Ein Wald aus wilder Zeichenfeder: Hilda und der Troll

von Sus

Luke Pearson: Hilda und der Troll, Reprodukt 2013, 36 Seiten, 18 EUR, ISBN 978-3-943143-67-6. Wird beim Verlag empfohlen für sechs Jahre aufwärts, bei Amazon für Achtjährige. (Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt)

Einem langen Rausch nicht unähnlich sei die Kindheit, wird von Zeit zu Zeit gesagt, das kindliche Verstehen treffe nicht die Unterscheidungen der Erwachsenen und verbinde, was das Lehrbuch streng geteilt. Göttin sei Dank gibt es immer und immer wieder Bücher, die sich in wilder Kreativität damit auseinandersetzen und sowohl Kindern als auch Erwachsenen Spaß machen. Dazu gehört der kürzlich bei Reprodukt erschienene Band „Hilda und der Troll“ von Luke Pearson. Es handelt sich um einen Kindercomic, eine Kunstform, die ihrerseits verbindet: Text und Bild, mitreißender Plot und jenes Innehalten, wie es bei einem guten Text per se gar nicht möglich ist.
Dass Comics und Graphic Novels sich von der Mickey-Mouse-Schublade emanzipiert haben, sollte mittlerweile gar keine Frage mehr sein. Außerdem habe ich die vage Hoffnung, dass die kurzen, schon rein optisch gut lesbaren Texte mein Erstklassenkind zum lesen animieren mögen – mehr als die vielen anderen Erstleser_innenbücher, die so auf dem Markt kursieren und deren Zauber sich weder mir noch dem Kind erschlossen hat. Mit der geradezu genießerischen Ausstattung des Bandes – in Leinen gebunden, grifffestes Papier und besonders das kräftig nasskalte Bild auf der Rückseite sind hier zu nennen: damit können diese Bücher nicht mithalten.

Luke Pearson

Worum geht es in Pearsons Buch: Das Mädchen Hilda lebt mit ihrer Mutter in einem Haus in den Bergen. Die Gegend ist bevölkert von seltsamen Wesen, und Hilda hat die Freiheit, sich ihre Umgebung alleine durch Wanderungen und durchs Zeichnen zu erschließen. Einige der wunderbaren Tiere, denen sie begegnet, bleiben Randfiguren, um eine andere wird eine spannende, aber angemessen kurze Geschichte gesponnen. Diese Fabelwesen, die Pearson sich ausgedacht hat, sind oft hybrider Natur wie Hörnchen, Hildas tierischer Begleiter: eine Art Katze mit Geweih. Noch bevor der Name dieses Wesens fällt, fragt mich das Kindergartenkind während des Vorlesens, warum das Tier „Geweih“ heiße. Es nimmt die Eigenschaft für den Namen – was in dem Fall nicht ganz stimmt, aber zeigt, wie passend das Verbinden, Übertragen und Überschreiten für ein Kinderbilderbuch sind.

Luke Pearson

Luke Pearson

Dabei bewegt sich Pearson keineswegs im luftleeren Raum der eigenen Vorstellungskraft, er bezieht sich auf einen ganzen Kosmos der Bilder und Figuren anderer Zeichner_innen. Auf Tove Jansson wurde wiederholt hingewiesen, wobei sich weniger der Zeichenstil als vielmehr die skandinavisch anmutende Figurenwelt ähneln. Besonders der Troll erinnert mich an die Morra: furchterregend, einsam im Rückzug und im Grunde ein armes Viech, was leider die Kinder vor lauter Schreck gar nicht wahrnehmen. Auf „Max macht einen Ausflug“ von David/Caudry spielt die vorangestellte Landkarte an, die die Handlung gleich optisch einbettet, auch die gedeckte Farbgebung sowie das Gimmickbild am Ende der Geschichte. Hildas blaue Haare und ihre vier Finger an jeder Hand zitieren außerdem – na, ich muss es gar nicht aussprechen.

Luke Pearson

Dass seine Bilder einerseits anschlussfähig, aber auch im besten Sinne originell sind, bringt dem Briten Pearson seit dem Erscheinen dieses Comics 2010 unter dem Titel „Hildafolk“ sehr viel wohlwollende
Aufmerksamkeit ein. Hildas Mutter wird als Stimme aus dem Off eingeführt, was ich für sehr gelungen halte. Schließlich habe ich selbst oft genug das Gefühl, in ein Abseits des kindlichen Wahrnehmens verbannt zu sein. Die Mutter ist diffus alleinerziehend, zumindest taucht kein Verweis auf ein anderes Elternteil auf.

In den „echten“ Figuren sind der Geschichte Grenzen gesetzt: Wer nach einem Kinderbuch mit nicht-weißen Protagonist_innen sucht, oder nach selteneren Familienformen als Hildas, wird hier nicht bedient. Auch Hildas Figurenuniversum jenseits der Heldin und ihrer Mutter ist – wenigstens in der deutschen Übersetzung – männlich geprägt. Wettgemacht wird dieses Manko durch das unbekümmert losplauzende Mädchen, das mutig, ängstlich und witzig haarsträubende Abenteuer erlebt.

Nur eines halte ich für absolut unrealistisch: dass sich ein Kind, wenn es das Haus verlässt, von sich aus und freiwillig die Mütze aufsetzt.

(Bilder: Luke Pearson/Reprodukt)

Und wie geht es weiter? In zwei Wochen stellen wir Teil 2 des Hilda-Comics vor.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Außerdem: Texte mit Heldinnen | Pitz

  2. Danke für diesen Buchtipp. Das Buch wird meinem Sechsjährigen auf jeden Fall gefallen, das erkenne ich schon an dem kurzen Ausschnitt!

  3. Pingback: Gegensätze unter den Sternen: Hilda und der Mitternachstriese | umstandslos.

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