Ein Frauentag in drei Akten

Prolog nach einer Idee von Martina

Ein Stück mit 99 Thesen, 1.000 Ideen und unendlicher Energie.
Die Bühne ist leer. An der Wand hängt ein Schild „Vom Zeitalter der Reformation“. Daneben steht ein Kleiderständer mit einem Reformkleid, aus dem ein Luther-Konterfei rausguckt. In großen Buchstaben steht an die Wand gesprayt: „Wider die Gewohnheit, alles beim Alten zu lassen.“

1. Akt von Katja

frauentag
schon wieder
frauentag ist für mich heuer irgendwie schon erschöpft
grad in die neue emma reingelesen,
die ich schon längst abbestellen wollte
und überall frauen, frauen, frauen
da schau hin, tolle frauen
da schau her, böse männer
dazwischen barbara schöneberger, sonya kraus und das prostitutions-verbot
mir geht das alles auf die nerven
frauentag
seit das kind da ist, weiß ich nicht ‚mal mehr, wie ich mich zu muttertag positionieren soll
kinder sind immer süß, nicht mehr und nicht weniger am muttertag
aber diese geburt, diese krisen, dieses theaterstück gestern (die mütter)
mutter ist doch irgendwie anders
was ist dann mit den frauen, die keine geburtsmütter sind?
ja, ich weiß
und dann auch noch frauentag
gerade erst fürs freie radio eine sendung mit frauen fertiggestellt
über gewalt.
16 tage gegen gewalt an frauen.
november in österreich.
one billion rising.
14. februar.
global
überall thema: frauen, ungerechtigkeit, ungleichheit
emma: frauen, ungerechtigkeit, ungleichheit
und dauernd sehe ich dabei, was alles an perspektiven fehlt
was wollen wir aber noch alles in den frauentag packen?
in dem bundesland, aus dem ich komme ist diversity der aktuelle burner
„und so schnell ist geschlecht nur mehr eine von vielen benachteiligungen“,
bemerkt meine vorgesetzte
wo anfangen?
wo aufhören?
heuer habe ich keine lust auf frauentag
ich bin das ganze jahr feministin
ich kämpfe 365 tage im jahr für gleichberechtigung und perspektivenwechsel
am 8. märz werden wieder alle zeitungen über tolle frauen berichten
über elitefeministinnen, über karrierefrauen, über herrscherinnen der geschichte
und am 9. märz wird es den 8. märz nie gegeben haben
genauso wie in traditionellen familien, die mutter am montag nach ihrem großen tag
das frühstück wieder selber macht
darum kotzt mich der frauentag heute schon an
denn er wird nichts ändern
an den arbeitsfeindlichen öffnungszeiten der kinderkrippe
an den unprofessionellen unreflektierten haltungen so mancher pädagogin
an meinem gefühl mich zu superheldin zu stilisieren müssen
wie in diesem theaterstück mit den neuen müttern,
superheldinnen waren sie, im kampf, in einer höhle, im zirkus, auf einer bohrinsel und auf einer südpolexpedition
sie haben ihre elternschaft zum großteil überstanden
und sich allerlei neue fähigkeiten erworben
„ich kann mich selber operieren“
genau
soweit wird es kommen
bis die frauenrechtlerinnen sich selber operieren können
und dann brauchen wir auch den frauentag nicht mehr
den in wahrheit eh nur die „feiern“, die ohnehin mit dem kopf nicken
die, die am 9. märz mit der schulter zucken
tun das auch am 8. märz
so what?

2. Akt von Antonia

2011 wurden der 100. Internationale Frauentag begangen und seither ist der Frauentag für mich vor allem Erinnerung daran. Ich organisierte und gestaltete gemeinsam mit Betina Aumair, den Strickistinnen und mehr als 100 weiteren Frauen KnitHerStory, eine Guerilla-Knitting-Aktion zur Sichtbarmachung von Frauen(bewegungs)geschichte im öffentlichen Raum. Wir wollten an die Demonstration von 1911 erinnern (damals gingen mehr als 10.000 Menschen für Frauenrechte auf die Straße!) und die Route von 2011 in den öffentlichen Raum einschreiben. Die Demonstration am 19.11.2011 (organisiert von den 20000 Frauen) war ein starker, kämpferischer Akt, der mir viel Energie gab.

obermair_knitherstory-57

(c) Michaela Obermair

Für KnitHerStory hatten wir der Stadt Wien in einem zermürbenden Verfahren eine Genehmigung abgerungen, weil wir wollten, dass die Werke länger als ein paar Stunden im öffentlichen Raum bleiben. Leider wurden fast alle noch am selben Tag von der Müllabfuhr entfernt. Das hat mir wieder einmal gezeigt, wie es um die demokratische Nutzung des öffentlichen Raums bestellt ist und warum es eine starke Frauenbewegung und einen solidarischen Frauenkampftag braucht.

Intermezzo von Cornelia

So wie es ist, bleibt es nicht

(c) Cornelia

3. Akt von Sus

Am 8. März winke ich nur immer ab, und damit höre ich erst am 9. März auf. Als Kind malte oder schrieb ich jedes Jahr eine Standardglückwunschkarte an meine Mutter. Das trugen mir Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Hortnerinnen auf, und ich denke, die wenigsten von ihnen meinten es auch so. Sie taten, als sei etwas, obwohl ich im Grunde nichts getan hatte, nur eine Gratulation nachgeäfft, und das ist so gut wie nichts. Meine Mutter besah sich die Karte mit einem Gesichtsausdruck, der sprach: Ist ja gut jetzt. Und sie meinte das auch so, und dann tat sie, als ob nichts gewesen sei, obwohl ich ein klein wenig ja doch getan hatte. Meine Hände rochen nach Duosan rapid und Radiergummi. Ich: sinnlos bastelnd und gratulierend, während ich viel lieber etwas anderes getan hätte, wäre ich gefragt worden. Das reicht für mein ganzes Leben.

Wink, wink!

Epilog von Elisa-Marlene

Das gängige Frauenbild in der Gesellschaft nützt der Wirtschaft enorm, weil suggeriert wird, man könnte das Frausein und die Bestätigung dafür irgendwie kaufen.

Hirn schaut mit

(c) Elisa Marlene

Genaue Anleitungen und Selbstbildvorschläge werden gebetsmühlenartig in den Medien, in der Werbung, aus dem Leben der Reichen und Schönen und in weiterer Folge auch von Mensch zu Mensch weitergetragen. Die Einheitlichkeit und ein ständiges Mangelgefühl an Konsumgütern stützen das System und gewährleisten sein Weiterbestehen.

Am Weltfrauentag steuere ich ein kleines bisschen dagegen, indem ich mindestens einer Frau Wertschätzung für etwas anderes als ihr Konsumverhalten entgegenzubringen – ein ehrliches Kompliment für eine ihrer individuellen Eigenschaften. Würd’ mich freuen, wenn wer mitmacht. Gilt auch über Telefon, in der Familie oder spontan gegenüber einer Fremden. Einfach aufmerksam sein, wer euch an dem Tag so über den Weg läuft.

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Pingback: Kämpfen? | me, myself and child

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: