Never ending Coming-out

von Barbara

Das hat mir niemand gesagt.

Als S. und ich beschlossen, gemeinsam ein Kind haben zu wollen, hatten wir beide unser Coming-out längst schon hinter uns und betrachteten es als abgehakt. Welch großer Irrtum!

Es begann, als ich meinem Chef erzählen musste, dass ich schwanger bin und ich ihm erklären musste, dass ich nicht plötzlich wieder hetero geworden sei, sondern dass S. und ich mit Hilfe einer Samenspende Eltern werden würden. Und als die Schwangerschaft voranschritt, reihte sich eine Situation an die andere, wo ich erklären musste … okay … wollte … aber irgendwie doch musste – denn Lügen war in dieser Sache keine Option für mich –, dass ich zusammen mit meiner Freundin ein Kind bekommen würde: Gynäkologin, Hebamme, Mit-Schwangere im Geburtsvorbereitungskurs, sämtliches Personal in der Geburtsklinik, neue Bekanntschaften, etc. etc.

Als der Bauch dann weg war und der kleine Bär da, hörte das natürlich nicht auf.
Kinderarzt, Mamas (selten auch Papas) in der Krabbelgruppe, am Spielplatz.

Natürlich, könnte man jetzt einwenden, ich hätte ja nicht allen was über mich erzählen müssen. Aber Mütter in Karenz haben selten anderen Themen als den noch so neuen Nachwuchs und alles, was damit zusammenhängt und ein Gespräch erschöpft sich sehr schnell, wenn man den zweiten Elternteil aus dem Gespräch ausklammern möchte.
Nach einigen frustrierenden Versuchen ein Gespräch mit einer Zufallsbekanntschaft an der Sandkiste möglichst outingfrei über die Bühne zu bringen – frustrierend, weil das Gespräch auf diese Weise natürlich nicht die Qualität erreichen konnte, die möglich gewesen wäre, aber auch, weil ich mich danach jedesmal ein bisschen selbst verachtet hab‘ für meine Feigheit – war der Entschluss schnell gefasst – mich nie wieder nicht zu outen.

Zum Glück kommt man als Regenbogenfamilie ja nicht aus der Übung.

Mittlerweile hab ich im kleinen Bären dabei sogar tatkräftige Unterstützung. Er erzählt gerne, dass er zwei Mamas hat wie z. B. neulich dem netten fremden Papa in der Bücherei, der seinem Sohn ein Buch vorgelesen hat. Kontaktfreudig wie der kleine Bär nunmal ist, setzt er sich dazu und erzählt Vater und Sohn in einer Lesepause so laut, dass ich es sogar zwei Bücherregale weiter hören kann, dass er keinen Papa aber dafür zwei Mamas hat. Dann zeigt er auf mich und sagt: „Da ist meine Mama!“. Für mich bleibt nichts weiter zu tun, als dem neugierig guckenden Papa freundlich zu winken und meine Nase dann möglichst tief in das nächstbeste Buch zu vergraben.

Lesbischen Frauen (und natürlich auch schwulen Männern), die sich darüber ärgern, dass sie nicht immer und überall 100%ig zu sich und ihrer Sexualität stehen können, möchte ich gerne raten: Werdet Eltern! Ich weiß, nicht ganz so einfach, wie bei den meisten Heteros (aber das ist ein anderes Thema), aber es hilft ungemein dabei eine Coming-out-Routine zu entwickeln. Ihr kommt gar nicht aus.

Die Übungsmöglichkeiten reißen auch mit dem Älterwerden des Kindes nicht ab. Bei uns beginnt jetzt die Zeit der Suche nach der passenden Volksschule und natürlich muss jede Kandidatin erst auf ihre Homofreundlichkeit hin getestet werden. Heißt also: jedesmal reinen Wein einschenken.
Nächste Woche haben wir Termin bei einem neuen Kinderarzt und da es ein ganzheitlich orientiert arbeitender Arzt ist (das war Bedingung), wird wohl auch mal wieder ein Coming-out fällig werden und ich muss zugeben, ein ganz klein wenig mulmig ist mir doch, nachdem er mir per Mail ein frohes neues Jahr in Gottes Segen gewünscht hat …

Versteht mich nicht falsch, ich beklage mich nicht. Ich weiss, dass ich von niemandem verlangen kann, mir an der Nasenspitze anzusehen, dass ich mein Kind nicht mit einem Mann aufziehe und auch nicht alleine, sondern mit einer Frau. Es ist nur …

… dass es so outing-intensiv werden würde, hat mir vorher niemand gesagt.

Das hat mich anfangs doch überrumpelt.

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11 Kommentare

  1. candycandycandy

    Ich finde schon dass du eine andere ausgangssituation erwarten kannst. dass zb die leute im krankenhaus und in der schule (wenn es relevant ist) fragen: „ziehst du das kind alleine auf oder mit einem partner oder partnerin oder mit mehreren? hast du das kind zur welt gebracht oder jemand anders?“ usw. dass von „elternteilen“ gesprochen wird oder von den „leuten, die noch für das kind verantwortlich sind“ anstelle von mutti/vati. das können sich auch monogam hetero lebende menschen mit kindern angewöhnen. so kann auch eine cis frau mit ihrem cis mann die mit der kraft ihrer beider körper ein kind produziert haben über sich sprechen: „die andere person, die noch für das kind verantwortlich ist“ es ist ja keine normalität sondern eher eine absurdität dass erstmal angenommen wird dass du zb noch einen mann hast der zu dir gehört und automatisch auch zu dem kind gehört.
    mir ist klar, dass das nicht so aussieht im alltag. aber ich würde den alltag dafür nicht in schutz nehmen, da wo er überall versagt.

    ich hab allerdings nicht ganz verstanden, wieso du allen rätst, dass sie eltern werden sollen, damit sie endlich lernen, sich bügelfaltenfrei und mit glückseligem lächeln überall zu outen. was soll daran gut sein, dass mensch das muss? also, wieso sollen leute das können müssen? vielleicht war das auch ironisch gemeint. ist mir trotzdem unklar.

    • bsd70

      da hast du natürlich recht. Die Gesellschaft könnte langsam anfangen Elternschaft etwas breiter zu denken, aber noch ist es halt so, dass vorwiegend in heteronormativen Mustern gedacht wird. Dass sich das irgendwann ändert, daran arbeiten wir und viele andere nicht konventionelle Familien, indem wir/sie sichtbar sind und den Leuten immer wieder zeigen, dass es auch anders geht als Vater-Mutter-Kind.

      Der Teil mit den Rat Eltern zu werden ist natürlich nicht ganz ernst zu nehmen. Ich spreche hier auch nicht ALLE an, sondern nur diejenigen, die nicht immer und überall zu ihrer Sexualität stehen können UND das gerne ändern würden. Ich z.b. war früher so eine. Bevor ich mich vor Fremden oder losen Bekannten geoutet habe, hab ich lieber allzu persönliche Gespräche gemieden und mich eigentlich fürchterlich darüber geärgert. Das tu ich jetzt nicht mehr und deshalb mein mit einem Augenzwinkern zu lesender Rat Eltern zu werden, um das Outen zu trainieren.

    • Marianne

      Es wird so lange in heteronormativen Formen gedacht, wie Hetero-Paare mit Kindern die Norm sind – und damit „normal“ = „wie die überwiegende Mehrheit“.
      Und nein, nie und nimmer würde ich von meinem Partner als „die andere person, die noch für das kind verantwortlich ist“ sprechen. Merkt Ihr nicht, wie peinlich verklemmt das klingt? Als hätte man was zu verbergen…

  2. Wenn es mehr Regenbogenfamilien gäbe, gäbe es auch mehr Regenbogenfamilien. Ich finde es wunderbar, dass Du Dich so reintreiben lässt und mehr reagierst als agierst. Es hat etwas gelassenes in all dem. Klar geht es niemanden was an und klar ist es irgendwie auch normal, das zwei erwachsene Menschen eben Kinder haben wollen, nur ist die Gesellschaft in diesem Prozess einfach noch nicht erwachsen.
    Mensch, ich wünsch Euch ganz viele positive neugierige Begegnungen, die dazu führen, dass andere sich das auch noch eher zutrauen und nicht schon bei: „Und was wenn unser Kind in der Grundschule deswegen gehänselt wird…?“ aufgeben. << ich wills nicht kleinreden. Ist nur eines der Argumente, die ich als Freundin von Männer- und Frauen-Paaren kennengelernt habe.
    Irgendwann zuckt niemand mehr mit der Wimper, wenn es um so was Banales wie den Weg zum Kind geht.

  3. „Werdet Eltern! Ich weiß, nicht ganz so einfach, wie bei den meisten Heteros (aber das ist ein anderes Thema), aber es hilft ungemein dabei eine Coming-out-Routine zu entwickeln.“

    Hm. Klingt furchtbar, wenn das Kind dazu instrumentalisiert wird um eine „Coming-out-Routine zu entwickeln“. Da wird das Kind auf ein Werkzeug reduziert.

  4. Barbara

    Lieber Dieter!
    ich hab’s oben schon mal geschrieben und ich wiederhole es gerne noch einmal. Dieser Absatz ist nicht ganz ernst zu nehmen. Ich bin davon ausgegangen, dass das klar ist. Natürlich soll niemand ein Kind bekommen, nur weil er/sie das outen üben möchte! Das ist doch so offensichtlich absurd, dass es nicht ernst genommen werden kann. Dachte ich zumindest.
    Gruss, Barbara

  5. Ortrud

    Danke Barabara für Deinen Text und das Teilen Deiner Erfahrungen und Gedanken!

  6. eva

    Ich finde Barbaras Text auch sehr schön und mag den humorvollen Ton. Ich finde Situationen anstrengend, in denen ich mich ständig selbst erklären muss und bewundere es, wenn jemand mit derartigen Situationen so gut umgehen kann, wie du das anscheinend tust.

  7. Liebe Barbara, ich hab ehrlich gesagt den vorherigen Kommentar und deine Antwort gar nicht gesehen, sondern mich hat der Absatz sofort betroffen gemacht. Mir war nicht klar, dass sich in dem Text wo du ja sehr offen ein wichtiges Thema teilst ein, wie du schreibst, gewollt absurder Gedanke verbirgt. Und nachdem man immer wieder beobachten kann, wie sich Menschen versuchen über Ihre Kinder zu verwirklichen, ist der Gedanke leider gar nicht abwegig. Schön für euer Kind, wenn es bei euch nicht so ist! Alles Gute weiterhin!

  8. Ich kann das sehr verstehen, alles was abseits der „Norm“ ist, ist abseits der Norm. Mir käme es nicht befremdlich vor wenn zwei Mütter mit Kind oder zwei Papis mit Kind auf dem Spielplatz entgegenlaufen, mir kommen eben nur komsiche Leute komisch vor. Ich entspreche der heteronormativen Norm, aber ich habe meinen Namen behalten (!!) das reicht schon für dumme Sprüche… Euer Kampf im Alltag ist härter, aber ihr seid liebende Eltern und Euer Sohn ist knorke cool. Go get it. Jeden Tag. Und der Arzt kann Gottes Segen verteilen und trotzdem tolerant sein. Hoffe ich. Danke für einen ehrlichen Text.

  9. Pingback: Frohes neues 2015 | fuckermothers

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