Was habe ich eigentlich früher gemacht?

von Anna Lisa

Essen, spazieren, essen, schlafen, essen, schlafen. Dazwischen diverse andere Aktivitäten, um sich die Zeit etwas besser zu vertreiben. Es mag zwar variieren, doch so in etwa sehen meine derzeitigen Tage aus. Klingt doch eigentlich ganz entspannt, 
könnte man meinen. Doch es bin ja nicht ich, die scheinbar ständig schläft und isst, 
sondern meine Tochter. Ich bin ihre Mutter oder auch Köchin oder Schlafassistentin, die
 allzeit bereit ist, verlorene Schnuller oder Lieblingskuscheltiere in Rekordzeit zu finden – möge es noch so dunkel sein, und sie der brüllenden Besitzerin wieder in die Hand oder
 den Mund zu drücken.

Ich kenne viele Frauen, die während ihrer ersten Schwangerschaft gerne davon sprechen, 
inwieweit sie ihr Leben nicht ändern werden, wie sehr sich ihr Kind eben einfach anpassen 
wird. Vielleicht war ich auch einmal so. Ich weiß es gar nicht mehr. Im Moment bin ich aber 
so froh, dass meine Tochter endlich so etwas wie einen Rhythmus gefunden hat, dass ich 
bestimmt nicht versuche, ihr meine eigenen Pläne und Vorstellungen eines Tagesablaufes
 aufzuzwingen. Ich habe jedenfalls bisher noch keine Mutter getroffen, deren
 Neugeborenes sich fabelhaft an irgendetwas angepasst hätte. Kaum auf der Welt haben 
die nämlich schon ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, wie was wann zu laufen hat.

Treffe ich alte Bekannte zufällig auf der Straße, kommt meist die Frage „Und was machst
 du sonst noch?“ Sonst? Ist Muttersein nicht genug? Tagsüber rette ich Kartoffeln vorm
 Ertrinken in der Waschmaschine und abends dann die Welt, oder wie? Oft wünsche ich
 mir, ich hätte mehr Energie, um wirklich etwas „nebenbei“ machen zu können. Ein 
Fernstudium, ein wenig arbeiten, vielleicht wieder etwas schreiben. Abends reicht die Kraft 
manchmal für das Überfliegen eines guten Artikels, meist aber nur für das Lesen stupider
 Einträge auf Facebook. Es ist etwas schwieriger in Zeiten, in denen mein Mann
 wochenlang auf anderen Kontinenten unterwegs ist und etwas leichter, wenn er von zu
 Hause aus arbeiten kann. Aber dennoch, wir sind nicht mit Durchschlafkindern gesegnet,
 die ihre Zähne ohne jegliche Beschwerden bekommen und sich ab dem dritten
Lebensmonat am liebsten allein beschäftigen.

Wir sind von der Sorte Eltern, die mit
 dunklen Ringen unter den Augen an einer grünen Ampel scheinbar auf bessere Zeiten
 warten und manchmal schon beim Aufstehen die Stunden bis zum Schlafengehen zählen. 
Ich versuche die Zeit des Kleinkindalters so gut es geht zu genießen, aber von vielen
 Seiten wird suggeriert, eine Mutter müsse immer schick sein, natürlich so schnell wie
 möglich zurück in den Beruf oder das Studium, dabei allerdings voll stillen und den Brei
 selbst kochen und sich in ihrer Freizeit hingebungsvoll in allen Bereichen um ihren Partner 
kümmern. Ich will gar nicht verraten, wie wenig ich davon auf die Reihe bekomme und
 Dank des von den Medien generierten Bildes der Superfrau von heute fühle ich mich 
beinahe täglich wie eine Versagerin. Tatsächlich bleibe ich doch aus freien Stücken zu 
Hause bei meinen zwei kleinen Kindern und habe mich dazu entschieden, die Karriere
 noch ein paar Jahre warten zu lassen und vorerst einmal nicht schick zu sein, weil meine
 Kleider am Ende des Tages doch nur fleckig sind.

Ich bin froh, dass ich die Wahl habe und 
ich weiß, dass ich die richtige getroffen habe, aber ich würde mir wünschen, man würde
 aufhören mir weismachen zu wollen, ich würde „da draußen im echten Leben irgendetwas
 verpassen“.
 Manchmal fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, was ich früher den ganzen Tag
getan habe. Es kommt mir jetzt beinahe wie Zeitverschwendung vor. Nicht einmal diese
 Selbstverwirklichung, von der alle Welt so gern in Zusammenhang mit Kindern spricht,
 habe ich wirklich exzessiv betrieben. Vielleicht wird diese auch erst so wichtig, wenn man
 Kinder hat, die einen daran hindern könnten. Die Jahre vor der Geburt meiner Tochter 
wirken im Nachhinein etwas trist und leer, erfüllt von Gedanken an meine diversen
 Befindlichkeiten, Wehwehchen und Ängste, die jetzt banal und unwichtig wirken.

Derzeit
 verfliegen die Tage nur so, sind bunt und erfüllt von Gebrüll im einen und Gelächter im
 anderen Moment. Nachts, wenn mein neugeborener Sohn nur in meinen Armen schlafen
 kann, versuche ich mich an einer Partie Schach gegen den Computer und verliere 
jedesmal, weil ich einfach zu müde bin, um mich ernsthaft konzentrieren zu können. Das
 spielt aber keine Rolle, denn ich mache das nur für mich und im Moment ist nicht viel mehr
 möglich. Irgendwann werde ich dann wieder Yoga praktizieren, einen Musicalkurs
besuchen, mit dem Fechten beginnen und nebenbei Karriere machen, aber jetzt gerade ist 
es wunderschön auf die Frage „Was möchtest du denn machen?“ endlich und ganz
 plötzlich eine verbale Antwort zu erhalten: „Malen!“ „Ok, dann malen wir jetzt noch ein 
wenig und anschließend gehen wir etwas essen.“

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