Versuch mit Tuch: Furoshiki nähen

von Sus 

(c) Sus

Als ich Kind war, hob meine Mutter Geschenkpapier aus Prinzip auf, um es wiederzubenutzen. Zum Geburtstag bekam ich meine Gaben in altbekanntem Gewand überreicht, und nach dem Auspacken verschwanden die glattgestrichenen bunten Bögen, angereichert durch die Verpackungen von Freund_innen und den Omas, wieder in der Schublade. An diesen Schieber kann ich mich ganz genau erinnern, denn er übte großen Zauber auf mich aus. Honiggelbe Front ganz unten in einer DDR-Schrankwand, Knäufe aus Leichtmetall, an denen frau sich im Vorbeilaufen schrecklich an den Knöcheln wehtun konnte. Das schwere Gleiten des Plastegestells beim Aufziehen, das unvermeidliche Ruckeln in der mürrischen Schiene, und dann: all das gesammelte Papier, dazu die sorgfältig aufgerollten und mit einer Stecknadel zusammengehaltenen Schleifenbänder. Was wir da horteten, war nur-so-DDR-bunt, also nicht auf Hochglanz gedruckt. Genau deswegen verlor es beim Knicken auch keine Farbe, und weggeschmissen wurde erst, wenn es wirklich abgeratzt war. Als Kind fand ich das gar nicht doof. Vielmehr richtete die vertraute Verhüllung den Blick erst so richtig auf das verborgene, versteckte und doch exponierte  Geschenk.

Im Nachhinein frage ich mich: Gab es damals so wenig Geschenkpapier, einen Mangel, wie ich ihn bei anderen Produkten kennengelernt habe? Nein, meint mein Vater, es war eher über Jahrzehnte und Generationen eingeübte Sparsamkeit. Was kleine-Leute-Gewurschtel in der Vorkriegszeit erzwang, schliff sich in der Kriegs- und Nachkriegszeit tief ein. Nun ist die Zeit des Mangels  vorbei, genauer: vorbei für mich und viele von uns, und das Thema Sparsamkeit erscheint doch wieder wie ein Menetekel an der Wand. Ich sag nur: Papiermüllberge zu Weihnachten, über die ich mich jedes Mal wieder ärgere. Des Rätsels Lösung entstieg neulich ganz unerwartet einem Artikel auf sueddeutsche.de, in dem es um Furoshiki ging. Das sind quadratische Tücher, Kantenlänge zwischen 45 und 100 cm, so genannt in Japan und dort traditionell zum Geschenke- und Lunchbox-Verpacken benutzt. In Mitteleuropa gab es sowas natürlich auch: als Bündel an einen Stock geknotet und über der Schulter getragen, zum Einschlagen von Kuchen und Brot und als spontane Aufbewahrung für die Pilze, die frau in den tiefen und nadeligen Wäldern des Erzgebirges fand. Mein Vater erzählt, seine Großeltern hätten nichts mehr mit Tüchern in Bündel verpackt, aber die bloße Möglichkeit sei durchaus noch präsent gewesen, begleitet vom Ruch der Armut – nicht gerade die beste Werbung. Ich selbst kenne diese Technik nur noch aus Märchen.

(c) Sus

Sofort Feuer und Flamme fiel ich über meine Stoffsammlung her, freilich nur metaphorisch, und fand immerhin fünf, sechs Stoffe, die groß genug sein würden für ein solches Tuch. Das Tolle ist: frau muss sie nur einsäumen, und schon sind sie benutzbar. Das Säumen hat dann bei mir mehrere Wochen gedauert … denn es ist eine blöde Arbeit, wenn man keine Superduper-Nähmaschine besitzt: die Kanten auf allen vier Seiten mit Nadeln auf die (zukünftige) linke Stoffseite umstecken, mit Reihgarn heften, Nadeln wieder entfernen, alles bügeln, und dann, damit der ausfransende Stoffrand auch wirklich innen liegt, die gleiche Schrittfolge noch einmal. Erst dann habe ich mich an die Nähmaschine gesetzt. Das hat den Vorteil, dass frau zum Schluss auch wirklich nur eine Naht hat, was ich viel eleganter als Stückwerk finde. Nicht vergessen: Anfang und Ende der Naht und jede Ecke verriegeln! Zum Schluss noch einmal drübergebügelt und fertig ist das Furoshiki. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, einen Gegenstand nett darin zu verpacken, sogar zu Taschen kann frau sie zusammenbündeln – siehe die untenstehende Linksammlung.

(c) Sus

Dass die Kinder die Tücher mögen werden, kann ich mir sehr wohl vorstellen. Bleibt allerdings eine Frage: wieviel Geschenkpapier kann ich damit wirklich ersetzen? Wenn ich eine Kleinigkeit für Kindergeburtstage zusammenpacke und nicht richtig einschätzen kann, wie die anderen Eltern so drauf sind (und sie vielleicht auch gar nicht besonders mag, soll ja vorkommen), werde ich ihnen höchstwahrscheinlich nichts mitgeben, was mich soviel Arbeit gekostet hat. Schließlich könnte es durchaus sein, dass andere das Tuch doof finden oder im schlimmsten Fall einfach wegschmeißen. Da ich die Maschine meistens im Schrank verstaut habe und auch nicht über tägliche Übung im Nähen verfüge, mache ich das nicht so ratz-fatz nebenher. Außerdem hat wirklich nicht jede zufällig im Schrank ganz fantastische große Stoffreste, mit denen sie gleich mehrere Furoshiki zaubern könnte. Und der Quadratmeterpreis für die traditionellen japanischen Stoffe, die mich besonders reizen würden, liegt um die 16 Euro – das ist ganz schön happig für ein Ding, das zusätzlich zum eigentlichen Geschenk in die weite Welt geschickt wird.

Der Gedanke, dass das Tuch dann von einer zur nächsten wandert, ist doch aber auch eine schöne Vorstellung. Ich werde ganz einfach mit der Zeit noch ein paar Stoffe kaufen oder Tücher second hand erkreiseln und dann wenigstens im Familienrahmen versuchen, den Papiermüll einzudämmen. Das erste Furoshiki wurde schon verschenkt und einmal weitergegeben. Es kam ganz gut an, glaube ich, und ich bin gespannt, welchen Weg es nehmen wird.

(c) Sus

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Links

Wikipedia: Furoshiki

sueddeutsche.de: „Tuch statt Tüte“

furoshiki.com/techniques

via ohcrafts.net

via notcot.com

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7 Kommentare

  1. Tolle Idee! Ich hasse diese Geschenkpapiermüllberge auch.

  2. eva

    Das hört sich super an! Meine Kinder zerreißen Geschenkpapier brutal, so dass man es nicht weiterverwenden kann. Und ich habe viele schöne Stoffe zu Hause, mit denen ich nichts anfange. Und unförmige Geschenke wie z.B. Kuscheltiere kann man so bestimmt auch viel besser verpacken. Danke für die inspirative Idee!

  3. Isabella

    Danke für die Anregung! Wir verwenden prinzipiell kein Geschenkspapier, sondern entweder Zeitungspapier oder recycelte Papiertragetaschen, aber Tücher sind natürlich auch eine tolle Idee.

  4. Da wünsche ich mir, dass ich zumindest ein bisschen naehen koennte…aber das ist etwas, da hab ich nicht einmal ein Basiswissen.
    Übrigens wurde bei uns auch immer Geschenkpapier weiter verwendet bis es auseinander fiel. Meine Großmutter benutzte nicht mal mehr Klebeband, weil das ja das Papier zerreißen koennte. Wir fanden das alle immer lustig. So manches Papier hielt sich über Jahre 🙂

  5. Anna Lisa, wenn Du nicht nähen kannst, kannst Du ja vielleicht trotzdem fertige Tücher nehmen. Ich habe mir ein paar für wenig Geld 2nd hand besorgt und bin gespannt, wie sich das dann macht.
    Und klar, bei uns wurde auch nicht geklebt! Erstens, weil wir nur das hässliche Gänsehautklebeband gab, und zweitens, weil es sonst ja keine Kunst gewesen wäre. Und so, wie ich Geschenkeeinpacken gelernt habe, war es auch zumindest ein kleines Handwerk.

    Eva, ja, unförmige Geschenke, kriege ich mit Papier nie hin!

  6. Pingback: Krach Bumm

  7. Hay^^
    Wenn dir die japanischen Stoffe zu teuer sind du aber trotzdem gerne ein paar traditionelle Mmuster haettest, versuch doch mal Shibori. Das sind traditionelle Faerbetechnicken und in der Regel nicht schwer. Du brauchst nur weißes Tuch, ein Faerbemittel und etwa ein Plastikrohr, ein paar Knoepfe zum abbinden oder zwei Latten.
    Es macht Spaß und man hat gleich ein Unikat ❤

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