühl, gleich umzukippen.

VERDAMMT NOCHMAL, BITTE KOMM JETZT MIT!

Das brülle ich natürlich nicht, schon allein, weil das anderen Mütter wohl befremdlich fänden. Und, weil ich in den letzten zwei Jahren ziemlich viel in Sachen Geduld gelernt habe. Stattdessen versuche ich, zu überreden, mit Bananen zu bestechen, vernünftig zu argumentieren und manchmal habe ich einfach Glück. Etwa, wenn just in diesem Moment ein LKW auf der anderen Straßenseite alle verdorrten Christbäume auflädt und meine Tochter sich das genauer ansehen will. In Bewegung wird die Angst besser, weg von dem eingezäunten Spielplatz, das hilft schon mal.

Letzten Sommer wurde mir klar, dass ich noch sehr, sehr viele Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, vermeide. Viele davon könnten problematisch werden je älter die Kinder werden: ich schaffe es kaum selbst Auto zu fahren, ich habe panische Angst vor Wespen und würde im Sommer am liebsten nicht draußen essen, in kein Schwimmbad gehen und auch auf keinen Spielplatz. Der letzte unbeschwerte Waldspaziergang ist schon lange her – in meinen Augen lauert überall der Tod. Die größte Angst ist, mir könnte etwas zustoßen und ich wäre nicht in der Lage, mich um die Kinder zu kümmern. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich den Situationen, die ich so erfolgreich vermeide, vielleicht dieses Jahr noch entziehen kann, aber irgendwann werden meine Kinder sich wünschen, all diese Dinge mit mir zu unternehmen und ich will ihnen das auch nicht vorenthalten. Es stört mich ohnehin selbst, dass ich nicht einfach unbeschwert und ohne langes Grübeln einfach alles tun kann, wozu ich Lust habe, dass alles immer gedanklich zerkaut werden muss und ich so Vieles nicht einfach genießen kann.

Wahrscheinlich werde ich meinen Kindern eine ganze Menge erklären müssen, wenn ihnen erst einmal auffällt, dass ihre Mama bei manchen Dingen irgendwie anders drauf ist, als andere. Etwa, wenn ich urplötzlich aus einer Situation flüchten muss, phasenweise gewisse Lebensmittel nicht esse, weil ich davon nur Panikattacken und Todesängste bekomme oder weil es mir so schwer fällt, Sachen außerhalb der alltäglichen Routine fernab der täglichen Routen zu erledigen.

Und dann wären da ja noch die Narben an meinen Armen, die von einigen Jahren Selbstverletzung übrig geblieben sind. Irgendwann werden sie mich danach fragen und ich will ihnen eine ehrliche Antwort geben, die sie aber nicht überfordert. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen werde und ich zögere die ernsthaften Gedanken daran vermutlich so lange hinaus bis es zu spät ist und ich von ihren Fragen überrumpelt werde.

Oft frage ich mich, ob ich das einzige Elter weit und breit bin, die mit dieser Art von Problemen lebt und ich fände ich es sehr hilfreich, mich mit anderen betroffenen Müttern oder auch Vätern auszutauschen. Besonders auch im Hinblick auf die Zukunft mit größeren Kindern und darauf, wie mein Verhalten nicht allzu sehr auf meine Tochter und meinen Sohn übertragen werden. Aber die Suche nach einem Netzwerk für psychisch kranke Eltern blieb erfolglos und ich glaube nicht, dass es hilfreich ist auf dem Spielplatz zu fragen, ob unter den Anwesenden noch jemand betroffen ist. Die Angst stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden ist trotz allem und besonders seit ich Mutter geworden bin da, denn niemand soll denken, ich sei „irre“, völlig „gestört“ und könne mich nicht um meine Kinder kümmern. Dabei würde ein offener Umgang mit diesen Problemen das Leben der Betroffenen um so Vieles erleichtern. Ich jedenfalls teile meiner näheren Umwelt ziemlich schnell mit, dass ich hier und da mal gegen eine richtig üble, irrationale Angst kämpfen muss und bisher bin ich auf viel Verständnis und Hilfe gestoßen. Natürlich gibt es aber auch das Gegenteil und seltsamerweise kamen die verstörendsten Aussagen ausgerechnet von medizinischem Personal. Da war die Hebamme, die mich während der Geburt meiner Tochter auf meine vernarbten Arme ansprach und sie als „Jugendsünden“ bezeichnete, am Tag darauf fragte mich eine Kinderkrankenschwester: „Was hast denn du für eine Kindheit gehabt?“ Bis ich verstanden hatte, worauf sie hinaus wollte, war sie schon wieder weg und ich hätte sowieso nicht gewusst, wie ich darauf schlagfertig reagieren sollte. Und da waren noch die zwei Ärztinnen, die mich unabhängig voneinander fragten, ob ich schon wegen Alkohol oder Drogenproblemen stationär behandelt worden war und wann ich die Schule abgebrochen hätte. „Na, das ist ja ritschratsch gegangen.“, meinte die eine noch und schickte mich weiter zum Amtsarzt, der beurteilen sollte, ob ich eine Gefahr für die Allgemeinheit sei.

Eine generalisierte Angststörung wird mensch nicht einfach los, die bleibt wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad ein Leben lang Teil von mir und ich finde das auch in Ordnung so. Ich versuche, jeden Tag ein bisschen an mir selbst zu arbeiten, als Mensch und als Mutter und ich gebe mir alle Mühe, meinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein und ihnen Liebe und Geborgenheit zu geben. An manchen Tagen kostet es allerdings wahnsinnig viel Kraft all dies zu tun und dabei eine lähmende Angst im Zaum zu halten.

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Auf Twitter läuft seit Oktober 2013 unter dem Hashtag #istjairre eine Aktion, die auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen und mehr Toleranz schaffen soll. 

(c) Bilder: Anna Lisa aus der Serie F41.1 – Eine Diagnose

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9 Kommentare

  1. pitz

    Vielen Dank für den mutigen Artikel! Er strahlt tatsächlich Mut und Gelassenheit aus. Hut ab für soviel Distanz!

    Ich kenne die Situation nur aus meiner subjektiven Kindersicht, und selbst da bin ich mir nicht ganz sicher (ob es dieses Thema überhaupt ist). Ein Riesenthema für mich. Vielleicht schreibe ich auch mal was dazu – hier würde es den Rahmen sprengen. Ich finde jedenfalls Deine Gedankengänge gut und fruchtbar.

  2. Ja, auch von mir vielen Dank für deine offenen Worte! Kann man deine Fotoserie irgendwo online zur Gänze sehen?

  3. Ich möchte mich auch bedanken…Danke für diese Offenheit!

  4. Danke! Natürlich gibt es andere, auch andere Mütter – irgendwann werden all die „gestörten“ Mädchen schliesslich gross. Man findet sich irgendwo im Netz, gezielt oder zufällig.
    Liebe Grüsse von einer mit F63.3.
    (und nie vergessen: Wir sind nicht die Krankheit, wir haben sie nur!)

  5. Liebe Mutter, ich bin zwar noch selber keine Mutter, habe mir aber soooo viele der Fragen schon selber gestellt. Und die Fragen der Krankenschwester kenne ich auch – ich habe damals fast den Führerschein nicht bekommen weil ich -lol- in Therapie war. Nicht wegen der SVV, nein, wegen der Therapie. #istjairre, oder?
    Auf alle Fälle: DANKE für den Artikel, er macht mir Mut, dass auch Menschen „wie wir“ gute Eltern werden können. Ich wünsche dir noch alles Gute!

  6. berit

    Liebe Anna Lisa, auch von mir ein Kompliment für diesen schön geschriebenen Artikel. Wie der Zufall so spielt, habe ich heute beim Bäcker einen Flyer zu dem Thema gesehen von einem gemeinnützigen Verein
    –> http://www.wege-ev.de/projekte/auryn/idee/ der auch direkt auf die Hilfe von Familien spezialisiert ist. Unter anderem mit Beratungsgesprächen mit gleichzeitiger Kinderbetreuung!

    In meiner Stadt (Leipzig, Deutschland) gibt es auch weitere Kontakte zu Hilfegruppen beim Jugendamt. Vielleicht wäre das auch eine Option in Österreich?

    Liebe Grüße und weiterhin viel Kraft 🙂

  7. Ihr Lieben!

    Vielen, vielen Dank für die lieben, positiven Reaktionen auf meinen Text!
    Aufzehenspitzen, nein, noch nicht. Ich bastle gerade ein Buch daraus, aber es geht leider im Schneckentempo voran, dabei ist es eh nur ein Book on demand. Bis Mai plane ich damit fertig zu sein.

    Danke, Berit, für den Hinweis!

    Und denocte, das mit dem Amtsarzt war für den Führerschein. Ich hab mich nachher so beschissen gefühlt. Dann meinte der, ich würde zittern und sowas könne nicht vom Kaffee kommen, das müssen Alkohol und Drogen sein blablabla. Ich durfte den Führerschein dann machen, weil meine damalige Therapeutin ein Gutachten hingeschickt hat und ich glaube, dieses Nichtzutrauen dieser Ärzte hat damit zu tun, dass ich jetzt selbst an meinem Fahrkönnen zweifle.

  8. miri

    Vielen lieben Dank für den Artikel! Ich kenne viele deiner Gedanken, aber ich kenne die Situation auch aus Kindersicht, weil meine Mutter Borderlinerin und Junkie ist. Ich glaube, du gehst gut mit deiner Angst um: dass du sie vor deinen Kindern nicht verstecken willst, mit ihnen darüber sprechen möchtest, ohne sie zu überfordern. Das klingt echt gut. Meine Mutter hat leider keine Ansprechpersonen, deswegen hat sie oft von mir erwartet, dass ich mich um sie kümmere und drohte mir damit, sich sonst etwas anzutun, auch als ich ihre Krankheit noch gar nicht verstanden habe. Weil ich selbst Depressionen (und auch die Narben) habe, macht mir die Vorstellung, einmal mit Kindern zu leben, oft Angst (gerade weil es mit meiner Mutter nicht gut funktioniert hat). Dein Artikel hat mir ein bisschen dabei geholfen, mir vorzustellen, wie das funktionieren könnte. Vielen vielen Dank! 🙂

  9. Eva

    Ich finde es sehr beeindruckend und mutmachend, wie du mit deiner Angst umgehst. Aus meiner eigenen Kindheit kenne ich, sowohl von mir als auch von Freunden, Eltern mit irrationalen Ängsten, die aber gar nicht als solche erkannt/benannt wurden. Das hat es uns Kindern besonders schwer gemacht, mit diesen Ängsten umzugehen. Ich glaube, dein Weg, dir bewusst zu sein, was mit dir los ist und zu überlegen, wie du das irgendwann auch deinen Kindern erklären kannst, ist da viel besser.

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