Ich erinnere mich.

von Cornelia

Ich erinnere mich an eine große Geburtstagsparty in einem Lokal. Und wie froh ich bin, dass die Gäste an der Bar bestellen. Ich trinke den ganzen Abend alkoholfreies Bier aus dem Glas und erkläre mich vor niemanden wegen meiner Abstinenz.

Ich erinnere mich an den metallischen Geschmack im Mund und an den Geruch des damaligen Duschgels. Die dazu passende Creme schmeiße ich später weg, weil ich den Geruch nicht ertrage.

Ich erinnere mich an das erste Ultraschallbild. Es ist so abstrakt, ich bin nicht imstande für den Punkt darauf etwas zu empfinden. Ich erinnere mich an Yogaübungen und die Irritation darüber, trotz größter Besinnung auf meinen Körper kein Gefühl von einem Kind in mir aufkommen zu spüren.

Ich erinnere mich an eine Zwischenblutung. Da ist auch der Gedanke, ob es nicht besser wäre, wenn es aufhört, bevor es beginnt.

Ich erinnere mich an die Wölbung am Ende der ersten zwölf Wochen. Hallo, Baby, sage ich zum ersten Mal und habe das Gefühl, mit einem Lebewesen und keiner Erwartungshaltung zu sprechen.

Ich erinnere mich an einen heißen Urlaubstag in Lissabon. Ich stehe an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung und warte im Schatten auf die Freundinnen, die Ansichtskarten kaufen. Die Hand auf meinem Bauch überrumpelt mich. Ich habe keine Zeit zu reagieren, schon ist sie wieder weg. Entgeistert rufe ich dem Mann etwas hinterher. Er lacht und ruft etwas freudig Klingendes in der mir fremden Sprache zurück. Hat er nicht gemerkt, dass ich mich belästigt fühle?

Ich erinnere mich an den Mann, der mir als erster einen Sitzplatz in der Straßenbahn anbietet. Überhaupt. Die Freundlichkeit der Menschen im unfreundlichen Wien. Den Straßenbahnsitz lehne ich ab. Öfter als ich eigentlich soll.

Ich erinnere mich an einen Arztbesuch wegen einer Lappalie. Neben mir, eine Frau in meinem Alter. Ich ärgere mich ein bisschen, weil mich im Wartezimmer alle abwechselnd unverhohlen anstarren. Oder, besser gesagt, den Bauch. Auch die Frau neben mir tut das. Beim Gehen höre ich sie am Empfang eine Frage stellen. Und ihren Nachsatz: „Es ist … weil mein Kind. Er ist vor acht Wochen gestorben.“

Ich erinnere mich an die Lieferung des Babyschlafsackes. Ich habe ihn ausgepackt und ihn in den Arm genommen, als ob ein Baby darin stecken würde. Ich erinnere mich an eine überwältigende Freude.

Ich erinnere mich an die Fußtritte, immer nachts. Fest und stundenlang. Ich liege viel wach und kann mich nur schwer von einer auf die andere Seite drehen. Der Bauch wächst und die Haut ist so dünn. Alles spannt. Das Kind drückt in jede Richtung. Irgendwann habe ich seinen Hintern in der Hand. Ich muss lachen, weil ich das so absurd finde. Manchmal spüre ich auch sein Schluckauf. Wer den Kopf gegen den Bauch legt, hört das Herz des Kindes schlagen.

Ich erinnere mich an den Kauf des Kinderwagens. An die eigenartige Vorstellung, dass in wenigen Wochen das Kind in mir plötzlich in dem Wagen neben mir liegen sollte.

Ich erinnere mich an die Angst vor der Geburt.

Ich erinnere mich an den Satz: „Ich glaube, das war eine Wehe. Schreibst du mit?“

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