Ach du sch…., du bist also alleinerziehend?

Mit der Rubrik Muttermythen wollen wir eben diesen auf den Grund gehen und sie kritisch hinterfragen. Einer dieser Muttermythen ist der, der Alleinerziehenden, wie er etwa in den  Mainstreammedien verhandelt wird. Fast ausschließlich werden dort Alleinerziehende im stereotypen Kontext von Armut oder Armutgesfährdung dargestellt. Sie sind überfordert und unglücklich, ihren Kindern kann es gar nicht gut gehen, etc. Wir möchten uns vielschichtiger und differenzierter mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Den Anfang macht ein Text von Elisa-Marlene, in dem sie ihre Sicht auf das Bild der Alleinerziehenden sowie auf ihr eigenes Alleinerziehendsein beschreibt.

Die verbreitete Vorstellung der Familie als klassischer Kernfamilie weicht zunehmend unterschiedlichen Lebenskonzepten. Man könnte meinen, es gäbe mehr Kinder mit getrennten Eltern als in den letzten Generationen, weil die Zeit schnelllebiger geworden wäre, Menschen überhaupt alles in größerem Umfang und kürzerer Zeit verbrauchen. Viele sprechen von der guten alten Zeit, in der man Beziehungen nicht leichtfertig beendet hätte, sobald ein Problem auftaucht.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass unsere Eltern und Großeltern die Sache mit der Liebe besser hinbekommen haben. Vielleicht, und das ist ein wichtiger Aspekt, hat man sich besser überlegt, ob man zu seinen Schmetterlingen im Bauch stehen soll oder lieber noch abwarten, da eine Verbindung ziemlich verbindlich war.

Alleinerziehend zu sein ist selten Plan A im Lebensentwurf. Im Leben Alleinerziehender ist irgendetwas passiert, das die Situation herbeigeführt hat. Es können dramatische Ereignisse sein oder auch eine logische Entscheidung, die das Wohl aller Beteiligten vor der Aufrechterhaltung stellt. Die meisten AlleinerzieherInnen in Österreich und Deutschland sind Frauen. Alleinerziehende Männer gibt es selten. Die meisten alleinerziehenden Männer haben ein größeres Kind, für das sie die Obhut tragen, weil es vielleicht bei der Mutter nicht funktioniert hat oder auch weil das Kind vom Wohnort des Vaters aus besser zum Ausbildungsplatz gelangt.

In den Medien werden Alleinerziehende häufig im Zusammenhang mit Armutsgefährdung und Armut genannt. Ich habe Freundinnen, die in derselben Situation sind wie ich. Sie haben kleine Kinder, sind jung und müssen gut haushalten, um über die Runden zu kommen. Das Thema ist stark in den Medien, weil es in so vielen Fällen zutrifft. Neben Betreuungspflichten ist es schwer ein Einkommen zu erwirtschaften. Viele können nur in Teilzeit arbeiten oder sind auf Sozialleistungen angewiesen. Man versucht politisch mit Betreuungseinrichtungen und Ganztagsbetreuungen entgegenzuwirken. Für jene, die gerne so schnell wie möglich zurück zur Karriere möchten, kann das ganz verlockend sein. Für eine einfache Arbeiterin, Verkäuferin oder sonstige Mindestlohnjobberin, die neben anstrengender Arbeit eine Familie managet und nur hofft keine Umstände, wie etwa vermehrter Krankenstand oder Pflegeurlaub bei kranken Kindern, zu machen, um ja ihre Existenz zu sichern, verwirklicht sich dabei nicht großartig selbst. Sie schuftet und ist stark dabei. Sie ist stark aus Liebe. Ihnen gebührt Respekt, nicht Mitleid.

Liebe Claudia, liebe Vicky, liebe Marie, liebe Mama, ich bin stolz auf euch. Das Ergebnis spricht für sich. Wir sollten davon weggehen zu sagen, Karrierefrauen seien selbstbestimmter und glücklicher als traditionelle Mütter und wirkliche Wahlfreiheit ermöglichen. Ganztagsbetreuungen sind nicht das Wundermittel. Nicht die Frage der bloßen Existenzsicherung soll die Grundlage bei der Entscheidung sein. Deshalb wäre der Staat auch gefordert längere Karenzmodelle zu ermöglichen. Wenn das Geld gerade für die Grundbedürfnisse reicht, sind die ein bis zwei Jahre vom Karenzende bis zum Kindergarten ein Problem, das es zu überbrücken gilt und kein Anlass zur Euphorie. Ich wünsche mir für alle nach mir die Möglichkeit, zwischen einer längeren Karenzzeit (mit Pensionsansprüchen) und der Ganztagsbetreuung für die eigene Erwerbstätigkeit oder Fortbildung wählen zu können.

Richtig gut geht es uns, wenn es uns allen gut geht.

Als ich mich dazu entschloss lieber Alleinerzieherin zu sein, als die vergangenen Lebensumstände weiter zu akzeptieren, war es kein leichter, aber ein wohlüberlegter Entschluss. Dass ich schon ein zweites Kind unter dem Herzen trug, war mir nicht bewusst. Schwanger, alleinerziehend, mit negativem Kontostand und mit einem Kleinkind an der Hand startete ich in Plan B (der in Folge noch mehrmals überarbeitet werden musste). Ich wusste nicht wie, aber ich wusste, dass ich es durchziehen würde. Ohne meinen Ex, der regelmäßig die Kinder zu sich nimmt und ohne den entsprechenden Rückhalt aus der Familie wäre es sicher noch deutlich schwieriger geworden.

Ich habe während der Karenzzeiten die Matura in der Abendschule nachgeholt und studiere mittlerweile. Das Stipendium ermöglicht mir ein finanzielles Auskommen und eine Sicherung der Grundbedürfnisse. Luxus ist hier keiner möglich. Mein Luxus ist die Zeit. Ich habe mehr Zeit für meine Kinder und habe auch Ferien, wenn sie Ferien haben. Ich genieße es, so viel Anteil an ihrem Leben zu haben und eben nicht Vollzeit zu arbeiten, während sie in der Ganztagsbetreuung sind. Ich komme aus der Mindestlohn-Branche und bin froh über meine Chance mich weiter zu bilden. Das Stipendium ist sozusagen mein Schlupfloch für meine Familie. Schön wäre es, wenn es auch für nicht Studierende diese Möglichkeit gäbe. Ich selbst bin sehr glücklich in meiner Situation. Meine Kinder leiden auch sicher nicht darunter Trennungskinder zu sein. Meine Tochter weiß erst seit ein paar Monaten, dass ich mit ihrem Papa einmal zusammen was. Sie hat gekichert als ich es ihr gesagt hatte.

Es ist kaum möglich sich mit dem Ex-Partner in allen Belangen zu verstehen. Sonst hätte man sich wohl nicht getrennt. Aber für die Kinder sind es noch immer Eltern, die Zusammen etwas sehr Wichtiges tun müssen. Wenn es irgendwie möglich ist, sollte man versuchen einen Konsens zu finden, auch wenn beide Seiten dafür zurückstecken müssen. Wenn es gar nicht möglich ist, dann kann auch ein Elternteil alleine für Nestwärme sorgen und ein Kind mit Liebe aufwachsen lassen. Es ist nur ein Stein, der da im Weg liegt, womöglich sogar ein ziemlich großer, aber definitiv nicht das tragische Ende eines Lebensplans. Alleinerziehend zu sein ist definitiv keiner der traurigen Lebenswege. Traurig ist, wenn Kinder mit Eltern leben müssen, die sich nicht vertragen. Traurig ist, wenn sich Menschen ein Kind wünschen und den Wunsch nie verwirklichen können. Es ist auch völlig egal ob jemand alleinerziehend, verheiratet, in einer heterosexuellen oder homosexuellen Beziehung ist.
Ob es Eltern schaffen Nestwärme und ein liebevolles Zuhause zu schaffen, das Fehler verzeiht und Stärken fördert, ist der ausschlaggebende Punkt. Kinder wollen nur geliebt werden und willkommen sein. Das geht unter allen Umständen.

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6 Kommentare

  1. Hach, das ist super. Und ja, es ist so wahr.
    Als Alleinerziehende muss ich sagen, dass es manchmal sehr weh tut wie Menschen einem gegenübertreten. Man wird gleich mit weniger Ansehen behandelt. Meistens fühle ich mich so schlecht, dass ich, fast als Wiedergutmachung, direkt hinterher schiebe „ich arbeite an der Uni…“ um noch was zu retten. Fühle mich aber komplett bescheuert dabei.
    Ich habe oft das Gefühl, dass bei vielen Menschen im Kopf noch verankert ist „Alleinerziehend = Asi“. Eben weil es oft so schwer für Alleinerziehende ist, wie hier schon beschrieben wurde.
    Dabei denk ich, dass ich das ganz gut hinkriege…und eigentlich würd ich sogar sagen WEIL ich alleine bin…danach fragt aber keiner.

  2. Jenni

    Danke, dass Du nicht nur die gern beschriebenen Karrieremütter, sondern auch normale Arbeiterinnen und Angestellte mit deren Lebensrealität genannt hast. Viel zu oft wird das ausgelassen, um dann in der Diskussion um Ganztagsbetreuung implizit oder explizit nur noch von den vermeintlich karrieregeilen Akademikermüttern zu sprechen.

  3. Anna

    Auch von mir ein Danke für diesen Artikel! Ich wünsch mir mehr davon. Nicht immer diese einzig und allein defizitäre Darstellung.

    Und @ Perlenmama:Würde ja sagen, dass das mit der Abwertung nicht verankert ist, sondern wird. Und „Asi“, das finde ich komisch und ist mir auch noch nicht begegnet. Bemitleidend eher. Was aber was anderes ist. Medial (Zeitungen und Elternratgeber) wird da große Angstmache vor allem betrieben. Armutsrisiko (danke Arbeitsmarkt, der Alleinerziehende aussortiert!) wurde schon genannt. Selbstverständlich auch große psychische Belastung für die Kinder (siehe Jesper Juul, nach dem wir ja nur die Möglichkeit haben, den Schaden bei den Kindern möglichst zu begrenzend, ganz schadlos können sie jedoch nie aufwachsen als Kinder Alleinerziehender, noch dazu wenn es Jungen bei alleinerziehenden Müttern sind… grrr. Könnt mich aufregen). Und und und.

    Besonders ärgerlich finde ich aber immer, wenn Regierungen von „Familienpolitik“ sprechen, wenn es doch eigentlich „Ehepolitik“ oder „Frauen sollen zuhause unbezahlte Pflegearbeit leisten-Politik“ heißen sollte. Besonders in Österreich finde ich das auffällig. Alleinerzieher (sic!)-Absetzbetrag ist gleich mit Alleinverdienerabsetzbetrag. Pflegeurlaub und Karenzgeld de facto sogar weniger (da die zweite Person ja nicht da ist um „seinen“ Teil in Anspruch zu nehmen. Und so weiter. Einziger Unterschied zu anderen Familienformen: bei den steuerlich absetzbaren Betreuungskosten gibt es keine Deckelung auf einen maximalen Betrag. Aber soviel muss mensch auch erst mal verdienen und Steuern zahlen, dass das a) vorher bezahlt werden kann und b) dann auch abgesetzt werden kann. Wie halt immer, wenn Steuerpolitik als sooooo toll und unterstützend verkauft wird – ist halt nur toll und unterstützend für die, die auch genug verdienen um es in Anspruch nehmen zu können. Und das wiederum betrifft nicht nur Alleinerziehende, sondern alle Familien, bei denen (beide) wenig verdienen bzw. richtigerweise weniger als sich das Gesetzgeber_innen so vorstellen.

    Manchmal erinnert es mich an die Debatte um Regenbogen-Familien. Auch hier große Angstmache und eigentlich will doch nur der konservative traditionelle (welche Tradition eigentlich?) status quo bewahrt werden.

    Und an die Kinder, um die es doch angeblich immer geht, können die meisten sicher nicht denken. Denn wenn jemand all diese Artikel Angst machen, dann doch ihnen. Wenn sie dann alt genug sind, um sie zu lesen und zu verstehen.

  4. Danke auch von mir für den Artikel, das Thema betrifft und interessiert mich gerade sehr. Gerade auch der Umstand schwanger sein und sich dabei trennen lastet mir gerade ziemlich auf der Seele und mich würde interessieren, wie andere in solchen Situationen damit umgehen, wie man da Betreuung und Umgang zwischen Kindern und beiden Eltern gerade in den ersten Monaten regeln kann und so weiter. Sowas ist sicher eine ziemliche organisatorische Herausforderung. Natürlich auch die finanzielle Seite, wobei das wohl eh erstmal, wenn man wie ich bisher Studentin war, auf Hartz 4 hinauslaufen wird.

    Ich denke auch, von vielen Seiten wird man da das Gefühl bekommen in gewisser Weise versagt zu haben, gerade wenn man dann auch noch Kinder von verschiedenen Vätern hat, schwingt da irgendwo auch die Angst mit als „Assi“ abgestempelt zu werden.

  5. Doris

    Ich danke dir für diesen wundervollen und sooo wahren Artikel.

  6. Ein wirklich realistischer Artikel – endlich einmal! Wie schon vorher erwähnt geht es ja meistens um die tollen Karriere Mamis, aber die Mehrheit sind die sicherlich nicht. Ich bin zwar nicht alleinerziehend, habe aber wirklich den höchsten Respekt vor allen Mamas und Papas, die das hinbekommen – und das hat nichts mit Mitleid zu tun. Gerade wenn man mal krank ist und nicht stark sein kann und einem keiner hilft, der Wahnsinn. Und irgendwie geht es, für de Kinder. Weil man keine Wahl hat. Auch das mit der kaputten Partnerschaft kann ich nachvollziehen, bei uns hat es auch schon oft so gekracht daß ich nicht wusste wie lange wir das noch durchstehen. Ich kann Leute sehr gut verstehen die sich lieber trennen als das ewige Hin und Her durchzumachen 🙂

    Liebe Grüße, Janina

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