Was habe ich früher eigentlich gemacht?

von Sus

Und was habe ich eigentlich früher gemacht? Ganz einfach: ich habe studiert. Genauer, ich schrieb
meine Magistraarbeit. Ich hatte schon einen Abgabetermin, auch die Prüfungen waren bereits
absolviert. In meiner Planung lag ich gut. Im Rückblick scheint es mir, als sei ich in einem riesigen
Meer aus Zeit geschwommen, so hat es sich auch damals angefühlt. Auf diese Weise teilte ich mir
die Zeit, die ich hatte, ein:
Aufgestanden bin ich spät, zwischen neun und zehn. Dann habe ich mich eine ganze Weile um alles
Praktische gekümmert: Wäsche gewaschen, eingekauft, geputzt, geduscht, E-Mails geschrieben, in
die Bibliothek gefahren, Eltern und Oma besucht – was eben so anlag.
Gegen drei oder vier am Nachmittag wachte ich endgültig auf und roch Lunte, und dann setzte ich
mich ziemlich diszipliniert an die Arbeit. Ich las, exzerpierte eher wenig, rauchte, schrieb,
übersetzte, transkribierte, rauchte, schrieb. Pausen habe ich kaum gemacht, höchstens, um zum
nächsten Späti zu laufen und neuen Tabak zu kaufen. In meiner Erinnerung sehe ich vor allem die
Texte, über die ich damals schrieb: problematische Baustellen in der ewig frostigen Tundra, rasante
Baustellen in der staubigen Steppe, Politkommisare in Lederjacken auf vorbildlichen Baustellen.
Ich sehe das Lampenlicht in meiner Küche, die Tischkante, an der ich mich ständig stieß, das Tier,
dass sich permanent auf das Stück Papier setzte, welches ich als nächstes brauchen würde. Und ich
spüre den Kinostuhl, auf dem ich saß, leise unter mir kippeln.

Tischkante

Ok, ich scheine doch Pausen gemacht zu haben. Die Narbe war noch lange zu sehen. – © Sus

Wenn meine Kräfte zur Neige gingen, hörte ich auf, und dann war es meist gegen halb zwei in der Nacht. Ein letztes Telefonat mit dem Mann, eine letzte Zigarette – und ab ins Bett. Allerdings konnte ich vor Anregung und Aufregung dann nie sofort schlafen. Deswegen nahm ich mir immer Bücher mit ins Bett und las noch eine Weile, um mich abzulenken. Das waren Lexika, nicht, um noch mehr Wissen in mich reinzuschaufeln, sondern um mich durch den bunten Bilderbogen Welt vom Dreck der Baustellen abzulenken. Dieser Tagesablauf war wunderbar und sehr angenehm für mich. Er machte ein Maximum an Produktivität möglich, und ich bin bis heute traurig, dass ich so nicht mehr leben kann

Dann kam der Punkt, an dem meine Arbeit fertig war, mehrere Tage vor dem Termin. Plötzlich war sie Korrektur gelesen. Und ein zweites Mal Korrektur gelesen. Da war wirklich nichts mehr zu machen: ich war fertig. Ich gab die Arbeit trotz der sorgfältigen Nachbearbeitung noch vor dem Termin ab, sehr aufgeregt und etwas ratlos, denn vielleicht verschenkte ich ja wertvolle Zeit. Mit diesem Moment begann das große Warten auf die Zensur und die Zukunft. An die Busfahrt vom Prüfungsamt nach Hause erinnere ich mich wie an ein Wunder, denn auf einmal sah ich, dass es in
der Zwischenzeit Frühling geworden war. Die Sonne schien unglaublich souverän, der Bus flutschte nur so durch den Kreisverkehr und die Magnolien in den Vorgärten zeigten ihre schönen Blüten – ein großes, geheimnisvolles Versprechen. Und kurz darauf passierte es: das Kind kündigte sich zum allerersten Mal an, der Staubsauger ging mit einem bemerkenswert temperamentvollen Peng! kaputt, die Lampe brannte durch, der CD-Spieler gab den Geist auf, die Türklingel machte nur noch leise btz, btz statt des üblichen amtlich genehmigten Sirren, ich blieb zwischen zwei elektrischen Türen stecken – der Auftakt zu meinem seltsamen Problem mit Automatiktüren in der Schwangerschaft – und das Ganze innerhalb weniger Stunden. Da war mir alles klar.

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3 Kommentare

  1. und lesen und rauchen und schreiben… ja. ich vermisse hier diese zukunft, die nicht mehr sein wird. die zukunft, die es vermutlich ohnehin nie gegeben hätte, aber die ich mir in der vergangenheit gerne vorgestellt habe. eine zukunft, in der ich in irgendeiner bar sitze, rauche, lese und dann diese unglaublich gute reportage schreibe. (diese nicht stattfindende zukunft bei einem londonaufenthalt ohne kind und irgendwem nachzustellen ist übrigens gescheitert. und das meine ich ganz emotionslos, denn es war trotzdem schön)

  2. frausiebensachen

    sehr schön beschrieben, die studentische zeitblase.

  3. Wunderbar. Einfach wunderbar. Danke für den schönen Text! Und bitte mehr davon…

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