„Wo ist Emil?“ vs. „Hier in den Bergen“

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“Wo ist Emil?” von John Chambers und Dorothea Tust

Bilderbuch, ca. ab 2 ½ Jahren

Die Story: Der Kindergartentag, an dem Emil beschließt, einfach nicht da zu sein. Sein bester Freund Joris behauptet das jedenfalls, obwohl Emil schon Fußball spielend im Hof gesichtet wurde. Die Geschichte führt uns durch den Kindergarten, von der Garderobe in die Kuschelecke bis zum Morgenkreis beim Bücherregal. Während Joris allen Belegen zum Trotz (fehlende Hausschuhe, Emils Stimme aus dem Off) steif und fest behauptet, Emil sei nicht da, können wir Leser_innen auf jeder Seite suchen, wo er sich denn diesmal versteckt hat. Und am Ende lockt ihn die Erzieherin Michaela doch noch mit einer Geschichte aus seinem Versteck.

Vorlesetauglichkeit: Emil suchen macht Spaß, auch noch Kindern am Anfang der Grundschule (und sogar den vorlesenden Eltern). Joris Ausreden, warum Emil wirklich nicht da ist, werden immer unterhaltsamer. Die Illustrationen sind lustig und klar, jedes Kind aus der Gruppe wiedererkennbar.

Der moralische Zeigefinger: Erstmal finde ich es erfreulich, dass die elf Kinder der Gruppe nicht alle blond, blauäugig, weiß sind. (Kennt jemand einen Kindergarten, in dem dem so ist? Ich nicht!) Es gibt immerhin drei Kinder of color. Und das, ganz ohne dass es moralisierend wirkt. Aber trotzdem nervt mich, dass diese Kinder Statist_innen der Geschichte sind. Hassan darf zwar zweimal etwas sagen, aber neben den beiden klassisch weißen Jungs (Joris und Emil) sind die witzigsten und lebendigsten Charaktere Luisa, die Emil hart auf der Spur ist, der ängstliche Christoph und Josepha, die Kleinste der Gruppe. Richtig, die sind alle blond und weiß.

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“Hier in den Bergen” von Ali Migutsch

Bilderbuch, ab 2 Jahre

Migutschs “Hier in den Bergen” nehme ich exemplarisch für alle Ali-Migutsch-Bücher, die ich so kenne. Migutschs Wimmelbuch-Klassiker hatte ich schon selbst als Kind zu Hause, und meine Kinder lesen sie heute. Und hier kommt meine Chance, mal ein bisschen Dampf abzulassen über diese Lektüre.

Die Story: Gibt es eigentlich keine. Jede Doppelseite präsentiert uns eine klassische Bergszenerie: z.B. die Serpentinenstraße voll durchreisender Urlauber_innen, der Staudammbau, die Bergsteiger im Hochgebirge, die Bergalm und das Skiresort. Es finden sich viele detailliert gemalte kleine Szenen, die mal lustig, mal traurig, mal actiongeladen, mal dramatisch sind. Man kann das Buch als Kurzeinführung in den deutschen Humor lesen, z.B. wenn die Wanderin darüber lacht, dass ihr Kamerad barfuß im Kuhfladen steht, oder wenn dem stürzenden Bergsteiger vor Schreck das Gebiss aus dem Mund fällt.

Vorlesetauglichkeit: Dank der vielen witzigen Details und vielen unterschiedlichen Szenen lässt sich das Buch oft lesen, bevor es langweilig wird. Es eignet sich wunderbar dazu, “ich sehe was, was du nicht siehst” zu spielen. Für die vorlesenden Eltern ist der böse Humor von Migutsch ein Highlight: z. B. ist die Anzahl der beim Sport verunglückten Skiurlauber_innen erschreckend, andererseits ist die Darstellung derselben ziemlich schräg – und natürlich geht für die anderen das Skivergnügen weiter.

Der moralische Zeigefinger: (Ich vernachlässige jetzt mal, dass das Buch, soweit erkennbar, nur weiße Menschen umfasst.) Mich kotzen vor allem zwei Dinge an. Erstens die dramatische Überzahl von Männern gegenüber Frauen. Frauen sind anscheinend nicht so wichtig – oder vielleicht weniger interssant abzubilden. (z.B. Bergsteigerszene: 41 Männer zu 9 Frauen; Staudammbau: 54 zu 1; Bergalm: 48 zu 13; Skiresort/Lawine: 44 zu 13. Zugegebenermaßen ist bei manchen Figuren das Geschlecht nicht genau erkennbar.) Zweitens die konservative Rollenverteilung. Natürlich sind alle Bauarbeiter (und von denen gibt es einige!), Jäger und Holzfäller Männer. Männer dürfen bzw. sind gezwungen Reifen zu wechseln und schweres Gepäck für ihre Frauen zu schleppen. Als Frauenberufe kommen dagegen Bergbäurin und Serviermädchen in Frage. Immerhin lässt Migutsch Frauen wandern, Ski fahren und Berge besteigen, vielen Dank dafür!

Klar, das Buch ist von 1979. Da waren die traditionellen Männer- und Frauenrollen noch viel selbstverständlicher als heute. Vielleicht kann man Ali Migutsch also keinen allzugroßen Vorwurf machen. Die weiterreichende Frage, die das Buch aufwirft, ist die nach dem Umgang mit alten Standards der Kinderunterhaltung. Welche Vorstellungen/Stereotype vermittle ich meinem Kind, wenn ich mit ihm solche alten Bücher lese? Will ich ihm wirklich (unkommentiert) Bücher von Ali Migutsch, Enid Blyton oder Oliver Hassencamp zum Lesen geben? Ich habe auf diese Fragen keine guten Antworten, aber mich gruselt bei dem Gedanken, dass die dort präsentierten Vorstellungen, wie Männer und Frauen sich zu verhalten haben, meine Kinder prägen könnten.

Anmerkung: Vielen vielen Dank Maria für die Verbesserungsvorschläge und die schnelle Hilfe, was diskrimierungsfreie Sprache angeht. Ich hoffe, die Formulierungen sitzen jetzt – falls jemandem noch was auffällt, könnt ihr gerne die Kommentarfunktion nutzen, um weitere Veränderungen vorzuschlagen.

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5 Kommentare

  1. hey, vll hilft dir meine persönliche erfahrung:
    Ich bin mittlerweile 17 und hab als kind auch Enid Blyton und ähnliches gelesen (im besonderen auch ‚professors zwillinge‘, falls du das kennst, da ist die rollenverteilung besonders klassisch). das müsste ende der grundschule gewesen sein und ich kann sagen dass ich die rollenverteilung erkannte (das mädchen spielt mit puppen, ist weinerlich und muss beschützt werden) und mich damit nicht identifizieren konnte, es erschien mir einfach so langweilig und hatte mit meinem alltag nichts zu tun.

  2. Ortrud

    Es ist mir völlig unverständlich, warum hier einerseits versucht darauf zu achten, ob die dargestellten Kinder der Realität, dass es in Kitas (und anderswo) Weiße, Schwarze und People of Color gibt und auch über die Rolle, die die Kinder of Color im Vergleich zu den weißen Kindern haben kritisch reflektiert wird und gleichzeitig so unreflektiert Begriffe wie „weißhäutig“ und die otherende Zuordnung von Kindern zu einem Kontinent bzw einer Region bzw. einem Land erfolgt. Diese Kinder haben vermutliche alle eine Nationalität, sind in einem Land, evl einer Stadt / Region geboren.

  3. Eva

    Liebe Ortrud,

    um die Situation verständlich zu machen, hier ein minikurzer Exkurs zum Prinzip der wohlwollenden Interpretation (oder „principle of charity“): Nach diesem Prinzip geht eine Person vor, wenn sie sich bemüht, das Verhalten & die Aussagen ihres Gegenübers so zu interpretierten, dass sie dieses als möglichst rational versteht. Die zu stellende Frage ist also: Wie kann ich möglichst viel Sinn aus der Aussage meines Gegenübers machen?

    Wie lässt sich das auf mich (die Autorin obiger Rezension) anwenden?
    Einerseits: Als vorlesende Mutter nervt mich die Abwesenheit von Kindern of color in Kinderbüchern ebensosehr wie die weit verbreitete klassische Rollenverteilung. Auf der Metaebene nervt mich, dass diese Dinge kaum thematisiert werden. Ich freue mich, dass ich auf umstandslos.com meine Ansichten darüber posten darf.
    Andererseits: Als Person ohne Blogging-Erfahrung und mit wenig Ahnung über die Feinheiten der diskriminierungsfreien Sprache weiß ich oft nicht, welche Formulierungen gehen und welche nicht.

    Beide Faktoren kombiniert führten zu dem von Dir kritisierten Text. Eine überarbeitete Version wird die derzeitige Version in Kürze ersetzen – danke nochmal an Maria für ihre Unterstützung. Bei weiteren Veränderungswünschen einfach melden!

  4. Ortrud

    Danke Eva für Deine Antwort und Offenheit.

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