Mit 40 bin ich raus.

von Maria

„Das ist deine Mamaaaa?“ „Eh, ja?!“ „Ich dachte das wär’ deine Schwester!“ 

Ich muss grinsen. Ausnahmsweise. Ich? Ich bin 29 Jahre alt, Studentin mit abgeschlossener Ausbildung und seit 9 Jahren Mutter. Und seit 9 Jahren kann ich mit letzter Info Menschen das Gesicht entgleiten lassen.

„War es denn geplant?“ 

An guten Tagen und je nach Situation amüsiert mich das, aber die meiste Zeit kämpfe ich mit einem unguten Gefühl. Es sind die kleinen Dinge: die Blicke, Nebensätze, Fragen, Verwunderung der anderen Menschen. Die Worte „zu jung“ blinken im Kopf auf. Der Verdacht als Mutter und Frau nicht ernst genommen zu werden und etwas beweisen zu müssen. Aber warum?  Weil unsere Generation sich selbst noch nicht ernst nimmt? Weil die Reihenfolge falsch ist? Weil es heutzutage sein muss: Ausbildung/Studium und Job/Karriere, dann Partner_in, Leben genießen und dann erst Kinder? Eins wird doch heutzutage nicht mehr einfach so mit 20 Mutter!

„Also, ich könnte DAS ja (noch) nicht…“

Was ist denn „das“?  Verantwortung übernehmen für (einen) andere(n) Menschen? Angst, sich selbst aufgeben zu müssen?

Vielleicht. Denn, wenn wir ehrlich sind, ist das neue Familienbild doch gar nicht so neu. Dass Kinder geplant werden und erst nach der Karriere kommen, wenn der_die richtige Partner_in gefunden wurde und Haus und Auto und Garten und Hund (alternativ: Prenzlauer Berg) … klingt irgendwie wie die heteronormative Kleinfamilie der 50er Jahre. Neue Väter hin oder her, Mama leistet immer noch die meiste Arbeit. Nur eben alles ca. 15 bis 20 Jahre später, um sich noch ausleben zu können und dann trotzdem frisch und viel hipper zu sein. Immerhin: 30 ist das neue 20. Also ist das eigentliche 20 zu jung, und wenn sich Karriere und Familie schon nicht vereinbaren lassen, wie soll dass denn erst mit „Selbstverwirklichung“ und Familie gehen?

„Ist doch bestimmt anstrengend oder?“ 

Bingo! Die Frage, die nie gestellt wird, ist allerdings: Warum ist es anstrengend? Ich antworte trotzdem: weil so getan wird, als gäbe es mich nicht. Weil ich nicht eingeplant werde – nicht beim Studium und der Ausbildung, nicht bei Veranstaltungen, nicht im Freundeskreis (ja auch da, nicht von allen, aber immer wieder) und nicht im Job. Weil nicht ich diejenige bin, die unflexibel ist, sondern die Gesellschaft um mich ‚rum nicht damit umgehen kann, dass ich jung bin und Mutter bin und mich dafür nicht selbst aufgebe …

Und wie sage ich immer so schön: Mit 40 bin ich aus raus aus der Sache, da fangt ihr erst an.*

*psssst: Würden Mütter*  ernst genommen, ehrlich eingeplant und beteiligt werden, wäre es übrigens, egal ob ich mich mit 20 oder 40 dazu entscheide, Kinder zu betreuen.

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12 Kommentare

  1. Flormelis

    Danke für diesen Beitrag! Ich bin 25 und seit 6 Jahren Mutter, wovon auch immer alle total geschockt sind. Diese Fragen „Wie war es, als du es rausgefunden hast?“ (nach zehn Minuten Gepräch auf einer Party) „Bist du noch mit dem Vater zusammen?“ (Als ich noch ja sagen konnte, machten einige einen fast erleichterten Eindruck, „Toll!“ hieß es dann, nun folgt auf die Frage meist betretenes Schweigen). Beliebt ist auch ein entgeistertes: „Hä, und wo ist dein Kind jetzt?“ (Platz 1 der dümmsten Aussagen ist: „Aber dein Kind ist doch jetzt nicht alleine, oder?“). Dann gibt es noch die vermeintlichen Komplimente: „Wow, dir merkt man gar nicht an, dass du ein Kind hast.“ (ääääh, danke?), „Gute Figur.“ (nachdem er mich von oben bis unten abgecheckt hat) oder „Es ist so beeindruckend, dass du das hinkriegst.“
    Die „Komplimente“ haben meistens den Beigeschmack, dass davon ausgegangen wird, dass junge Eltern „es“ nicht hinkriegen und ich sozusagen als Ausnahme der Regel wahrgenommen werde. Mir ist nach wie vor nicht klar, was ich unter „hinkriegen“ überhaupt verstehen kann.
    Manchmal erwähne ich meine Tochter in gewissen Gesprächsrunden gar nicht, weil ich keine Lust habe mich zu erklären oder Leute darauf hinzuweisen, dass sie meine Grenzen überschreiten. Ob ich die Fragen beantworte und eine Antwort verweigere, für mich ist es in jedem Fall unangenehm. Ich hatte auch schon ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Mutterschaft bewusst unerwähnt gelassen habe, aber manchmal will ich einfach feiern gehen ohne dumme Fragen zu beantworten oder auf blöde Kommentare zu reagieren. In meinem studi-Umfeld kommt es auch oft vor, dass ich auf Leute treffe, in deren Lebenswelt Kinder überhaupt nicht vorkommen. Besonders krass finde ich diejenigen, die sich eine Stunde mit mir unterhalten und auch mal einen trinken und wenn sie wissen, dass ein Teil meiner Identität das Muttersein ist, nicht mehr auf mich klarkommen und sich plötzlich nicht mehr mit mir unterhalten können. Da, glaube ich, trifft „weil so getan wird, als gäbe es mich nicht“ ziemlich gut. Für viel zu viele geht Mutterschaft (immernoch) mit Selbstaufgabe einher, unweigerlich und wenn dann eine da ist, die diesem Bild nicht entspricht, muss man sie ignorieren oder exotisieren, aber über sich selbst und die eigenen Bilder nachdenken, ist für viele leider zu viel verlangt… Zu dem Thema Unsichtbarkeit von Müttern kann ich den Sammelband von Renate Möhrmann „Verklärt, verkitscht, vergessen. Die Mutter als ästhetische Figur“ empfehlen. Darin kann man eine Menge interessanter Aufsätze über die Darstellung oder das Fehlen von Mutterbildern in Literatur, Kunst und Film finden, meistens mit Bezug auf die Lebensrealitäten von Müttern in den behandelten Epochen.
    Liebe Grüße

    • Hach, danke für die wirklich wunderbare Ergänzung (kenn ich alles) und den Lesetip.

      Ich hatte das „alleinerziehend“ tatsächlich drin und habe es gestrichen, aber ja, zu der Frage „Bist du noch mit dem Vater zusammen?“ könnte ich noch mal mindestens einen eigenen Blogtext schreiben.

  2. Kristin

    Also meine Mutter hatte mich mit 19 bekommen und ich fand das immer klasse. Sie ist noch heute meine beste Freundin und engste Bezugsperson, ich musste ihr nie meine Verhaltensweisen erklären, da sie sich noch zu gut an ihre eigene Jugend erinnern konnte. Und eins wollte sie niemals: sich in meinen Lebensweg einmischen, aber mich immer hinter mir stehend auf meinem Weg unterstützend. Heute mit 27 trage ich selbst ein Baby unter meiner Brust und komme mir in manchen Minuten etwas zu alt vor, wobei für mich jede Schwangerschaft jenseits der 30 zu spät ist. Ich kann jungen Müttern nichts vorwerfen, im Gegensatz, ich fand in meiner Mutter immer mehr Geduld, Verständnis und Vertrauen als wie ich das bei anderen Eltern Mitte 40 erlebe!

    • Meine Mutter hat mich mit mitte 30 bekommen und war auch geduldig und verständnisvoll und wir haben bis heute ein gutes Verhältnis und ja ich gebe zu ich bin auch immer sehr skeptisch was Mütter angeht die 40+ sind, versuche das aber gerade abzulegen, weil ich eben denke, dass das Alter einer Mutter* nicht Grundlage sein sollt für eine Bewertung ihrer (vermeintlichen) Kompetenzen beim Umgang mit Kindern.

  3. zum Thema „junge Eltern kriegen es nicht hin“ fällt mir ein News-Beitrag vor kurzer Zeit ein. Bei uns in der Stadt ist ein Kind von einer Mauer gefallen, weil es sich in einem kurz unbeobachteten Moment unter dem Geländer durchgeschummelt hat (war etwa 2 Jahre alt) und ist dann 6 m runter gefallen auf ein Autodach und schwerverletzt eingeliefert worden. Ist natürlich tragisch, ohne Frage. Aber im Bericht dazu hieß es dann noch „der 24jährige Vater und die 20jährige Mutte…bla bla“ und ich dachte mir sofort: Was soll das? Was soll uns mit dem Alter der Eltern suggeriert werden? Junge Eltern = Sozialfall = Können ihr Kind nicht unter Kontrolle halten…

  4. Ich halte es auch für unnötig, das Alter von Eltern in Verbindung mit Bewertungen zu bringen – aber eben in beide Richtungen. Geduld, Verständnis und Vertrauen im Umgang mit Kindern haben doch nichts mit dem Alter zu tun! Hinzu kommt, dass gerade was das Alter angeht, vielfach die „ältere Mutter“ im Gegensatz zum „älteren Vater“ mit Vorurteilen zu kämpfen hat..

    • pitz

      Dem schließe ich mich auch an, @kristin. Mir hätte man mit 20 kein Baby in den Arm legen sollen, ich war später eine bessere Mutter und daran ist nichts schlimm und alles erklärbar. Außerdem entstehen ja die wenigsten Kinder ohne äußere Umstände wie z.B. einen potentiellen Vater oder eine halbwegs wasserfeste Finanzierung.

      Ich kenne das vor allem aus der Großeltern-Diskussion: einige Großeltern meiner Kinder sind sehr jung und fit, arbeiten aber auch so viel, dass sie die Kinder nicht mal eben nachmittags abholen können. Auch übernachten-lassen der Kinder ist so eine Sache: das geht, klar, aber nicht so oft und lange, denn die Großeltern wollen sich am Wochenende auch noch ein bisschen wirklich erholen, was ich total ok finde. Andere Großelternteile sind eine halbe Generation älter, haben mehr Zeit, sind aber nicht so belastbar. Das ist auch alles ok und so, wie es ist. Ich mag, dass es vielfältig ist, aber welche Großeltern „besser“ sind, lässt sich aus dem Alter einfach nicht ableiten.

  5. Kristin

    Ich wollte nur den Beitrag oben stützen. Eine Frau wird Mutter wann es für sie Zeit dafür ist, da ist ganz egal wann. Das rein subjektive Empfinden, dass mir ein Kind nach 30 etwas zu alt ist, steht mir ja nur zu, ist aber keine Kritik an solche Mütter. Im Gegenteil! Das unterstreicht die gängigen Vorurteile, bist du zu jung, ist das nicht gut, bist du zu alt, ist das ebenfalls ungut. Bereits als Schwangere bekommt man einen guten Vorgeschmack darauf, dass Muttersein bedeutet eine Angriffsfläche oder gar Zielscheibe für andere zu sein. Und das ist so verdammt schade.

  6. Keria

    Ich bin 30, seit 8 Jahren Mutter, unterdessen mit 3 Kindern. Ich werde einfach oft fuer aelter gehalten, als ich bin, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin (war aber auch vor den Kindern schon so), und habe auf jeden Fall noch nie negative Bemerkungen/Vorurteile diesbezueglich erfahren. Ich selber sehe Vor- und Nachteile im Jung Mutter sein. Die Verantworung tragen fuer Kinder, kaum ist man selbst der Teenie-Zeit entwachsen, das find ich schon eine Herausforderung und das Fehlen der Jahre des Nur fuer sich selbst Verantwortlich Seins macht mir manchmal zu schaffen. Generell bin ich sehr froh darueber, jung Mutter geworden zu sein und kann es mir fuer mich auch nicht anders vorstellen, kann jedoch sehr gut nachvollziehen, warum viele Frauen sich Anfangs 20 nicht fuers Muttersein entscheiden. Ich kenne jedoch auch viele aeltere Muetter, die auch zwiespaeltige Gefuehle bezueglich des Zeitpunktes haben, in welchem sie sich fuer Kinder entschieden haben, und finde den ehrlichen Austausch in diesen Freundschaften darueber sehr ermutigend und auch beruhigend, denn es scheint – egal wie man es macht – die was-waere-wenn Frage beschaeftigt alle hin und wieder.

  7. Pingback: Fremdgebloggt „Mutter mit 20 und 40 – same same but different“ | cloudette

  8. zage

    Also ich will erst mit Mitte-Ende 30 Kinder bekommen. Ganz einfach weil: ich bin noch nicht so weit. Ich will mich noch austoben und wachsen und mein Leben auf die Reihe kriegen (und damit meine ich nicht Karriere und Reihenhaus). Ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die mich jung bekam und mir immer vorgehalten hat, was sie nich alles verpasst hätte – das trägt seinen Teil zu der Entscheidung deutlich bei. So will ich nämlich nicht mit meinen Kindern reden.

    Meine beste Freundin hat ihr Kind mit 19 bekommen und nebenbei ihr Abi nachgeholt und ihre Ausbildung gemacht. Ich habe gesehen, wie viel Arbeit so ein Baby macht und habe größten Respekt vor dieser Belastung. Sie wollte schon immer jung Mutter werden. Und ich weiss noch, wenn ich meinem Umfeld von ihr erzählt habe, kamen genau dieselben teilweise dämlichen Fragen: war es denn gewollt? ist sie denn noch mit ihrem Freund zusammen? (ja)

    Dieses Jahr bekommen sie und ihr Partner übrigens ihr zweites Kind. =)

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