Gegensätze unter den Sternen: Hilda und der Mitternachstriese

Von Sus

Gegensätze unter den Sternen: Hilda und der Mitternachtsriese

Gleichmütig ziehen die Woffel über den Abendhimmel, unbeirrbar, einem geheimen Drang folgend. Sie gleichen pelzigen Kaulquappen mit Teddygesichtern. Ein Mädchen hauen sie nicht mehr vom Hocker: Hilda murrt, „Ja, ja, ich hab die Woffel schon tausendmal gesehen. Die wandern doch jede Woche irgendwo anders hin“. Meine Kinder hingegen sitzen still da und starren gebannt in Luke Pearsons Nachthimmel, und auch ich höre die Woffel ganz leise durch die Luft rauschen.

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Nachdem der Brite Pearson 2010 mit „Hildafolks“, auf deutsch 2013 als „Hilda und der Troll“ erschienen, einen enormen Erfolg verbuchen konnte, legte er zwei Jahre später ein weiteres Buch in dieser Reihe nach. Es ist 2013 auf deutsch unter dem Titel „Hilda und der Mitternachtsriese“ erschienen. Die Handlung ist im Vergleich zum Vorgängerbuch wesentlich komplexer, die Menge an Figuren steigt enorm. Die Heldin und ihre Mutter werden nämlich von rätselhaften kleinen Leuten bedroht, denen sie unwissentlich in die Häuser treten. Parallel zu diesem Handlungsstrang wird die Geschichte des Riesen erzählt, eine Liebesgeschichte um Verlieren, Warten und Finden. So ruhig und klar dieser Teil des Buches ist, so durcheinander und turbulent geht es bei den Winzlingen zu. Mit teils absurdem, teils niedlichem Humor erzählt Pearson, wie Hilda der Gefahr für ihre Mutter und sich die Stirn bietet und gleichzeitig alle Wesen in ihrem Tal versöhnt. Die große und die kleine Handlung werden erst am Höhepunkt der Geschichte geschickt verknüpft.

Wie im ersten Band ist Hilda deutlich konturiert gezeichnet, mit wehenden blauen Haaren und tellergroßen Außen. Ihre Arme und Beine sind zierlich dargestellt, werden aber von ihrer großen Klappe und den überproportionalen Stiefeln ausgeglichen. Die stärksten Bilder des Bandes widmen sich aber dem Riesen, wie er nachts durch die Einöde stakt. Seine überwältigende Körperlichkeit ist beim Lesen geradezu zu spüren – das ist eine der großen Stärken von Pearsons Kunst. Zweimal zeigt er das Motiv des durch ein Fenster schauenden riesenhaften Wesens, das an Claude Pontis „Das schönste Tal der Welt“ erinnert. Allerdings ist es hier Hildas Riesenauge, das in die Fenster der kleinen Leute schaut. Klein und groß werden miteinander ständig in Beziehung gesetzt und dadurch: relativ. So anschaulich, dass frau es beim Lesen am eigenen Leib spürt. Damit steigt auch der Anspruch an die Leserinnenschaft – Kindergartenkinder werden die Komplexität der Handlung noch nicht erfassen, Schulkinder und Erwachsene dagegen haben hier sicher mehr Denkspaß als bei dem Vorgängerbuch.

Eines allerdings fällt auf: schon in dem Trollbuch waren die Wesen, mit denen die Heldin so zu tun bekommt, alle mehr oder weniger männlich markiert. Diese Tendenz steigert sich im Riesenbuch, besonders bei den Funktionsträgern der kleinen Leute. Sowohl die Figur des oder der Friedensstifter_in als auch der Posten der oder des Bürgermeister_in, Premierminister_in und König_in sind im Buch alle von Männern besetzt. Frustrierend, finde ich. Es ist so subtil, dass Kinder es beim Lesen gar nicht bewusst merken werden, aber dadurch auch im Hintergrund sehr wirkmächtig. Auch die Liebeshandlung um den Riesen hält zwar eine Überraschung in der Handlung, aber keine im Inhalt parat. Das ist umso bedauerlicher, als der Autor sein bemerkenswertes Talent, Bilder und Motive auf den Kopf zu stellen und witzig zu kombinieren, immer wieder unter Beweis stellt. Schade, denn auch dieses Hilda-Buch ist ganz großes Kino.

L. Pearson: Hilda und der Mitternachtsriese, Reprodukt 2013, 44 Seiten, 18 EUR, ISBN 978-3-943143-57-7. Wird beim Verlag empfohlen für sechs Jahre aufwärts, bei Amazon, irgendwie passend, für Acht- bis Siebenjährige.

Ein Rezensionsexemplar wurde der Autorin vom Verlag zur Verfügung gestellt.

(Bilder: Reprodukt/Luke Pearson)

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