Mutterschaft, Feminismus und Erschöpfung

von Antonia

Mein Standpunkt: ich schreibe hier über meine Sicht als heterosexuelle, weiße, able-bodied, cisgender Feministin mit halber Verantwortung und Betreuungspflicht für ein Kind und inwiefern meine Situation zu Erschöpfung in einer patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaftsordnung führt. Ich versuche bestmöglich im Blick zu behalten, von welchen Ausschlüssen und Diskriminierungen ich aufgrund meiner Privilegien nicht betroffen bin. Ich stelle das an den Anfang, weil ich denke, dass Erschöpfung thematisieren, zulassen oder verringern können auch eine Frage von Privilegien, Freiheit und Gestaltungsmacht ist.

Dieser Text hätte ursprünglich ein Beitrag über „Selbstfürsorge“ im Kontext von feministischem Aktivismus und Mutterschaft werden sollen und irgendwie ist er das auch. Im Laufe seiner Entstehung hat er eine etwas andere Richtung genommen, als ich ursprünglich dachte. Er stellt meinen Nachdenkprozess über die „Selbstfürsorgedebatte“ dar, der nicht abgeschlossen ist.

In der feministischen Blogosphäre erschienen in den letzten Monaten (Ende 2013/Anfang 2014) mehrere Texte zum Thema „Selbstfürsorge“ bzw. „Selfcare“ und feministischer Aktivismus. Kurz zusammengefasst geht es darum, dass feministischer Aktivismus oder politische Arbeit als ermüdend und desillusionierend empfunden werden können und eine auf ihre Kräfte und Bedürfnisse achten muss, um dabei nicht unterzugehen oder zu viel Energie zu verlieren. In den Beiträgen geht es um Austausch darüber, mit welchen „Selbstfürsorge-Strategien“ mensch besser damit klar kommt und mit den eigenen Kräften haushalten kann. Auf femgeeks gab es eine dreiteilige Artikelserie zum Thema mit dem Titel Selbstfürsorge: Kniffs & Tricks & Tipps, die einige weitere Beiträge verlinkt und einen guten Überblick gibt.

Das Thema sprach mich sehr an, ich las die Texte gierig, fühlte mich als „Betroffene“, fand sie zum Teil sehr hilfreich und wollte mich auch wieder mehr „meiner Selbstfürsorge“ widmen. Beim Lesen dachte ich immer: Ja genau! Und kommt erst die Betreuungspflicht für ein oder mehrere Kinder (oder andere Menschen) hinzu, so kriegt das Thema „Selbstfürsorge“ noch einmal eine neue Dimension. Darüber müsste mal eine schreiben. Das nahm ich mir vor zu tun.

Ich wollte also darüber schreiben, wie schwierig es mir erscheint, mit Kleinkind, Job und Hausarbeit feministische Aktivistin zu sein. Darüber, wie ich das ohne Kind viel besser konnte und ich es jetzt zu keinem Plenum, zu keiner Diskussionsrunde etc. mehr schaffe, weil ich abwechselnd abends entweder das Kind ins Bett bringe oder selbst so müde bin, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, geschweige denn bis in die späten Abendstunde konstruktiv arbeiten kann. Ich wollte euch erzählen, wie erschöpft ich bin und wie ich das durch „verbesserte Selbstfürsorge“ wieder auf die Reihe kriegen kann, um mich selbst vor dem feministischen Burnout zu bewahren.

Und das alles hätte auch irgendwie seine Berechtigung. Denn ich halte es einerseits für absolut legitim, sich mit der eigenen Erschöpfung auseinanderzusetzen und darauf zu schauen, wo eine die Ressourcen fürs Weitermachen hernimmt. Aber andererseits.

268647180_4be1ed438a_z

(c) flickr/mrhayata creative commons license

Dann kam @steinmaedchensKritik der Selbst-Fürsorge“ auf meinen Schirm und ich begann noch einmal neu über das Thema nachzudenken. Sie setzt sich kritisch mit der Herkunft des Begriffes „Selbstfürsorge“ auseinander und weist darauf hin, dass „Fürsorge“ einerseits ein christlicher und andererseits ein gegenderter Begriff ist. Es geht ihr dabei aber nicht nur um die Herkunft des Begriffes, sondern auch um seine gegenwärtige Verwendung.

„Es ist nicht so, dass ich lediglich den Begriff kritisiere, denn oft ist genau das gemeint, was dieser Begriff bezeichnet – fürsorglich sein, Sorge tragen, (sich) helfen. Ich finde das problematisch. Diese Worte klingen nett, enthalten aber eine Abwertung, eine Nichtanerkennung eines Subjektstatus – also das Verschieben in eine Position, der keinerlei Macht zugesprochen wird. Ich bin fürsorglich zu mir selbst, das heißt, ich spreche mir selbst eine Position zu, in der ich umsorgt werden muss, in der ich Mitleid brauche, in der ich ohn-mächtig bin – und gleichzeitig findet eine moralische Aufwertung statt, durch die Tugend der Fürsorge. Heute ist dies oft weniger an einen christlichen Diskurs geknüpft als mehr an psychiatrische oder generell etwas, was unter dem Oberthema „(seelische) Gesundheit“ läuft. Vielleicht läuft bei diesem Zusammenhang nicht nur mir ein Gruselschauer über den Rücken.“

[Ihre Kritik ist viel ausführlicher, ich empfehle, den gesamten Text zu lesen.]

Was passiert also auch, wenn wir diese „Fürsorge“ auf uns „selbst“ beziehen? Dann ist die Grenze zur neoliberalen „Selbstoptimierung“ sehr schmal. „Selbstfürsorge“ verstanden an der Arbeit an mir selbst, sodass ich klar komme in den mir zugewiesenen Strukturen, in dem mir zugestandenen Raum, aber bitte nicht aufbegehren, nicht mehr oder etwas anderes wollen. So verstanden, möchte ich eigentlich nicht an meiner „Selbstfürsorge“ arbeiten, sondern erstmal bei der Auseinandersetzung mit meiner Erschöpfung bleiben.

Die Frage, die ich mir nun stelle, ist, woher denn meine Erschöpfung rührt? Was macht mich denn so müde? Wovon möchte ich mich erholen und kann es nicht? Vom Muttersein? Von der feministischen Arbeit?

Nein, ich denke, müde macht mich die mir fehlende Freiheit und die mir fehlende Gestaltungsmacht. Kurz auf den Punkt gebracht, es ist die kapitalistische, patriarchale Gesellschaftsordnung und der Platz, den sie mir zuweist, die mich müde und erschöpft machen. Aber was bedeutet das im Detail?

Antje Schrupp hat 2008 einen Text geschrieben, (Abschied von der »guten« Mutter. Gedanken zum Thema Mutterschaft und weibliche Freiheit) in dem sie unter anderem darlegt, wie Muttersein in unserer Gesellschaft kontrolliert wird. Sie schreibt: „Die Emanzipation der Frauen hat nun aber gerade nicht dazu geführt, dass die Frauen als verantwortliche Akteurinnen selbst darüber entscheiden, wie sie Mutterschaft im konkreten Fall leben und definieren. Vielmehr sind sie nun dem öffentlichen Mainstream verantwortlich, der irgendwie immer besser weiß, was gut für das Kind ist. In gewisser Weise könnte man sagen, dass die patriarchale Kontrolle der Mutter seitens des pater familias heute abgelöst wurde von einer gesellschaftlichen Kontrolle der Mütter durch die Gesetze und die öffentliche Meinung.“

Ich persönlich erlebe die Einschränkungen meiner Freiheit zum Beispiel darin, dass in der Arbeitswelt von mir erwartet wird, so zu tun als hätte ich kein Kind und so zu funktionieren als hätte ich keine Betreuungspflichten- und arbeiten. Das empfinde ich als sehr erschöpfend. Ich möchte mich aber nicht um mich selbst kümmern, um damit besser klarzukommen.

Andererseits soll ich in meinem Muttersein so „aufgehen“ als hätte ich keine Erwerbsarbeit und/oder keine anderen Interessen. Ich soll in erster Linie Mutter sein, so die öffentliche Meinung. Sich dem entgegenzusetzen und dauernd erklären zu müssen, empfinde ich als extrem anstrengend.

Ein andere Punkt ist, dass politische Arbeit, schon gar nicht feministische, nicht ins Bild der „guten Mutter“ passt, wenn es nach dem öffentlichen Mainstream geht. Zudem gibt es aufgrund der vorherrschenden Machtstrukturen auch keine Ressourcen dafür, d.h. es handelt sich dabei immer um Arbeit, die (vom Mainstream) nicht wertgeschätzt und nicht bezahlt wird. D.h. die Arbeit findet meist statt, wenn alles andere erledigt ist. Als Verantwortliche für ein Kleinkind fällt es mir aber noch schwerer mich abends oder an den Wochenende freizuspielen. Ich kann also weniger dabei sein. Das empfinde ich als erschöpfend.

Wie also weitermachen? Noch viele Jahre der Erschöpfung? Ich möchte auf mich selbst achten und so viel Widerstand leisten wie möglich. Ich möchte Alternativen denken und leben lernen und das ist das schwierigste von allem.

Advertisements

12 Kommentare

  1. Pingback: Über Erschöpfung | fuckermothers

  2. Berit

    Die von dir angesprochene feministische Arbeit findet für mich auch viel im Alltag statt. Wenn eine Kollegin sagt, dass alleinerziehende Väter es schwerer haben, weil Männer ja „nicht so auf Kinder gepolt sind“ und ich ihr mühsam versuche zu erklären, dass auch nicht jede Frau „so auf Mutter gepolt ist“ und Männer die Erziehung genauso gut hinkriegen wie Frauen (Von trans etc mal ganz zu schweigen, aber das hätte den Diskussionsrahmen gesprengt). Das ist für mich Feminismus im Kleinen, der aber genauso nervraubend sein kann, wie eine abendliche Diskussionsrunde. Vielleicht geht es also auch genauso um eine Erweiterung des Begriffes „Arbeit“.

  3. Eva

    Ich kenne die Erschoepfung. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man die als spezielles Muetter-Problem verstehen sollte. Scheint mir eher ein Eltern-Problem zu sein. Wir muessen ja irgendwie Geld verdienen (und wollen auch genug Geld haben, um schoene Dinge tun zu koennen – geht mir jedenfalls so). Aber wir wollen auch was von unseren Kindern haben. (Vielleicht sind Vaeter eher noch darauf getrimmt, dass ihnen letzterer Punkt weniger wichtig ist. Scheint mir aber eher zu ihrem Nachteil.) Und zwischen Arbeit und kleinen Kindern bleibt uns leicht der Atem weg fuer weitere Grossprojekte.

  4. Mit kleinen Kindern ist man erschöpft. Mit den Großen auch. Reinhard Mey singt ‚Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin. Und das bleibt so wie ich vermute bis ich 100 Jahre bin.‘ Ich kann das kleine Apfelbäumchen nur empfehlen. Er singt auch ‚was habe ich nur gemacht, als es dich noch nicht gab? Als Tage noch tagelang waren, wie hab ich sie nur rumgebracht?‘
    Vielleicht sollte frau sich von dem Gedanken lösen, was sie alles machen MUSS. Alles im Leben hat seine Zeit und seine Phase. Und was nächstes Jahr ist, kann niemand voraussehen. Wenn ich jetzt und hier zu erschöpft für etwas bin, dann kann ich heute die Prioritäten so setzen, dass sich alles entspannt. Und in einem halben Jahr darüber nachdenken, ob sich die Lage geändert hat und ich wieder eine Aufgabe hinzunehmen kann. Für ungeduldige Menschen ist das echt hart, ich kenne das von mir selbst. Aber Fakt ist, die Gesellschaft ändert sich nicht über Nacht. Das heißt auch, wenn du dich im Moment nicht so reinhängen kannst in feministische Aktivitäten, dann hast du in einem Jahr – oder wann auch immer – sicher auch noch Gelegenheit dazu. Und sollte es auf diesem Feld bis dahin nichts mehr zu tun geben, dann ist erstens das Ziel erreicht und zweitens findet sich auch eine andere Beschäftigung. 😉

    Ich weiß wohl, wie hart es ist, etwas hinten an zu stellen, dass für einen selbst essentiell ist. Aber man bekommt ja etwas dafür. Man gewinnt Zeit. Nicht unbedingt für sich selbst, aber für andere wichtige Dinge, wie z.B. Nachzudenken, eine Idee zu entwickeln, einen Schritt zurück zu treten, oder nach Jahren mal zum Frisör zu gehen (hab ich letzte Woche gemacht).
    Und heute widme ich mich wieder einer anderen Aufgabe, die mich sehr fordert. One thing at the time.

  5. Es ist natürlich eine Möglichkeit Dinge zu pausieren um weniger erschöpft zu sein und für viele Sachen sehe ich diese Möglichkeit auch. Ich habe aber erlebt, dass bei politischer Arbeit und in politischen Gruppen Frauen, die für (kleine) Kinder verantwortlich sind nicht vorhanden und damit nicht repräsentiert sind und das halte ich für das eigentliche Problem. Wenn alle Frauen (ich übertreibe jetzt mal) eine Pause im sich einbringen machen müssen, sobald sie Kinder bekommen, werden ihre Anliegen immer nur von anderen oder gar nicht vertreten.

  6. Pingback: Keine Lust auf Yoga • Denkwerkstatt

  7. Kathi

    Liebe Antonia,
    als ich meine politische Arbeit beendet habe (ja, wegen der Kinder), habe ich eine sehr entspannende Kehrtwende im Denken gemacht. Sozusagen meine „Selbstfürsorge“. Mein Feminismus findet nicht mehr in Plena, Aktionen und Zeitungsartikeln statt, sondern beim Wickeln, Einkaufen und Geldverdienen, also einfach in jedem Bereich meines Alltags. Da fehlt mir das Element der Vernetzung, das ist schade. Aber ich gewinne so viel mehr, nämlich das gute Gefühl, alles in meiner Macht stehende zu tun, um die Strukturen, die ich ablehne, zu bekämpfen. Wenn die Kinder ausgezogen sind, geh ich wieder auf Plena, versprochen.

    Ansonsten, große Zustimmung, was das Primat des Weiter-Machen-Könnens und die Funktionalisierung der Entholung betrifft!

    Liebe Grüße aus Brüssel!

  8. Pingback: Runde 3, the last one. Warum ich nicht mehr zu Selbstfürsorge(kritik) bloggen werde | Identitätskritik

  9. Pingback: Auf Empfehlung des Hauses

  10. @Kathi zur Vernetzung gibt es erfreulicherweise auch das Internet. Danke für deinen Kommentar! Ja, die eigene feministische Haltung spielt sicher in allen Lebensbereichen eine Rolle und damit gestaltet mensch die Welt mit. Ich denke denoch, dass sich meine Perspektive wieder verändern wird, wenn ich nicht mehr für ein (kleines) Kind verantwortlich bin. Genauso wie sie sich verändert hat, seit ich das Kind sehr oft mitdenke. Deshalb fände ich es wichtig, dass feministische Mütter auch in der feministischen Bewegung direkt vertreten sind und ihre Sicht einbringen und nicht erst wieder, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

  11. Pingback: Einfach nur Zeit – aufZehenspitzen

  12. Pingback: All das geschieht | gretaunddasleben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: