Auf Baby-Speed

von Katja

Was hab‘ ich früher eigentlich den ganzen Tag gemacht? Das frag‘ ich mich. Mein Shirt war zwar Spucke-frei, ich hatte mal so etwas wie eine Frisur, aber womit um alles in der Welt habe ich meine Zeit versch*en? Ach ja, der Vater des Kindes und ich hatten ein Beziehungsleben. Jetzt sieht es neben unserer Elternschaft ein wenig aus, als wären wir auf der Flucht voreinander, dabei versuchen wir vielleicht nur einfach dasselbe zu tun wie zuvor, oder nutzen die Tage, als wären es unsere letzten. Das schlechte Gewissen, das mich manchmal dabei plagt, übertünche ich gekonnt mit überschäumender auf andere unheimlich wirkende Motivation – bis ich erschöpft irgendwann zwischendurch in tiefen Schlaf falle.

74 Artikel gelesen und/oder exzerpiert, 2 Seminararbeiten geschrieben, 50 Seiten Masterthesis, 2 Konzerte, 4 Buchpräsentationen, 1 Tequila in der Bar meines Vertrauens, 2 Kinobesuche, 5 Bücher zum reinen Vergnügen, alle 1,5 Stunden stillen, 6 Stunden arbeiten die Woche. Manch eine* mag mich wahnsinnig nennen. In meiner Bilanz aus den letzten 5 Monaten fehlen zudem noch sämtliche Mama-Baby-Kursaktivitäten wie Yoga, Rückbildungsgymnastik etc. sowie die zwei bis drei Sozialkontakte mit stundenlangen Kaffeehausbesuchen jede Woche.

Ich bin keine Supermutter.

Mensch könnte meinen, ich führe keinen Haushalt. Und das ist wohl der springende Punkt. Ich habe die Kinderbetreuung in der Arbeitszeit meines Partners für ein halbes Jahr übernommen, aber nicht den gesamten Haushalt, und nicht für 24 Stunden. Alles beim Alten auf der Haushaltsfront – und sind wir beide verfügbar, teilen wir uns den kleinen J. ebenso auf. Das gibt mir einerseits die Chance mal in Ruhe an etwas zu schreiben, und andererseits gehe ich davon aus, dass selbige Erwartung an mich herangetragen wird, sobald ich die Arbeitswelt wieder zeitintensiver betrete. Oder existiert eine berufstätige Mutter im kollektiven Bewusstsein, die abends einfach die Füße hochlegt, den Fernseher einschaltet und genüsslich das bereitgestellte Abendessen zu sich nimmt? Warum also umgekehrt?

Was habe ich früher gemacht ist eigentlich die falsche Frage.

Eigentlich müsste es heißen: Wie habe ich eigentlich vorher alles unter einen Hut gebracht? Spielend, ist die Antwort. Eins nach dem andren. Immer schön die To-do-Liste abhakend. Jetzt geht ziemlich viel Zeit mit Planung, Entwicklung von Strategien und dem Adaptieren von Strategien drauf. Solange J. sich beim Stillen Zeit gelassen hat, habe ich dabei gelesen. Bis er immer schneller wurde und nur mehr eine halbe Seite schaffbar war. Solange J. noch nicht so wahnsinnig schwer war, habe ich Tätigkeiten in „mit- und ohne Tragetuch möglich“ eingeteilt und je nach seinen Befindlichkeiten die Prioritäten flexibel herumgeschoben. J. schläft tagsüber nämlich (fast gar) nicht. Dafür nachts. Elf Stunden am Stück. Einerseits traumhaft (für ihn), andererseits arbeitsintensiv (für mich, also eben nachts.).

Tagsüber passieren Kaffeehausbesuche mit FreundInnen, Uni-Bibliotheksbesuche und Einkäufe. J. ist immer wach, will alles sehen und erfahren. Ein konzentriert geschriebener Absatz bei Tageslicht ist dabei kaum möglich. Vor allem jetzt, wo er dreht und rollt und frustriert irgendwo stecken bleibt, oder quietscht, seine Stimme ausprobiert, so laut, dass mensch sich nicht mal mehr daneben unterhalten kann – geschweige denn schreiben. Mein Zeitmanagement ist ein Fleckerlteppich. Gerade eben ist J. wieder eingeschlafen – für kurz – ich nutze die Zeit. Wenn er wach ist, putze ich das Bad weiter und hab ihn dabei im Auge. Alles dauert ewig oder wird in rasendem Tempo erledigt. Ein elendslanger Geduldsfaden, Genervtheit und Turbo-Boost halten sich die Waage.

Und die Abendtermine, das Kino, die Bar, die Konzerte? Sind nette Begleiterscheinungen der Fremd-Kinderbetreuungsphase, in der allerdings auch die Uhr tickt geknüpft an das Gehalt der Betreuungsperson. Keine gemütliche Zweisamkeit bei einem Getränk nach dem Film. Zeit ist Geld. Geld, das wir anderswo ebenso gut brauchen können. Auch kein komplettes Fallenlassen in Musik und Atmosphäre, den der Blick auf das Handy muss sein. Hat er angerufen? Spür ich den Vibrationsalarm. Hab ich eine SMS von der Babysitterin bekommen? Ach, sie kriegt den Herd nicht an.

Und noch weniger ein Abschalten vom Babyalltag, Berufsalltag, was sonst noch zu erledigen ist – Alltag zu zweit. Wir haben zwei oder drei Stunden. Hetzen hin, hetzen zurück, absolvieren dazwischen die wichtigen Stationen und fragen uns beim Einschlafen, ob wir überhaupt tatsächlich miteinander geredet und uns wahrgenommen haben. Oder sind wir noch immer auf Baby-Speed?

Das war vorher anders. Der Luxus, einfach mal nichts zu tun oder zumindest mit mehr Gelassenheit. Und zu zweit. So richtig zu zweit.

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6 Kommentare

  1. Anna

    Wow. Das klingt nach rasend viel was du da schaffst. Hut ab.
    Aber – und das schreibe ich jetzt ausdrücklich ohne deine Situation irgendwie runterspielen zu wollen: Ihr seid wenigstens zu zweit!

  2. Seither hab ich echt absolute Hochachtung vor Alleinerziehenden und Zwillingseltern!

  3. Anna

    Yap. Da wird dann Luxus, was für andere Alltag ist. Und wer braucht schon eine Diss, Caféhausbesuche, Kino, Konzerte etc. Kostet nur. Zeit und Geld. Beides nicht vorhanden.
    So. Und obwohl ich mir geschworen hab, nie nie wieder zu jammern tu ich’s schon wieder. Mist.

    Auf jeden Fall: Es ist – das sag ich jetzt ganz ironiefrei – superschön zu lesen, dass andere das hinbekommen.

  4. Liebe Anna, ich kann dir eines sagen: Manchmal möchte ich auch gern einfach nur „normal“ gefordert sein vom Alltag. Muss nicht mal erfüllend sein, einfach nur fordernd. Was für andre nach Streß klingt, ist für mich noch unter „Balance“ zu verbuchen. Allerdings beschwert sich dann auch mein Körper hin und wieder (und das Beziehungsleben ohnehin).
    Bzgl. Jammern: Das soll jedermutter vergönnt sein, schon allein weil (mir kommts halt so vor) „Kinder kriegen/haben ist das Schönste und Tollste und Erfüllendste und überhaupt nie anstrengend etc.“ Auch ich jammere. Ich finde alle dürfen mal jammern. Auch wenn ihr Kind durchschläft. Sind ja alle anders…die Kinder und die Eltern… und die individuellen Schmerzgrenzen. Verbuch ich unter Psychohygiene 😉

  5. Nach 16 Jahren mit speziellem Anhang ( einem Teilhabe -Gehinderten ), davon 12 Jahren AE , durchgängiger Berufstätigkeit und einem eigenen gesundheitlichen Crash bin ich überzeugt: was von uns verlangt wird und wir selbst von uns verlangen, geht über Jahre nicht.
    Kinderbegleitzeit könnte eine Phase der langsameren Gangart sein. Unsere Gesellschaft könnte sich das leisten, ohne betreuende Eltern zu benachteiligen.
    Ein kindgerechtes Betreuungs- und Schulsystem ist denkbar.
    Alternative Lebensformen, in denen nicht Alles nur 1 oder 2 Personen abverlangt wird könnte es geben. Auch für Menschen, die nicht über Vermögen verfügen.
    Aktuell aber heißt Mutter sein : die langjährige Quadratur des Kreises zu versuchen. Leider.

  6. Obst

    Ich hab diesen Artikel gelesen, da war ich noch schwanger. Und beeindruckt. Sehr beeindruckt. Ich dachte: „Wow, vielleicht wird auch mein Schweinehund vom Babyspeed an die Kette gelegt werden.“ Jetzt bin ich schon einige Monate nicht mehr schwanger, sondern habe tiefst-tiefe Augenringe und bin mir inzwischen fast sicher: Der Artikel muss doch mindestens halbsatirisch gemeint sein, wahrscheinlicher noch ist er komplett Satire aufs Elternleben und die gesellschaftlichen Erwartungen.

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